"Nicht mehr Herr der Lage" - Borkenkäfer richten hohe Schäden auch im Vogelsberg an

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Die Schäden an den etwa 30 Jahre alten Fichten durch den Borkenkäfer sind irreparabel. Die Bäume rechts im Bild sind bereits abgestorben und können kaum mehr wirtschaftlich genutzt werden.

Bereits von der Landstraße zwischen Ohmes und Antrifttal aus lassen sich die vom Borkenkäfer befallenen Bäume erkennen: Ganz braun sind die wenigen noch verbliebenen Blätter. Die Fichten sind nicht mehr zu retten – sie sind dem Schädling zum Opfer gefallen.

Und diese Bäume sind bei weitem nicht die einzigen im Vogelsberg. „Die Rahmenbedingungen für den Käfer sind optimal. Besser geht es nicht“, sagt Jürgen Rupp vom Forstamt Romrod in einem Pressegespräch. Etwa zwei Monatsniederschläge fehlen nach seinen Aussagen in diesem Sommer. „Durchschnittlich fallen im Juni, Juli und August etwa 200 Liter Wasser, dieses Jahr waren es rund 70“, so Rupp. In seinen 30 Berufsjahren habe er eine solche Dürre noch nicht erlebt. Und die schwächt die Bäume und begünstigt somit das Ausbreiten der Borkenkäfer. Besonders betroffen sind die Fichten. Sie sind sogenannte Flachwurzler. Bedeutet: Ihre Wurzeln reichen nicht tief in das Erdreich und haben somit keinen Zugang zum Grundwasser. Die Bäume können aufgrund des Wassermangels nicht genügend Harz produzieren, um sich den Schädling vom Leib zu halten. Viel Windwurf und beschädigte Feinwurzeln – etwa in Folge des Sturmtiefs Friederike – haben zusätzlich für gute Bedingungen für die Borkenkäfer gesorgt.

Nicht mehr Herr der Lage

Am gefährlichsten ist der sogenannte Buchdrucker, eine Unterart des Borkenkäfers. Er bohrt sich durch die Rinde des geschwächten Baumes und siedelt sich zwischen dem Kernholz und der Rinde an – im Splintholz, wo der Baum sonst Wasser nach oben fördert. Die Leitungsbahnen werden zerstört. Der Baum stirbt infolgedessen ab. „Es ist jetzt schon die dritte Generation an Buchdruckern. In einem normalen Jahr sind es zwei“, sagt Rupp. Er geht davon aus, dass die Situation in den nächsten Wochen noch gravierender wird.

Dieser Borkenkäfer, ein sogenannter Buchdrucker, hat bereits eine dunkle Farbe. Mit zunehmendem Alter werden die Käfer immer schwärzer. Dann sind sie auch flugfähig und greifen benachbarte Fichten an.

Bis zu 100.000 Nachkommen produziert ein Buchdrucker-Weibchen. Nach vier bis sechs Wochen sind diese dann flugfähig und besiedeln die benachbarten Fichten. Auch die sogenannten Kupferstecher, eine weitere Unterart, sind in diesem Jahr aktiv – wenn auch in kleinerem Ausmaß. Sie befallen eher die jungen Bäume. Rupp bringt es schließlich auf den Punkt: „Sie vermehren sich derzeit explosionsartig. Wir sind nicht mehr Herr des Verfahrens.“ Helfen könne nur Mutter Natur. Und zwar mit einem kalten, feuchten Winter und einem kühlen, nassen Sommer. Selbstredend, dass das Forstamt dennoch alles unternimmt, um die Population der Borkenkäfer so gering wie möglich zu halten. Man versuche befallene Bäume so früh wie möglich zu erkennen – etwa an Verfärbung des Laubes, Bohrmehl auf dem Waldboden oder Spechtabschlägen am Baum, sagt Rupp. Dann könne durch Entrindung oder Fällen des Baumes der Borkenkäfer bekämpft werden. Ziel sei eine saubere Wirtschaft. Heißt: Schadholz im Wald gering zu halten, um den Käfern so wenig bruttaugliches Material wie möglich anzubieten. Doch mit der Arbeit komme man derzeit nicht hinterher.

Das Muster, das der Buchdrucker in der Rinde hinterlässt, sieht zwar schön aus - mit etwas Fantasie wie ein aufgeklapptes Buch. Doch für den betroffen Baum hat das gravierende Folgen.

Wirtschaftlicher Schaden

Nicht nur für die Bäume, auch für die Wirtschaft ist der Borkenkäfer ein Schädling. „Die Buchdrucker verfressen – möchte man es überspitzt formulieren – unsere Steuergelder“, sagt Dirk Hill, Forstwirtschaftsmeister. „Ganz klar: Es wird Mindererlöse geben“, bestätigt Rupp. 120 Millionen Euro erwirtschaftet HessenForst mit dem Holz durchschnittlich im Jahr. Sie betreuen etwa 80 Prozent des Waldes in Hessen. Da deutschlandweit derzeit sehr große Mengen Nadelholz anfallen, sinken die Preise. Die Sägewerke stoßen allein wegen des Windwurfes schon jetzt an ihre Kapazitätsgrenzen. Einen natürlichen Feind hat der Borkenkäfer – den Pilz. Der braucht allerdings feuchte Bedingungen. Darauf hofft Rupp im Winter.

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