Elterntaxis - Sie meinen es nur gut

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Für die Kinder häufig die bessere Alternative zum „Elterntaxi“: Selbstständig zu Fuß zur Schule laufen.

Das Kind allein im öffentlichen Verkehr. Für manche Eltern eine Horrorvorstellung. Sie wollen die größtmögliche Sicherheit für die Kleinen. Deswegen fahren sie ihre Kinder mit dem Auto bis vor die Schultür. Dabei birgt das „Elterntaxi“ ebenso Risiken.

Zebrastreifen und Bushaltestellen werden zugeparkt, Verbotsschilder ignoriert, Wendemanöver auf engem Raum riskiert. Das ist in vielen großen Städten, wo der Verkehr stark und die Schülerzahl hoch ist, ein allmorgendliches Problem. Doch auch im Vogelsbergkreis ist das Phänomen „Elterntaxi“ bekannt, wie Martin Fischer, Leiter des Regionalen Verkehrsdienstes, auf Anfrage unserer Zeitung mitteilt. In den letzten Jahren habe es Probleme in Romrod, Lauterbach und Schotten gegeben. Eltern oder Schulleitungen beschwerten sich wegen des Verkehrschaos vor Schulbeginn.

Sie meinen es gut, aber...

Auch wenn es die Eltern gut meinen – Verkehrsexperten sind sich einig, dass der selbstständige Schulweg für das Kind der bessere sei. Aus Sicht der Unfallstatistik stellt die Mitfahrt im Pkw ein größeres Problem für Kinder von sechs bis neun Jahren dar als die Fortbewegung mit jedem anderen Verkehrsmittel. Das geht aus den Zahlen des Statistischen Bundesamtes hervor. Der ADAC weist zudem darauf hin, dass die tägliche Bewältigung des Schulwegs zu Fuß eine Reihe von positiven Effekten auf die kindliche Entwicklung hat. Dazu zählen eine höhere Konzentrationsfähigkeit im Unterricht, eine gesteigerte körperliche Fitness, der Abbau von Übergewicht sowie – bei gemeinsamer Bewältigung des Schulwegs mit anderen Kindern – die Verbesserung des Sozialverhaltens. Hinzu komme, dass Kinder dadurch frühzeitiger ein Bewusstsein für Gefahrensituationen im Straßenverkehr entwickeln und überhaupt erst in die Lage versetzt werden, ein räumliches Bild („geistige Landkarte“) der eigenen Stadt beziehungsweise des eigenen Schulwegs zu entwerfen. Das belegt eine wissenschaftliche Studie der Bergischen Universität Wuppertal, die 2014 im Auftrag des ADAC durchgeführt wurde.

„Elterntaxis stehenlassen!“

Claudia Neumann, Expertin für Spiel und Bewegung des Deutschen Kinderhilfswerkes, sagt: „Legen Kinder ihren Schulweg selbstständig zurück, fördert dies ihr sicheres Verhalten im Verkehr. Kinder, die zu Fuß zur Schule gehen, nehmen ihre Umgebung aktiv wahr. Sie lernen, sich gut zu orientieren und auf sich selbst aufzupassen.“ Das stärke ihr Selbstbewusstsein – auch für andere Lebenssituationen, sagt Neumann. Kinder hingegen, die mit dem Auto zur Schule gebracht würden, können oft Entfernungen schlecht einschätzen und finden sich weniger gut in ihrer Umgebung zurecht. „Kindern auf der Rückbank des Elterntaxis fehlt das Erfolgserlebnis, ihren Schulweg eigenständig zurücklegen zu können. Eltern sollten ihren Kindern diese Chance nicht verwehren“, so die Expertin. Dennoch: Immer weniger Kinder in Deutschland gehen selbstständig zur Schule. In den Siebzigerjahren machten sich noch rund 90 Prozent der Grundschülerinnen und Grundschüler zu Fuß auf den Schulweg. Heute werden stattdessen immer mehr Kinder mit dem „Elterntaxi“ zur Schule gefahren. Nach einer Forsa-Umfrage sind es nur noch 37 Prozent, die zu Fuß zur Schule gehen, also etwa jedes dritte Grundschulkind.

„Elterntaxi stehenlassen!“ Dazu ruft deshalb das Deutsche Kinderhilfswerk und der ökologische Verkehrsclub VCD zum Schulbeginn in Hessen alle Kinder auf. Nach Möglichkeit sollten sie den Schulweg zu Fuß, mit Roller oder Fahrrad zurückzulegen. Das Deutsche Kinderhilfswerk und der VCD geben Eltern zum Schulstart drei Tipps, wie sie den zu Fuß zurückgelegten Schulweg ihrer Kinder sicherer gestalten können (siehe unten: Drei Tipps für den Schulweg zu Fuß).

„Blitz für Kids“

Im Vogelsberg werden wie in den vergangen Jahren in den ersten Wochen nach Schulbeginn Kontrollen und Aktionen vor den Schulen stattfinden, sagt Fischer des hiesigen Verkehrsdienstes. „Blitz für Kids“ heißt eine solche, die in Zusammenarbeit der Verkehrsbehörde, der Polizei und den Schulen stattfindet. Dabei dürfen Schüler selbst die Geschwindigkeiten der Autos messen und den Fahrern gegebenenfalls Lob oder Verwarnungen aussprechen. Je nachdem händigen die Schüler eine grüne oder gelbe Karte aus.

Drei Tipps für den Schulweg zu Fuß

Tipp 1: Gemeinsam Schulweg aussuchen und einüben 

Gerade mit jüngeren Kindern sollten Eltern einen sicheren Schulweg gemeinsam festlegen und einüben. Der Fußweg muss nicht der kürzeste Weg sein, sondern er sollte schwierige Straßen und Kreuzungen umgehen. Eltern und Kinder sollten den ausgewählten Schulweg mehrmals zusammen ablaufen. So lernen die Kinder zunächst mit Hilfe ihrer Eltern, sich auf dem Weg und in möglichen Gefahrensituationen souverän zu verhalten. Die Eltern gewinnen Vertrauen, dass ihre Kinder den Schulweg sicher und selbstständig meistern können.

Tipp 2:  Laufgemeinschaften bilden

Für den Weg zur Schule können Eltern oder auch Kinder selbst sogenannte Laufbusse organisieren. Hierbei werden an unterschiedlichen Stellen vor Ort Haltestellen vereinbart, an denen sich die Kinder aus der Nachbarschaft verabreden und gemeinsam zur Schule gehen können. Kinder, die mit Freunden zur Schule gehen, lernen, auch auf andere aufzupassen. Ihr soziales Verhalten wird gefördert und sie können schon auf dem Weg zur Schule Freundschaften pflegen oder schließen.

Tipp 3:  Fahrgemeinschaften bilden 

In Gegenden, in denen lange Schulwege oder fehlende Schulbusse das „Elterntaxi“ notwendig machen, hilft es, Fahrgemeinschaften zu bilden. Die gemeinsame Autonutzung reduziert den Schadstoffausstoß und entspannt gleichzeitig die chaotische Verkehrssituation vor den Schulen. Ratsam ist, in einiger Entfernung zur Schule eine Elterntaxihaltestelle einzurichten. So können die Kinder die letzten 300 bis 500 Meter gemeinsam zu Fuß gehen.

(Quelle: Deutsches Kinderhilfswerk)

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