Eröffnung der Weltkunstausstellung in Kassel

documenta 14: Allzu verzagt

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Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besuchte ebenfalls die documenta 14 in Kassel.

Die documenta 14 in Kassel ist eröffnet. Wir haben uns auf der Weltkunstausstellung umgeschaut. Ein Rundgang: 

Adam Szymczyk

Kassel – Für viele Menschen auf unserem Globus ist Kassel gleich documenta. Die beiden „Marken“ sind ineinander verwoben. Verwoben auch mit dem Anspruch, aus der mörderischen Kunstpolitik der Nationalsozialisten zu lernen, aus moderner Kunst heraus Demokratie zu bauen und sie immer intensiver zu leben. Adam Szymczyk (Jahrgang 1970), der künstlerische Leiter der documenta 14, möchte diese einzigartige Institution, die obendrein zur wichtigsten Standortbestimmung aktueller Kunst weltweit geworden ist, ausdehnen. Er hatte sich für eine fast parallele Ausstellung in Athen entschieden. Die Jury, die den polnischen Kurator von der Kunsthalle Basel im Jahr 2013 auswählte, akzeptierte die Idee. Jetzt, nachdem man einen ersten tiefen Eindruck von der eigentlichen documenta 14 in Kassel gewinnen konnte, ist klar: Das war eine Fehlentscheidung. Das Doppelspiel ist offensichtlich nicht zu schaffen und zerstört mittelfristig die documenta Kassel.

In Kassel läuft die documenta 14 bis 17. September

Die documenta 14 ist in der hessischen Stadt seit diesem Wochenende öffentlich zugänglich und endet am 17. September. In Athen läuft die Präsentation seit 8. April und endet am 16. Juli. Die Reaktionen auf die Kunstauftritte in der griechischen Hauptstadt waren, milde ausgedrückt, verhalten. Szymczyks Motto „Von Athen lernen“ war und ist nicht recht nachvollziehbar – was er selbst in der dreistündigen, langatmigen Eröffnungspressekonferenz indirekt eingestand. Was hätte man von Athen lernen können? Dass man selbst mit höchster Kultur tief fallen kann? Das wissen wir Deutschen noch viel besser. Dass die Wiege der Demokratie die Wiege der Imperialisten war? Dass die antiken Griechen die meisten „anderen“ ausgrenzten? Dass sie selbst kolonisiert wurden? Dass sie ihre Geschichte vergaßen, hätten nicht andere (!) Völker sie daran erinnert? Dass nur Gemeinsinn und Kultur ein Gemeinwesen vital halten?

Das Fridericianum ist das Herz der documenta

All das mag die documenta-14-Macher bewegt haben, aber wirklich erkennbar spiegelt sich davon nichts in den 35 (!) Spielstätten in Kassel. Was sich zeigt, ist eine gut gemeinte Verlegenheitsgeste den seit Jahren gebeutelten Griechen gegenüber. Sie bekamen ein Kunst-Carepaket von den reichen Verwandten aus Deutschland. Am schmerzhaftesten symbolisiert wird die Peinlichkeit im Fridericianum (1779). Es gehört nicht nur zu den ersten Museumsbauten Europas, sondern ist seit dem Anbeginn von 1955 das Herz der documenta.

Jetzt nicht mehr. Das Herz wurde entfernt. Dafür darf das Nationale Museum für zeitgenössische Kunst Athen (EMST) eine Auswahl seines Bestandes präsentieren (Kuratorin: Katerina Koskina). Dieses Museum hat mittlerweile eine Sammlung und ein Gebäude in der griechischen Hauptstadt, aber kein Geld, um zu eröffnen.

Szymczyks Geste ist nett, schadet indes ihm, der documenta-Idee generell und dem EMST. Natürlich ist es bequem, die Sammlung hier kennenlernen zu dürfen und vor allem zwischen internationalen Größen wie Joseph Kosuth oder Bill Viola zu sehen, dass griechische Künstler immer auf der Höhe der Zeit waren und sind – und es nicht nur die Legende Jannis Kounellis gibt. Die Kuratorin geht unter anderem auch auf Flucht und Abschottung ein: ob mit Andrea Bowers Grafitblättern mit Grenzzaun-Maschendraht und den Namen derer, die zwischen Mexiko und den USA gestorben sind, oder ob Kendell Geers Installation aus Nato-Draht „Acropolis Redux“, die sozusagen schneidend glanzvoll für Europa steht.

Schales Gefühl beim Betrachter

„Acropolis Redux (The Director‘s Cut)“ von Kendell Geers im Fridericianum.

Das sind immer wieder bewegende Aussagen – aber dieses Immer-wieder, dieses Déjà-vu verursacht ein schales Gefühl. Wirklich spannend, weil überzeitlich wird es bei Künstlern wie Stathis Logothetis (1925-1997), der die Leinwand seit den Sechzigern zum Leib machte, und zwar zum verwundeten. Nähte und Narben, Ausstülpungen und -wüchse verwandeln Gemälde in Haut und Fleisch. Selten rückt einem Kunst körperlich derart nahe. Die Beziehung zwischen Schicksal, Textilem und Leiblichkeit stellt Janine Antoni mit Webstuhl, von dem sich die Fäden zur Decke schwingen, Bettzeug und REM-Schlaf-Dekodierer her. Die Parzen, die die Lebensfäden spinnen und irgendwann durchschneiden, spürt man hier als Mensch von 2017 durchaus.

Überhaupt scheinen die Ausstellungsmacher Gewebe wieder mehr in die Aufmerksamkeitszone rücken zu wollen. So ist die sardische „Näherin“ Maria Lai (1919-2013) mit hintersinnigen Arbeiten, bei denen sich der Faden sogar durch den Brotteig zieht, sowohl in Kassel (Standort: Neue Galerie) als auch auf der Biennale in Venedig vertreten. Genauso wie eine andere große alte Dame der bildenden Kunst, Geta Bratescu (Jahrgang 1926). Der begnadeten Zeichnerin und Performerin der ersten Stunde widmet Rumänien in der Lagunenstadt den kompletten Pavillon. Und man kann über ihr vielfältiges, großartiges Schaffen nur staunen. In Kassels Neuer Galerie erhält sie ein Kabinett, die Wirkung ist schwächer. In diesem Museum zeigt sich außerdem, dass nicht nur das EMST Probleme hat, bedeutende Kunst an Land zu ziehen. Wenn einem Bronzeskulpturen aus dem Benin (18. Jh.), die Büste eines abgemagerten Buddhas (2. bis 3. Jh.) und Karl Hofers Gemälde „Mann in Ruinen“ (1937) an einem documenta-Standort am besten gefallen, stimmt etwas nicht. Immerhin rettet Maria Eichhorn die Ehre des Hauses.

Maria Eichhorns Arbeit überzeugt

Sie hat sich mit Aktion und Installation erneut den Raubzügen der Nazis und deren Nutznießern unter den Deutschen gewidmet. 2003 ging es im Münchner Lenbachhaus um Raubkunst und Restitution, in Kassels Neuer Galerie belegt sie anhand der Sammlung Alexander Fiorino mithilfe eines Turms der gestohlenen Bücher und der erschreckenden Dokumente, wie Menschen schamlos ausgeplündert wurden: egal, ob Bettwäsche oder Klavier, Grundstück oder Patent. Nachhaltig ergänzt wird dieser Fall durch die Gründung des Rose Valland Instituts, das alle auffordert, im eigenen Heim nach Raubobjekten zu forschen (rosevallandinstitut@org). Valland hatte in Paris zur Besatzungszeit versucht, gestohlene Gegenstände zu retten.

Wie aus den Beispielen EMST, Fridericianum und Neue Galerie ersichtlich ist, agiert Adam Szymczyk mit „Von Athen lernen“ aus einer Verzagtheit heraus. Deswegen verankert er die documenta 14 in kultureller Selbstvergewisserung. Für ihn sind das alte Künstler und Museen. Deswegen gastiert die documenta 14 eben nicht nur in leeren Häusern, sondern in jedem Museum der Stadt, sogar in dem für Sepulkralkultur. Übrigens wird in der berühmten documenta-Halle die Hoffnung nicht aufgegeben. Obwohl das Schiff gescheitert ist, zaubert Guillermo Galindo daraus Musikinstrumente: „Fluchtzieleuropahavarieschallkörper“ (2017). Ob für den documenta-Besucher an den anderen Ausstellungsstandorten Hoffnung besteht, wird in einem weiteren Artikel aufgeklärt.

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