Im falschen Körper geboren: Viktoria Wahl berichtet über Leben

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Selbstbewusst zeigt sich Viktoria Wahl in ihrer Stadt Alsfeld. Inzwischen wird sie von vielen alten Bekannten als Frau akzeptiert.

Eine bekannte Persönlichkeit ist die 72-jährige Alsfelderin Viktoria Wahl durch ihr vielseitiges Engagement. Bereits 20 Bücher hat sie in den letzten 20 Jahren geschrieben. Besonders lagen ihr dabei Themen zur Historie Alsfelds und der Feuerwehr am Herzen.

Aber auch ihre ganz eigene Geschichte hat sie sich von der Seele geschrieben. Die Geschichte von einem Leben im falschen Körper.

„Das Schreiben war für mich ein bisschen wie eine Therapie. So konnte ich besser mit meiner Situation fertig werden“, erzählt die 72-Jährige, die ihr ganzes Leben in Alsfeld verbracht hat. 1997, der Beginn als Autorin, sei in mehrfacher Hinsicht ein Schlüsseljahr für sie gewesen. „Zu dieser Zeit habe ich entschieden, nicht mehr länger als Mann leben zu wollen“, blickt Wahl zurück. Dass sie sich in der Rolle als Mann, als Gerd, nicht wohl fühlte, zeigte sich allerdings schon sehr viel früher, als sie ein kleiner Junge war. „Jungenspiele wie auf Bäume klettern und Rumtoben haben mir nie gefallen. Es war für mich ein aussichtsloser Kampf, mich als kleiner Gerd zu behaupten“, erzählt sie von ihrer Jugend in der Alsfelder Untergasse.

Die innere Zerrissenheit, nicht so geboren zu sein, um sich selbst akzeptieren zu können, mündete in einer Alkoholsucht – das sei der Tiefpunkt in ihrem Leben gewesen. „Ich habe ja selber nicht kapiert, was mit mir los ist. Ich habe einen heftigen Kampf mit mir selber geführt und gedacht, ich habe sie nicht mehr alle an der Latte“, beschreibt sie die Auseinandersetzung mit dem Gefühl, im falschen Körper geboren worden zu sein. „1997 hat mir eine Ärztin geraten, mich auszuleben, damit ich glücklich sein kann. Das war ein Aha-Erlebnis für mich. Ein erlösendes Gespräch“, erinnert sich Wahl.

Die Ehe steht auf der Kippe 

20 Bücher über Alsfeld, Feuerwehr und ihre Familie hat Viktoria Wahl geschrieben.

Fortan trug sie Frauenkleider – nicht nur zu Hause, sondern auch für kurze Momente draußen. „Und dann ging ich als Frau in das Kaufhaus Kerber. Eine Premiere für mich. Und ausgerechnet da habe ich meinen Bruder getroffen, der noch gar nichts wusste. Das war mir so peinlich, ich wäre am liebsten im Boden versunken“, lacht sie. Viele Höhen und Tiefen hatte dagegen die Auseinandersetzung mit Wahls Ehefrau Elfriede. Sie wollte sich trennen, die Situation schien unerträglich. Doch das kam für Wahl nicht infrage: „Wir haben dann einen Kompromiss gefunden. Ich musste ihr versprechen, mich nicht operieren zu lassen. Daran habe ich mich gehalten, so lange sie lebte, und sie blieb bei mir.“ Viel Halt erfuhr Wahl auch von ihrer Mutter, die sie von Anfang an auch als Frau voll akzeptierte. „Sie sagte mir, du hättest auch ein schönes Mädchen gegeben. Das gab mir sehr viel Kraft.“ Nach dem Tod von Ehefrau Elfriede fühlt sich Wahl manchmal allein. Sie kann heute als Frau leben und wird größtenteils von ihrem Umfeld akzeptiert.

Zeit, das Wissen zu sichern

Nun ist sie 72 Jahre alt und macht sich über das Älterwerden Gedanken. „Ich möchte gerne meine Bücherrechte verkaufen, damit das Wissen nicht verloren geht, wenn ich mal nicht mehr da bin. Vielleicht ist ja jemand interessiert und kann mich gerne kontaktieren“, wünscht sie sich. Zu ihren Büchern ist zusagen, dass sie eine mehrbändige Dokumentation über die Feuerwehr in Alsfeld geschrieben hat. Auch über das Brandschutzwesen im ehemaligen Kreis Alsfeld hat sie ein Buch erstellt. Eines ihrer bekanntesten werke ist ein Buch über das Leben des Alsfelders Georg Martin Kober, Dekan an der Georgetown Universität in Washington DC. Viel hat sie über Auswanderer geschrieben, die im 19. Jahrhundert nach Amerika gegangen sind, um sich dort eine neue Existenz aufzubauen. Unter anderem hat sie ein Buch über das wenig bekannte Thema der Luftwaffennachrichtenhelferinnen im 2. Weltkrieg geschrieben. Nähere Informationen gibt Viktoria Wahl über ihre E-Mail-Adresse wahl-viktoria@t-online.de.

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