Eine Currywurst für Frau Merkel

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Betriebsleiter von Alsfelder Biofleisch Dirk Eckstein, Astrid Horny, Regionalleiterin der Hephata im Bereich soziale Rehabilitation und Martin Wahl vom Hof Halbersdorf sind überzeugt von ihrer Arbeit und ihren Produkten.
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Mitarbeiter Waldemar Schulz holt die frisch geräucherten Würste aus dem Ofen.
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Einen kleinen Hofladen, in dem Alsfelder Biofleisch gekauft werden kann, gibt es auch in der Werkstatt.
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Betriebsleiter Dirk Eckstein ist stolz auf seine Produkte.
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Landwirt Martin Wahl vom Gut Halbersdorf schaut nach einer seiner 60 Mutterkühe.
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Die Herausforderung: Eine Currywurst nach Bioland-Standard. Nur 24 Zusatzstoffe sind erlaubt. Monatelang tüftelten die Mitarbeiter von "Alsfelder Biofleisch" an der Rezeptur. Es hat sich gelohnt: Die Currywurst hat es bis nach Berlin geschafft.

Alsfeld/Spangenberg - Der Fleischverbrauch der Deutschen ist leicht rückläufig. Das besagt die vorläufige „Versorgungsbilanz Fleisch” für das Jahr 2017, die das Bundesinformationszentrum Landwirtschaft Ende April veröffentlicht hat. In der Statistik fällt auf, dass insbesondere der Pro-Kopf-Verbrauch von Schweinefleisch seit einigen Jahren abnimmt: Verzehrte der durchschnittliche Bundesbürger im Jahr 2010 noch 40,24 Kilogramm, waren es vergangenes Jahr nur  35,86 Kilogramm.

Kombination aus sozialer Arbeit und Bioland-Produktion

Die Nachfrage nach hochwertigem Fleisch ist jedoch gestiegen. Das bestätigt Dirk Eckstein, der seit 1999 in der Hephata-Diakonie „Alsfelder Biofleisch” arbeitet und die Werkstatt seit 2017 leitet: „In Deutschland gibt es seit Jahren einen Ruck: Regionalität, Tierhaltung, hochwertiges Fleisch – das sind Themen, die vielen mittlerweile wichtig sind”, schildert der Betriebsleiter seine Einschätzung bei einem Rundgang durch die Fleischerei in der Alsfelder Schellengasse. Hier zerlegen und verarbeiten insgesamt 37 Beschäftigte Schweine- und Rindfleisch zu Bioland-Wurst- und Fleischwaren. 23 davon sind Menschen mit psychischen Behinderungen und Suchtkrankheiten. „Die Kombination aus sozialer Arbeit und der Herstellung von Bioland-Produkten ist die Besonderheit hier in Alsfeld”, sagt Astrid Horny, Regionalleiterin der Hephata im Bereich soziale Rehabilitation. Hessenweit sei es die einzige Werkstatt für suchtkranke Menschen. „Wir erfüllen einen Eingliederungsauftrag”, so Horny.

Zweieinviertel Jahre dauert die Ausbildung in der Werkstatt, bevor die Klienten im besten Fall wieder für den ersten Arbeitsmarkt gerüstet sind. In der Werkstatt in Alsfeld gehen die Beschäftigten vielfältigen Tätigkeiten nach – schließlich solle jeder nach seinen individuellen Möglichkeiten betreut und gefördert werden: Zerlegung und Auslösen von Fleisch, Herstellung der Wurst- und Fleischwaren, leichte Büro- und Verwaltungsaufgaben, Hauswirtschaft sowie Auslieferung und Versand. Monatlich werden in dem Betrieb etwa sechs Tonnen Schweine- und zwei Tonnen Rindfleisch verarbeitet – alles nach Bioland-Vorgaben. Das Fleisch stammt aus den drei Landwirtschaftsbetrieben der Hephata in Nordhessen, die ebenfalls nach den strengen Richtlinien von Bioland zertifiziert sind.

60 Hektar Weide für 60 Mutterkühe

Einen davon führt Martin Wahl. Im nordöstlichen Schwalm-Eder-Kreis bei Spangenberg hält er 60 Mutterkühe und deren Kälber auf insgesamt 60 Hektar Wiesenfläche. „Von Mai bis Herbst sind unsere Rinder auf der Weide”, erklärt der Landwirt, der die Leitung des Biohofguts Halbersdorf im April letzten Jahres übernommen hat. Auf den satten grünen Weiden, inklusive Wald, Bergen und einem Bachlauf, fühlen sich die Kühe sichtlich wohl. Diesen Schnitt vom Gut Halbersdorf, ein Hektar je Mutterkuh, haben jedoch die wenigsten Tiere in Deutschland. Konventionell gehaltene Rinder sehen im schlechtesten Fall nie frisches Gras, konventionell gehaltene Schweine werden häufig auf engem Raum auf Spaltenböden gehalten. „Bei uns können die Schweine im Außengehege und im Stall im Stroh wühlen. Das sieht man mittlerweile sehr selten”, bedauert Wahl, der auf seinem Hof 84 Schweine in fünf Buchten hält.

Unterschiede zwischen den Bio-Siegeln

Doch Bio ist nicht gleich Bio. Das EU-Bio-Siegel etwa schreibt zwar strengere Richtlinien in der Tierhaltung, Tierfütterung und Verwendung von Zusatzstoffen vor als konventionelle Produkte. Doch privaten ökologischen Anbauverbänden wie Demeter, Bioland oder Biokreis reicht das nicht aus: So ist im Gegensatz zum EU-Bio-Siegel kein konventionelles Mischfutter erlaubt, teilweise dürfen pro Hektar weniger Mastschweine gehalten werden, Silagefutter ist nur anteilig erlaubt und Tiertransporte dürfen maximal 200 Kilometer lang sein.

Auch in der Produktion von Wurstwaren gebe es große Unterschiede, sagt Eckstein: „In konventionellen Produkten dürfen über 300 Zusatzstoffe verwendet werden, beim EU-Bio-Siegel sind es etwa 50, bei uns sind es 24.” Da müsse man sein Handwerk beherrschen und kreativ sein. Die Currywurst sei eine der größten Herausforderungen gewesen.

Nicht erlaubt ist bei Bioland zum Beispiel der Einsatz von Nitritpökelsalz, was für eine schnellere Reifung, Rotfärbung und längere Haltbarkeit von Wurst sorgt, aber auch im Verdacht steht, sich gesundheitlich negativ auszuwirken – insbesondere, wenn es erhitzt wird. Wurst, die ohne diese Zusatzstoffe auskommen muss, benötigt daher mehr Aufmerksamkeit, teurere Zutaten und vor allem mehr Zeit. Das spiegelt sich im Endpreis für den Konsumenten wider. „Doch der bessere Geschmack und das vielleicht auch bessere Gewissen zahlt sich letztendlich aus”, sagt Eckstein. Gegrilltes Alsfelder Biofleisch gibt es jeden Freitag beim Wochenmarkt auf dem Alsfelder Marktplatz von 9 bis 14 Uhr. Frische Waren bietet der Hofladen im Pfarrwiesenweg 5 dienstags bis freitags von 8 bis 15 Uhr an.

Die Currywurst am Hessentag in Berlin

Und auch die Bundeskanzlerin durfte sich schon von der Qualität des Alsfelder Biofleischs überzeugen: Die Currywurst, an deren Rezeptur monatelang getüftelt wurde, war beim Hessenfest 2016 in Berlin ein Renner. Dort probierten rund 2.000 Gäste, darunter Merkel, die Alsfelder Currywurst.

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