Der Clown als Teufel der Spielhölle

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Hunderttausende Menschen in Deutschland stecken regelmäßig Geld in solche Automaten.

Der rote Clown heißt jeden Gast willkommen. Ohne ein Wort zu sagen. Er trägt eine Narrenkappe auf dem Kopf, die in drei Zipfeln gipfelt. Sein breites Grinsen reicht von Ohr zu Ohr. Doch keiner lächelt zurück.

Der Clown besteht aus sechs roten Neonröhren und lacht von den sonst kahlen Wänden der Spielothek auf die Glücksspieler herab.

In „San Remo“, „Monte Carlo“, „Monaco“ und „Las Vegas“ herrscht das gleiche Klima. Die Temperatur liegt konstant bei 20 Grad Celsius. Dafür sorgt die Klimaanlage. Es riecht nach nichts. Eine fast sterile Luft durchzieht die vier Bereiche der Spielothek. Unzählige Deckenspots hüllen die Räume in einen kühlen bläulichen Schimmer, den nur die in Grün, Rot, Gelb und Violett aufblinkenden Automaten durchdringen. Es ist dunkel. Tageslicht gibt es ob fehlender Fenster nicht.

Die vier Bereiche sind durch dünne, graue Stellwände getrennt. Verbunden sind sie durch den zentral gelegenen Thekenbereich. Dort, wo die Spülmaschine wummert, die Zwei-Liter-Pumpkanne leise Kaffeedampf ausstößt und fünf in die Jahre gekommene Monitore aktuelle Kameraaufzeichnungen abspielen. Sie zeigen jeden Winkel und jeden Anwesenden: In San Remo den „High-Roller“, der um hunderte Euro spielt. In Monte Carlo die „Shopping-Queen“, die mit ihren vielen Einkaufstüten gleich zwei Automaten belegt. In Las Vegas den „Bettler“, der unentwegt einen Becher in der Hand hin und her schüttelt, sodass die Münzen darin klimpern. Und überall den „Verführer“, der seine Gäste mit Keksen, Kaffee, Iso-Drinks und Wechselgeld ausstattet. Als Mitarbeiter des Hauses ist er der einzige, der nicht spielt.

„Fünfzig, einhundert, einhundertfünfzig, zweihundert, zweihundertfünfzig, dreihundert“, zählt der „Verführer“ dem „High-Roller“ vor, als er ihm die 50-Euro-Scheine sorgfältig aneinander auf den Tresen legt. Ohne ein Wort zu sagen, nimmt der „High-Roller“ das Geld und stopft es in seine Jeanstasche. Gewonnen hat der Mann an diesem Tag nicht. Doch wäre er eine halbe Stunde früher gegangen – er hätte zehn weitere der orangenen Scheine erhalten.

„Aus zwei Euro macht er 80“

Der Automat klingelt schrill und zeigt fünf Pflaumen an, die in einer Reihe immer wieder auf und ab hüpfen. „Aus zwei Euro hat das Ding 80 gemacht“, flüstert sich der „High-Roller“ selbst zu, als er mit großen Schritten zu einem benachbarten Automaten eilt, um ein weiteres Mal Münzen nachzufüllen. Der Mann hält sich seit wenigen Minuten in der Spielhalle auf. Zwei, vier, sechs, acht, zehn Euro landen schnell im Inneren der Maschine. Er drückt die Taste mit der Aufschrift „Automatik“. Die Maschine rattert jetzt, angetrieben durch 50-Cent-Einsätze, unermüdlich die unterschiedlichsten Kombinationen aus Pflaumen, Kirschen, Melonen, Zitronen und Trauben durch. Dazu dudeln simple Melodien, die an die Jamba-Klingeltöne aus dem Jahr 2000 erinnern. Der „High-Roller“ lauscht den Tönen nicht. Er hämmert bereits mit der Faust auf die Tasten des nächsten Spielgeräts.

Auf Schnäppchenjagd

Im benachbarten Monte Carlo spielt die „Shopping-Queen“ um kleinere Beträge. Acht Euro in Münzgeld hat sie zu Beginn in den Automaten gesteckt und versucht seitdem, möglichst viele Pharaonen und geheimnisvolle Bücher zu sammeln – „Book of Ra“ steht ganz oben auf dem Bildschirm geschrieben. „Ich habe eben ein Super-Schnäppchen gemacht, da darf ich jetzt auch mal was in den Automaten werfen“, erklärt die „Shopping-Queen“ dem „Verführer“. Als sich ihr Vorrat an Münzen dem Ende zuneigte, tauchte er neben ihr auf und hatte einen fragenden Blick auf die vielen Einkaufstaschen geworfen. Sie belegen gleich zwei der dick gepolsterten schwarzen Leder-Sessel, die jeweils akkurat vor einem Automaten aufgestellt sind. „Soll ich dir was wechseln?“, erwidert der „Verführer“ und nimmt einen 20-Euro-Schein entgegen.

Kokosnüsse und Hula-Hulas

Die Münzen im Becher des „Bettlers“ klimpern. Unentwegt schüttelt er das Behältnis und starrt dabei auf die rasch wechselnden Kombinationen aus Kokosnüssen, Hula-Hulas und weiteren hawaiianischen Früchten und Symbolen, die auf den beiden Automaten vor ihm erscheinen. Wenige Minuten später steckt der „Bettler“ weitere Münzen in die Automaten. Dann wieder. Und wieder. Immer wieder. „Ich muss das verlorene Geld wieder reinholen“, erklärt der „Bettler“ dem „Verführer“, der ihm einen Keks anbietet. Einen Keks wird er beim „Bettler“ nicht los. Aber einen Rat: „Bloß nicht den Mut verlieren. Das ist die Hauptsache.“ Zwei Stunden später hat das Klimpern ein Ende.

Alles wieder auf Anfang

Der „High-Roller“, „die Shopping-Queen“, der „Bettler“ und der „Verführer“ stehen im Eingangsbereich der Spielhalle und rauchen. Hin und wieder werfen sie einen skeptischen Blick nach draußen. Ein Unwetter tobt. „Bei dem Regen brauch ich keinen Schritt vor die Tür zu setzen. Dann muss ich wohl doch noch bleiben“, sagt die „Shopping-Queen“ und lacht. Sie drückt ihre Zigarette im Aschenbecher aus und öffnet die schwere Tür zur Spielhalle. Gemeinsam mit den anderen Glücksjägern geht sie wieder hinein. Der rote Clown erwartet sie bereits mit einem breiten Grinsen.

Hier geht es zum Zwischenruf: Ein tragisches Schauspiel

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