Der Fiskus und die Juden

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Die Familie Lichtenstein (von links): Ilse Lichtenstein, die Grosseltern Rosa und Selig Frankenthal, die Eltern Kaethe und Meinhard Lichtenstein. Vor Kaethe und Meinhard Lichtenstein steht ihre juengste Tochter Inge. Foto: HR/Ernst W. Klein

Region. "Da mein Sohn außerordentlich begabt ist, wie auch sein Lehrer bestätigt, bitte ich Sie, mir das Klavier des evakuierten Juden zu über

Region. "Da mein Sohn außerordentlich begabt ist, wie auch sein Lehrer bestätigt, bitte ich Sie, mir das Klavier des evakuierten Juden zu überlassen": Mit dieser Bitte trat 1942 ein Offenbacher Bürger an sein Finanzamt heran. Zu dieser Zeit waren die Finanzämter bereits mit der  Verwertung des Eigentums der Deportierten befasst, das seit der 1941 erlassenen 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz dem "Reich verfiel". Überall kam es zu Auktionen aus jüdischem Besitz: Tischwäsche, Möbel, Spielzeug, Geschirr, Lebensmittel wechselten den Besitzer.Vorausgegangen waren ab 1933 zahlreiche Gesetze und Verordnungen, die auf die Ausplünderung jüdischer Bürger zielten. Umgesetzt wurden sie von den Finanzbehörden in Kooperation mit weiteren Institutionen. In der Folge verdiente das "Deutsche Reich" durch die Reichsfluchtsteuer an denen, die es in die Emigration trieb, wie an denen, die blieben, weil ihnen das Geld für die Auswanderung fehlte oder weil sie ihre Heimat nicht verlassen wollten.Davon erzählt die Ausstellung "Legalisierter Raub. Der Fiskus und die Ausplünderung der Juden in Hessen 1933-1945", die das Fritz Bauer Institut und der Hessische Rundfunk auf Einladung des Regionalmuseums Wolfhager Land vom 17. Januar bis 7. April 2013 in den Räumen des Museums zeigen.

Die Vorgeschichte

Eine Ausstellung von Prof. Dr. Wolfgang Dreßen in Düsseldorf hatte 1998 die fiskalische Ausplünderung der Juden im Nationalsozialismus erstmals in das Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt: "‘Aktion 3'. Deutsche verwerten jüdische Nachbarn" zeigte Unterlagen aus dem Bezirk der Oberfinanzdirektion Köln.Auch in den hessischen Staatsarchiven lagen umfangreiche Aktenbestände zum Thema vor, es fehlte an einer zusammenhängenden Darstellung. 1999 stellte das Land die Mittel für ein Forschungsprojekt zur Verfügung, das vom Fritz Bauer Institut und dem Hessischen Hauptstaatsarchiv durchgeführt wurde.Die gesichteten Devisenakten, Steuerakten, Vermögenskontrollakten und Handakten jüdischer Rechtsanwälte zeigen, dass Finanzbehörden, Zollfahndung und Devisenstellen gemeinsam mit der Gestapo und anderen Organisationen in gesetzlich legalisierten Aktionen Sparbücher, Devisenguthaben und Wertpapierdepots jüdischer Bürger einzogen. Sie belegten ihre Opfer mit Sondersteuern und Strafkontributionen und versteigerten das Hab und Gut der aus Deutschland Geflohenen oder Deportierten. Die Ausplünderung ein wichtiger Teil der Vernichtungsmaschinerie und zugleich Bestandteil der NS-Kriegswirtschaft.Dieses Forschungsprojekt bildete die Grundlage für die gemeinsam mit dem Hessischen Rundfunk konzipierte und realisierte Ausstellung.

Die Ausstellung

Die Tafeln im Hauptteil der Ausstellung entwickeln die Geschichte der Tätergesellschaft. Ein Rückblick auf die Zeit vor 1933 zeigt, dass die Nationalsozialisten bei ihrer Machtübernahme auf weit verbreitete antisemitische Klischees zurückgreifen konnten, insbesondere auf das Bild vom "mächtigen und reichen Juden", der sein Vermögen mit List und zum Schaden des deutschen Volkes erworben habe. Vor diesem Hintergrund zeichnet die Ausstellung die Stufen der Ausplünderung und die Rolle der Finanzbehörden von 1933 bis 1945 nach. Im Zimmer eines Finanzbeamten können die  Besucher in Aktenordnern blättern: Sie enthalten u.a. Faksimiles jener Vermögenslisten, die Juden vor der Deportation ausfüllen mussten, um den Finanzbehörden die "Verwaltung und Verwertung" ihrer zurückgelassenen Habseligkeiten zu erleichtern. Weitere Tafeln beschäftigen sich mit den kooperierenden Interessengruppen in Politik und Wirtschaft, aber auch mit dem "deutschen Volksgenossen" als Profiteur. Schließlich wird nach der sogenannten Wiedergutmachung gefragt: Wie ging die Rückerstattung in Hessen und Berlin vor sich? Wie erfolgreich konnte sie angesichts der gesetzlichen Ausgangslage und der weitgehend ablehnenden Haltung der Bevölkerungsmehrheit sein?Im Zentrum der Ausstellung stehen Vitrinen, die die Geschichten von Opfern aus ganz Hessen erzählen,  unter anderem von Familie Lichtenstein aus Volkmarsen.

Schneidermeister Lichtenstein aus Volkmarsen

Meinhard Lichtenstein wurde am 1886 in Volkmarsen geboren. Er lebte mit seiner Frau Käthe und den Kindern Arthur, Ilse und Inge im Haus neben Polizeihauptwachtmeister Heinrich Claus und dessen Frau Elisabeth. Die Beziehungen zwischen den Familien (so erinnerte sich Ilse Lichtenstein in einem Jahrzehnte später geführten Interview) waren freundlich – wie das Verhältnis zwischen den Christen und den wenigen Juden im Ort bis 1933 überhaupt entspannt und freundlich gewesen sei.Meinhard Lichtenstein war Schneidermeister. Seine Werkstatt wurde bereits 1933 von Nazis attackiert, die zum Boykott der jüdischen Geschäfte aufriefen.

Im Mai 1938 floh der gerade 18-jährige Sohn Arthur in die USA, wo er eine Schneiderwerkstatt aufbaute.Mit dem Pogrom im November 1938 verloren die Lichtensteins die Grundlagen ihrer materiellen Existenz. Meinhard Lichtenstein wurde von Heinrich Claus, dem diese Handlung offenbar großes Unbehagen bereitete, verhaftet und mit den anderen jüdischen Männern der Region ins KZ Buchenwald verschleppt. Einen Monat später kehrte er abgemagert und erschöpft, aber halbwegs gesund nach Volkmarsen zurück. Die Wohnung und die Werkstatt der Familie wurden während der "Kristallnacht" völlig verwüstet und ausgeplündert. Der Betrieb eines eigenen Handwerksgeschäfts war Juden nun untersagt, zusätzlich mussten sie einen Teil ihres verbliebenen Vermögens als sogenannte "Judenvermögensabgabe" an den Reichsfiskus abtreten. Eine ungewöhnliche Hilfe erhielt die Familie offenbar von ihrem Nachbarn: Polizeihauptwachtmeister Claus kaufte den Lichtensteins ein Gartengrundstück ab, überließ es ihnen aber weiterhin zur Hälfte zur Nutzung und unterstützte sie bis zuletzt mit Lebensmitteln.Die mittlere Tochter Ilse floh nach der Pogromnacht mit einem Kinder- und Jugendtransport in die Niederlande, wo sie in einem christlichen Kinderheim auf die Auswanderung in die USA wartete. Die Familie hoffte zu diesem Zeitpunkt noch auf eine gemeinsame Flucht, die Eltern warteten dringend auf die notwendigen Ausreisepapiere. Im März 1940, als die Überfahrt von Ilse endlich bevorstand, bat sie die Eltern um die Zusendung eines Schlafanzugs und zweier Kissenbezüge, die sie in ihrem Handarbeitskurs selbst genäht hatte. Ihr Vater schickte die Textilien in zwei Päckchen als "Muster ohne Wert" ohne den Absender anzugeben - wohl wissend, dass er gegen die Devisenvorschriften verstieß, die es Juden verboten, etwas ohne Genehmigung und entsprechende Abgaben ins Ausland zu senden. Das Postamt benachrichtigte die Devisenstelle, die sofort ein aufwändiges Ermittlungsverfahren gegen Meinhard Lichtenstein einleitete. Er wurde schließlich zu einer Strafe von 55 RM verurteilt, der Schlafanzug und die Kissenbezüge wurden in Kassel öffentlich versteigert. Der Gewinn für die Reichskasse betrug 13,10 RM. Die Postkarten, die die Tochter von Rotterdam aus schrieb, wurden aus Ermittlungsgründen "zu den Akten" genommen und kamen bei den Eltern nie an.Käthe und Meinhard Lichtenstein wurden mit ihrer  Tochter Ingeborg Ende Mai 1942 von der Gestapo nach Kassel verschleppt und Anfang Juni ins Vernichtungslager Sobibor deportiert. Sie wurden vermutlich alle drei dort direkt nach ihrer Ankunft ermordet.Der Großteil des verbliebenen Hausrats und der Werkstattausrüstung wurde durch die Finanzbehörde eingezogen und verkauft, aber Lichtensteins hatten vor ihrer Deportation einige Dinge, die ihnen besonders wichtig erschienen, Koffer mit Textilien, Bücher, eine Nähmaschine und Porzellan, bei befreundeten Familien untergestellt. Diese Familien betrachteten den zur Aufbewahrung übergebenen Hausrat nie als ihr Eigentum, sondern bewahrten ihn auf, bis in den 1980er Jahren erstmals Tochter Ilse zu Besuch nach Volkmarsen kam.

Öffnungszeiten

Wegen der Ausstellung "Legalisierter Raub. Der Fiskus und die Ausplünderung der Juden in Hessen 1933-1945" ist das Regionalmuseum Wolfhager Land in der Zeit vom 17. Januar bis April 2013 zusätzlich zu den üblichen Öffnungstagen – Dienstag bis Donnerstag – auch am Freitag, jeweils von 10 bis 13 und von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Außerdem Samstag und Sonntag von 14 bis 17 Uhr.

Für Schulen öffnet die Ausstellung auf Anfrage auch außerhalb der Öffnungszeiten.

Eintritt:

Schulklassen und Jugendgruppen: kostenfrei

Erwachsene: 3 Euro     /    Gruppen ab 10 Erwachsenen: pro Person 1 Euro

Der Besuch des Museums ist eingeschlossen.

Gruppenführungen: 25 Euro. Anmeldungen: Telefon 05692/992431

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