Gastworte von Viktoria Wahl: 80 Jahre Pogrom in Alsfeld

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Das erste automobile Löschfahrzeug im Altkreis Alsfeld 1938. Rechts steht der Wehrführer der Alsfelder Wehr, Franz Hartmann.

Am 9. November 1938 wurde die 1905 eingeweihte und ihrer Bestimmung übergebene Synagoge in der Lutherstraße in Alsfeld ein Raub der Flammen.

Wie durch den ehemaligen Chef der Freiwilligen Feuerwehr der Stadt Alsfeld, Helmut Knierim, zu erfahren war, rückte die Alsfelder Feuerwehr an jenem Abend aus wie zu einem ganz normalen Schadensfall. Ein Heranwachsender traf dabei folgende Feststellung: „Die löschen ja gar nicht!“ Es muss allerdings beim „Löscheinsatz“ der Feuerwehr zu erheblichen Unstimmigkeiten gekommen sein. Denn in der Führerrats-Sitzung vom 15. November 1938 wird Folgendes ausgeführt: Es gab „eine rege Aussprache über unliebsame Vorkommnisse beim Synagogenbrand“. Während eines Gesprächs berichtete Helmut Knierim, ehemaliger Feuerwehrchef der Feuerwehr Alsfeld, dass sein Vater, Heinrich Knierim III. bei diesem Einsatz zugegen war. Hier habe Knierim sein Missfallen deutlich zum Ausdruck gebracht: „Den Unsinn mache ich nicht mit, ich gehe heim.“ Zumal von SA-Leuten geäußert worden war: „Statt mit Wasser zu löschen, sollte man doch lieber Benzin nehmen, das wäre effektiver.“ Daraufhin verließ der Feuerwehrchef Knierim den Schadensort. Zu diesem Zeitpunkt hatte er ebenfalls das Amt des Kreisfeuerwehrführers inne. Bis Anfang der 30er Jahre waren mehrere jüdische Alsfelder Bürger im aktiven Feuerwehrdienst eingebunden. Die letzten mussten notgedrungen 1938/39 die Feuerwehr verlassen.

Diese Tatsache wird so manchem Feuerwehrkameraden an diesem Abend durch den Kopf gegangen sein und es ist nur allzu verständlich, dass einige von ihnen gegen die NS-Machenschaften etwas einzuwenden hatten. Doch auch für sie bestand die Gefahr von parteitreuen Alsfelder Bürger angeschwärzt zu werden und im Gefängnis zu landen. Und doch gab es auch hier beherzte Männer, die noch wenigstens einen Teil des Jüdischen Kulturgutes aus der brennenden Synagoge retten konnten. Ihnen ist zu verdanken, dass der Thoraschrank, der Uhrenschrank, die Thorarolle und das Symbol der israelitischen Gemeinde, der Davidstern erhalten blieb. Heute könne diese Gegenstände im Alsfelder Museum eingesehen werden. In der Pogromnacht wurde obendrein das Judenbad in Alsfeld zerstört.

Der jüngeren Generation, die den Holocaust, die Pogromnacht und den Krieg nicht mehr erlebt haben, sollen die Geschehnisse, die Rechtbrechung allergrößter Dimension waren, eine Warnung sein. Auch soll an dieser Stelle den vielen Jüdischen Mitbürgern gedacht werden, die ihr Leben in den KZs verloren.

Info

Viktoria Wahl, Alsfelderin, interessiert sich für die Alsfelder Historie und war viele Jahre lang aktiv im Alsfelder Feuerwehrdienst. Sie ist heute in Rente und schreibt in ihrer Freizeit Romane und Bücher über Alsfelder Geschichte.

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