Pollenflugvorhersagen nur bedingt hilfreich

Region. Die Wetterdienste bemühen sich, doch der Fehler liegt im System: Pollenflugvorhersagen sind für Allergiker nur bedingt hilfreich, weil die D

Region. Die Wetterdienste bemühen sich, doch der Fehler liegt im System: Pollenflugvorhersagen sind für Allergiker nur bedingt hilfreich, weil die Daten meist vom Vortag stammen und ihre Erhebung ein Fehlerpotenzial birgt.

Für Michael Beck sind ausgedehnte Wanderungen mit seiner Hündin "Moon" eine wahre Freude. Der pensionierte Grafiker streift dann stundenlang durch das reizvolle Schaumburger Land. Allerdings weist ihn die Natur oft in die Schranken: Wenn bestimmte Pollen fliegen, muss er zurück ins heimische Quartier. "Leider merkt man das erst unterwegs". Sein Problem: Zwar veröffentlichen die Wetterdienste detaillierte Vorhersagen für den Pollenflug, die sogar mit dem Mobiltelefon über Apps abrufbar sind. Doch deren Datenbasis ist verhältnismäßig alt und mitunter fehlerträchtig, so dass selbst gute Meteorologen nur einen vagen Trend ableiten können. Für Allergiker sei das nur bedingt brauchbar, so Beck. Von Ausflügen in den geliebten Harz sieht der gebürtige Stendaler daher zur Blütezeit ab: "Eine Allergiereaktion kann den ganzen Tag vermiesen".

Seit 60 Jahren unverändert

Das der Pollenflugvorhersage zugrunde liegende System ist europaweit nahezu einheitlich: Eine sogenannte Hirst- oder Burkard-Falle saugt Außenluft an und sammelt den darin enthaltenen Blütenstaub auf einem Klebestreifen. Dann wird unter einem Mikroskop die Pollenart und -konzentration ermittelt. Das simple, bereits 1952 veröffentlichte Verfahren wird bis heute praktisch unverändert angewandt. In Deutschland gibt es 45 solcher Messstationen, deren Ergebnisse vom Deutschen Wetterdienst einmal täglich als Pollenflugvorhersage im Internet veröffentlicht werden. Daneben erstellen auch private Wetterdienste Vorhersagen. Viele Apps hingegen bilden offenbar nur den saisonalen Verlauf des Pollenflugs, den sogenannten Pollenkalender, ab. Dieser basiert auf langjährigen Erfahrungswerten. Eine aktuelle Messung der Pollenkonzentration liegt dem nicht zu Grunde.

Sachkundige bemängeln die Aktualität der Messungen: Die 24 bis 48 Stunden alten Erhebungen könnten für Allergiker nur bedingt von Relevanz sein. Für sie wäre es vorteilhaft, möglichst frühzeitig vorgewarnt, statt nachträglich informiert werden. Um die Betroffenen wirksam zu unterstützen, müssten Pollenart und -aufkommen quasi in Echtzeit, mindestens aber mehrfach am Tag, ermittelt und veröffentlicht werden.

Kritik wird auch an der Methodik der manuellen Identifikation der teils nur 0,01 mm kleinen Pollenpartikel geübt. Bestimmte Arten lassen sich nur anhand feinster Variationen in Größe, Symmetrie sowie in Anzahl und Gestalt von Ausstülpungen und Einkerbungen unterscheiden. Ringversuche in mehreren europäischen Ländern haben Fehlerquoten von bis zu 50 Prozent ergeben. Die Qualität der Auswertung hängt vor allem von der Erfahrung der Pollenzähler ab. Dass der Pollenflug zudem nicht ganzjährig flächendeckend gemessen wird, gilt als weiteres Manko. Zwar blühen Pflanzen naturgemäß in warmen Perioden. Doch das ist relativ: Einschließlich Vor- und Nachblüte haben viele Arten von Februar bis September Saison. Lediglich von Oktober bis Januar herrscht weitgehend Ruhe.

12 Millionen Allergiker

Nach Angaben des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung leidet etwa jeder siebte Deutsche unter Allergien, die durch Pollen hervorgerufen werden. Die Tendenz ist steigend. Symptome zeigen sich meist über Nase, Augen und Haut, aber auch durch Atemnot oder Husten. Typisch ist der sogenannte Heuschnupfen mit Niesreiz und laufender Nase. Weil auch Kreuzreaktionen mit Nahrungsmitteln beobachtet werden, sollten Pollenallergien stets ernst genommen werden. Als heftigste Reaktion gilt der anaphylaktische Schock, eine lebensgefährliche Überreaktion des Immunsystems. Wer eine Allergie bei sich vermutet, sollte zum Arzt gehen. Der macht einen harmlosen Prick-Test, um eine Reaktion auf bestimmte Pollen festzustellen. Schnell und gut helfen dann Sprays oder Antihistaminika-Tabletten, die im Gegensatz zu früher nicht mehr müde machen. Leiden die Betroffenen arg, könnte eine Hyposensibilisierung dauerhaft Abhilfe schaffen – doch das Verfahren mit vielen Spritzen ist unangenehm und langwierig.

Wandersmann Beck träumt indes von vollautomatischen Anlagen, die im Minutentakt Pollen ansaugen, eindeutig identifizieren, auszählen und das Ergebnis online stellen: Dann könnte er sich quasi "live" über die Pollenverbreitung informieren und seine Aktivitäten im Freien planen. Zwar gibt es bereits solche Anlagen. Doch weil sie nicht flächendeckend eingesetzt werden, wird er weiterträumen.

Foto: Techniker Krankenkasse

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