75.000 Stolpersteine: Alsfelder Gunter Demnig verlegte fast jeden einzelnen davon

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Gunter Demnig mit seinem Markenzeichen, einem breitkrempigen Hut, in seinem Atelier in Alsfeld/Elbenrod. Mit mehr als 75.000 Stolpersteinen, verlegt in 26 Ländern auf der Welt, hat er das größte dezentrale Mahnmal geschaffen. Foto: Gerten

Gunter Demnig wohnt seit knapp drei Jahren in Alsfeld – genauer: im Ortsteil Elbenrod. Der gebürtige Berliner lebt dort gemeinsam mit seiner Frau und zwölf oder 13 Katzen – so genau wisse er das gar nicht – in einem gemütlichen alten Haus direkt an dem Flüsschen Berf.

Alsfeld - Auf dem Grundstück sind Bauarbeiten: Die alte Scheune samt Dachstuhl wird ausgebaut. Demnig ist Künstler und benötigt für seine Werke viel Platz. Da stehen zum Beispiel schrill bunte Automaten, die eher an einen Rummel als an ein Atelier erinnern und dem Betrachter einen Kinnhaken, ein wohlgemeintes Schulterklopfen, eine Ohrfeige oder einen Tritt in den Allerwertesten verpassen. Da stehen zum Beispiel auch knapp vier Meter hohe Klanginstallationen aus Papier. Androiden. Gesetzestafeln. Maschinen.

Sein Lebenswerk ist jedoch etwas anderes. Etwas, das europaweit bekannt ist und nicht in Ateliers ausgestellt, sondern in Gehwege eingelassen wird: der sogenannte Stolperstein. Und nicht nur einer davon. Mit bereits über 75.000 Stolpersteinen hat Gunter Demnig das größte dezentrale Mahnmal Europas geschaffen und erinnert damit an die Opfer des Nationalsozialismus – und zwar an den Orten, an denen die Opfer zu Hause waren.

„Hier wohnte Jeanette Lore Strauss, Jg. 1921, deportiert 1942, ermordet in Zamosc“ (Steinborngasse 12, Alsfeld) 

„Ich hätte nie für möglich gehalten, dass das Projekt solche Ausmaße annimmt“, sagt Gunter Demnig im Gespräch mit dieser Zeitung. Für ihn sei es zu Beginn Konzeptkunst gewesen. Als er 1992 das Buch „Kunstprojekte für Europa“ mit dem Untertitel „Größenwahn“ sah, dachte er: „Da passt meine Idee gut rein.“ 1996 verlegte der heute 72-Jährige schließlich den ersten Stolperstein in Berlin-Kreuzberg – ohne Genehmigung, später dann aber legalisiert. Bis heute hat sich das Aussehen eines Stolpersteins nicht verändert: Eine zehn mal zehn Zentimeter große Messingplatte, die eine Inschrift trägt – meist beginnt sie mit den Worten „Hier wohnte...“. Die Steine werden am zuletzt frei gewählten Wohnort des Menschen verlegt.

 „Hier wohnte Alice Stein, geb. Hammel, Jg. 1901, deportiert 1941 Kowno, ermordet 25.11.1941“ (Zeller Weg 3, Alsfeld) 

Stolpersteine liegen in bereits über 2000 Kommunen in 26 Ländern. Für Demnig war es von Beginn an essentiell, dass der Antrag für einen Stolperstein aus dem Ort selbst kommt. Ihm ist es wichtig, dass sich Hinterbliebene, Schulklassen, Menschen aus den Kommunen mit den Schicksalen der Kriegsopfer auseinandersetzen. Er sagt: „Sechs Millionen ermordete Juden. Das ist gerade für junge Menschen nur eine abstrakte Zahl. Doch jeder einzelne davon hat seine Geschichte. Und wenn die Geschichte in ihrem Ort, in ihrer Straße oder sogar in ihrem Haus passiert ist, wird es konkret.“

Zwei der insgesamt 42 in Alsfeld verlegten Stolpersteine.

Jedes Opfer erhält seinen eigenen Stein. Gedacht wird mit diesem Projekt aller verfolgten oder ermordeten Opfer des Nationalsozialismus. Juden. Sinti und Roma. Politisch Verfolgten. Religiös Verfolgten. Zeugen Jehovas. Menschen mit geistiger und/oder körperlicher Behinderung. Menschen, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Hautfarbe verfolgt wurden. Als „asozial“ verfolgte Menschen, wie Obdachlose oder Prostituierte. Zwangsarbeiter und Deserteure. Letztlich aller Menschen, die unter diesem Regime leiden mussten.

Das Thema Holocaust und Krieg hat den gebürtigen Berliner schon immer beschäftigt. Geboren am 27. Oktober 1947 gehört er zur ersten Nachkriegsgeneration. „Bei uns zu Hause haben wir nie über die Zeit des Nationalsozialismus gesprochen. Das war Tabu“, sagt Demnig. Als er im Alter von 17 Jahren ein Foto seines Vaters, posierend auf einer Flugabwehrkanone, fand, fing er an das Leben seiner Eltern in Hitlers Reich zu hinterfragen. Die Gräueltaten des Nationalsozialismus verarbeitete er in seiner Kunst – immer mit dem Ziel: Gegen das Vergessen. Er sei ein „68er“ – sein erstes Kunstwerk im Öffentlichen Raum: eine USA-Flagge mit Totenköpfen anstelle der Sterne, gehisst während des Vietnamkriegs. Er wurde festgenommen. Insgesamt drei Mal in seiner Künstlerlaufbahn. Er sagt, jede Kunst sei politisch, auch wenn er sich nicht für einen politischen Menschen halte.

Demnigs Kunst polarisierte schon immer. „Drei Morddrohungen in 20 Jahren, damit kann ich leben“, sagt der Wahl-Alsfelder. Bei der Verlegung von Steinen bei Leipzig sind Neonazis aufmarschiert – „in Schlips und Kragen“, nicht mit Springerstiefeln. Sie forderten Demnig auf, auch etwas für die gefallenen deutschen Soldaten zu machen. „Ich habe damals zu ihnen gesagt: ‚Machen Sie das doch selbst, gründen Sie einen Verein und gehen Sie zum Bürgermeister – ich mache derweil weiter.“

„Hier wohnte Walter Stern, Jg. 1914, deportiert Majdanek, ermordet 10.6.1942“ (Mainzer Gasse 1, Alsfeld)

 Auch heute polarisieren Demnigs Stolpersteine in einigen Städten. Zum Beispiel genehmigen die Städte München und Fulda keine Verlegung der Messingplatten. Der häufigste Kritikpunkt an Demnigs Arbeit: Die Menschen würden auf den Namen ermordeter Juden mit Füßen herumtreten. Die prominenteste Gegnerin des Mahnmals ist Charlotte Knobloch, seit 1985 Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern und ehemalige Vizepräsidentin des Jüdischen Weltkongresses. Für sie sei es „unerträglich“, dass auch heute noch in Form der Stolpersteine auf den Opfern der NS-Zeit herumgetreten werde.

Eine Kritik, die Demnig in keiner Weise nachvollziehen kann: „Das ist die absolute Verharmlosung der Verbrechen der Nazis. Hätten sie damals nur auf den Menschen herumgetreten, wären sie mit blauen Flecken davon gekommen. Richtig ist aber: Sie wurden vernichtet.“ Und außerdem: „Weil die Steine in den Boden eingelassen sind, muss sich jeder, der die Inschrift lesen möchte, hinunterbeugen. Es ist eine Verneigung vor dem Opfer.“

„Hier wohnte Selma Lorsch, geb. Stiefel, Jg. 1898, deportiert 30.9.1942, ermordet in Treblinka“ (Rittergasse 4, Alsfeld) 

Die allermeisten der mittlerweile über 75.000 Steine hat Demnig selbst verlegt. Jede einzelne Inschrift auf den Steinen stammt von ihm. In Datenbanken recherchiert er nach Vorarbeit der Antragsteller die Schicksäle der Opfer und der Familien. Doch ist die Arbeit alleine nicht mehr zu bewerkstelligen. Im Jahr 2015 gründete Demnig eine Stiftung. Mittlerweile sind darin neun Mitarbeiter tätig, die sich mit der Recherche, Herstellung der Messingplatten und Archivarbeit beschäftigen.

Sein Mahnmal führt ihn durch ganz Europa. Zu Beginn dieses Jahres war Demnig einige Wochen in Italien unterwegs, um Steine zu verlegen – die nächste Reise führt ihn nach Serbien. Die Nachfrage reißt nicht ab. Eine Massenabfertigung wolle man allerdings nicht: „Die Nationalsozialisten haben Menschen in Masse ermordet. Die Steine sollen die Namen zurückbringen und an jedes einzelne Schicksal erinnern. Jeder Stein soll per Hand gefertigt und per Hand verlegt werden. Die Verlegungen sind keine Routine; jedes Schicksal bewegt uns und soll bewegen.“ 440 Steine könne das Team im Monat herstellen und verlegen. Freie Termine für Verlegungen gibt es erst wieder in 2021.

Die Stolpersteine sind Demnigs Lebenswerk, das seine Eltern nicht mehr miterlebt haben. Auch wenn in seiner Kindheit am Esstisch nicht über die NS-Zeit gesprochen wurde, glaubt er, dass sein Vater stolz auf seine Arbeit wäre. Ans Aufhören denkt er nicht. So lange es geht, möchte er mit den Stolpersteinen gegen das Vergessen kämpfen.

Weitere Infos, unter anderen zu einer Antragstellung, finden sich auf www.stolpersteine.eu

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