Ein Geber in dreifacher Hinsicht - Der Vogelsberg muss mehr gefördert werden, meint der Landrat

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Vom Land Hessen fordert Landrat Manfred Görig mehr Entwicklungschancen für ländliche Regionen – auch weil dort der Ausbau von Infrastruktur teurer ist als in urbanen Gebieten.

Der Vogelsberg ist ein wichtiger Lieferant von Wasser und Strom und weist zudem viele Schutzgebiete aus. Landrat Manfred Görig sagt im Gespräch mit dieser Zeitung, dafür müsse der Kreis entsprechend bezuschusst werden.

Vogelsberg. Noch bis 2024 ist Manfred Görig (SPD) als Landrat des Vogelsbergkreises gewählt. Die Zeit bis dahin möchte er effektiv nutzen – zur Wiederwahl möchte er mit dann 64 Jahren nicht mehr antreten. Seit 1985 ist Görig in der Kommunalpolitik tätig, hat zahlreiche ehrenamtlichen Tätigkeiten als Kommunalpolitiker verrichtet und ist seit 2012 Landrat des Vogelsbergkreises. Und seitdem begleitet ihn ein Thema ganz besonders: der Breitbandausbau im Vogelsberg – ein nicht enden wollendes Thema mit vielen Hürden und Schwierigkeiten.

„Zu Beginn meiner Amtszeit haben sich die großen Unternehmen wie zum Beispiel die Telekom nicht gerade um unseren Kreis gerissen“, sagt Görig im Gespräch mit dieser Zeitung. Grund sei, dass der flächengroße aber einwohnerschwache Vogelsberg wenig lukrativ sei. Der Vogelsbergkreis weist hessenweit die geringste Einwohnerdichte auf – ist jedoch flächenmäßig der drittgrößte. Ein flächendeckender Ausbau ist entsprechend kostspielig – die Einnahmen für Unternehmen wegen der vergleichsweise wenigen Nutzer gering.

Der steinige Weg zum Breitbandausbau

Der Kreis entschloss sich deshalb, den Ausbau selbst in die Hand zu nehmen. In diesem Zuge gründete man 2013 die Breitbandinfrastrukturgesellschaft Oberhessen GmbH (BIGO) – gemeinsam mit dem Zweckverband Oberhessische Versorgungsbetriebe (ZOV), dem Wetteraukreis und zahlreichen Städten und Kommunen, die sich zuvor in der Breitbandbeteiligungsgesellschaft Wetteraukreis GmbH (BBW) und der Breitbandbeteiligungsgesellschaft Vogelsbergkreis GmbH (BBV) zusammengeschlossen hatten.
„Wir haben zwei Jahre Arbeit investiert, um notwendige Fördergelder zu beantragen, den darüber hinaus bestehenden Kreditbedarf zu klären, ein Ausschreibungsverfahren für einen Netzbetreiber in die Wege zu leiten und einen Bauzeitplan zu erstellen“, erinnert sich Görig. Der Schlag sei dann im November 2016 gekommen: Die Deutsche Telekom erklärte sich überraschend bereit, die Kommunen des östlichen und nördlichen Wetteraukreises eigenwirtschaftlich ausbauen zu wollen. „Uns haben von jetzt auf gleich 100.000 potenzielle Kunden gefehlt“, sagt Görig. Das sei das Aus aller bisherigen Planungen gewesen – „wir mussten von vorne anfangen“.

Nun war guter Rat teuer und es entstand dringender Handlungsbedarf zur Suche einer Lösung. Landrat Görig aktivierte in dieser Situation alle maßgeblichen administrativen Institutionen, angefangen bei dem für den Breitbandausbau zuständigen Bundesministerium für Verkehr und Infrastruktur, über das Bundeskanzleramt, über das Hessische Wirtschaftsministerium, weiter über politische Aufgaben- und Mandatsträger, um die Deutsche Telekom zu einer Konsenslösung für die Breitbanderschließung des Vogelsbergkreis zu bewegen. Dies gelang Anfang Dezember 2016 in Wiesbaden, wonach sich die Deutsche Telekom ebenfalls zu einem eigenwirtschaftlichen Ausbau von großen Teilen des Vogelsbergkreises bereiterklärte.

Die schwierige Topografie des Vogelsbergkreises

Seitdem wird der Vogelsberg Stück für Stück ausgebaut – durch die Telekom, die BIGO und auch durch den privaten Anbieter Goetel aus Göttingen. Goetel stand in einigen Vogelsberger Kommunen zuletzt heftig in der Kritik, weil sie zahlreiche Kabelverzweiger reserviert hatten, aber nicht ausbauten. Die Telekom wolle 2021 mit den Arbeiten abgeschlossen haben. Schwerpunkt für die BIGO sei der Glasfaserausbau für die hiesige Wirtschaft sowie sämtliche Schulstandorte. „Um zukunftsfähig und für Unternehmen attraktiv zu bleiben, müssen wir im Gewerbebereich Glasfaser bis ins Haus verlegen. Das ist unsere Priorität“, sagt Görig – auch wenn der Breitbandausbau nie die Aufgabe eines Landkreises gewesen sei, sondern die des Bundes. Doch der hätte es bis heute „von vorne bis hinten vergeigt“, wird der Landrat deutlich.

Die Topografie des Vogelsbergs mit seiner großen Fläche, vielen Hügeln und der geringen Bevölkerungsdichte, verteilt auf 186 Ortsteile, erschwere außerdem einen flächendeckenden Mobilfunkausbau. Es sei die Pflicht der Betreiber, die Funklöcher im Kreis beheben – doch habe man auch hierbei das gleiche Problem wie beim Breitbandausbau: Für die Betreiber ist der kostspielige Ausbau für die wenigen Nutzer nicht lukrativ. Deshalb möchte die Bundesregierung 1,1 Milliarden Euro bis 2024 ins Handynetz investieren, um Funklöcher zu bekämpfen.

Der Vogelsberg kann nicht immer nur geben

Was an Mobilfunkmasten fehlt, ist an Windkrafträdern zahlreich vorhanden. Nirgends stehen in Hessen mehr von ihnen. „Wir sind in dreifacher Hinsicht ein Geber: Wir liefern Wasser, Strom und Schutzgebiete. Dafür werden wir zu wenig entschädigt. Es ist ein einseitiger Austausch“, sagt Landrat Görig.

Der Vogelsberg ist einer der wichtigsten Wasserlieferanten für das Rhein-Main-Gebiet. Etwa 30 Prozent des dortigen Trinkwassers stammt aus dem Vogelsberg. Seit gut drei Jahren führe man deshalb mit betroffenen Kommunen und Städten eine Leitbilddiskussion mit dem Ziel, Ausgleichsregelungen zu finden. „Es braucht einen finanziellen Ausgleich für Wassergewinnungsgebiete. Wir können nicht immer nur geben. Da ist Wiesbaden gefragt“, so Görig. Für ihn werde der ländliche Raum vom Land Hessen nicht ausreichend gefördert.

Als Bindeglied zwischen dem Landtag in Wiesbaden, dem Görig selbst schon angehörte, und dem Vogelsbergkreis sieht Görig Michael Ruhl (CDU), seit zwei Jahren Landtagsabgeordneter. Es finde ein enger Austausch statt, auch wenn Ruhl in Wiesbaden einen ähnlich schweren Stand habe wie seine Kollegen aus anderen ländlichen Regionen. Darin sieht Görig ein Versagen der Landespolitik. Er glaubt, dass die Balance zwischen urbanen und ländlichen Regionen in Hessen in Zukunft weiter ins Wanken geraten könnte. Zwar habe man insgesamt in den letzten Jahren mehr Zu- als Abwanderung. Doch konzentriere sich diese Entwicklung auf verkehrsgünstige Orte. Viele kleine Orte verlieren Einwohner. „Dort fehlt es an medizinischer Versorgung, an Einkaufsmöglichkeiten, an Arbeitsplätzen. Das ist der Knackpunkt“, sagt Görig. Damit diese Gemeinden wieder wachsen könnten, werde man nicht tatenlos bleiben.

So gründet der Kreis nun gemeinsam mit den Kommunen Freiensteinau und Grebenhain ein erstes Medizinisches Versorgungszentrum, kurz MVZ. Damit begegne man dem Hausärztemangel, indem man jungen Ärzten die Möglichkeit biete, zu Beginn ihrer beruflichen Tätigkeit nicht in das Risiko einer Selbstständigkeit gehen zu müssen, sondern als angestellte Mediziner im MVZ zu arbeiten. Bereits zum 1. Januar 2021 soll das MVZ seinen Betrieb aufnehmen. Dabei sei die Gründung eines MVZ nicht die ureigenste Aufgabe eines Kreises. „In der Kommunalpolitik geht es darum, Probleme zu erkennen und zu lösen – und zwar mit den vorhandenen Mitteln. Wir können dem Hausärztemangel schließlich nicht tatenlos entgegensehen“, sagt Görig.

Politik auf Basis von Fakten und nicht von Facebook

Generell habe sich die Kommunalpolitik geändert, „alleine durch das Medium Internet“. Zwar erschüttere ihn so schnell nichts mehr, doch sehe er in der Anonymität im Netz und der damit einhergehenden Verrohung des Miteinanders ein Problem. Wichtig sei es, Politik weiterhin nach der Sachlage und nicht nach Facebook auszurichten.

So auch bei der aktuellen Überlegung, die Infrastruktur zwischen dem Landkreis Marburg-Biedenkopf und dem westlichen Vogelsbergkreis zu verbessern – eventuell mit einer Reaktivierung der Ohmtalbahn. Der Personenverkehr auf dieser Strecke wurde 1980 eingestellt, weil sie nicht ausreichend frequentiert wurde. „Wir haben uns mit dem Landkreis und den Bürgermeistern der entsprechenden Anliegerkommunen getroffen und eine Vorstudie in Auftrag gegeben, die untersucht, was diesbezüglich Sinn macht“, sagt der Landrat. Es gebe hohe Hürden für eine Reaktivierung der Bahn. So sei zum Beispiel ein Teil der Bahntrasse entwidmet – für diesen Abschnitt müssten auch neue Gleise verlegt werden. Deswegen könnte auch ein optimierter Busverkehr die richtige Lösung sein. Die Kernfrage: „Wie viele Menschen würden in Zukunft die Ohmtalbahn nutzen?“ Man müsse abwarten, was die Vorstudie ergibt. Dann könne man über weitere Schritte diskutieren. Fakt sei, dass man sich kreisübergreifend einig sei, die Verkehrsanbindung auszubauen.

Bis zum Ende seiner Amtszeit in 2024 möchte der Landrat einiges erledigt wissen: Der Breitbandausbau soll abgeschlossen, medizinische Versorgung gewährleistet, weiteres Gewerbe angesiedelt und der ÖPNV ausgebaut sein. Dafür braucht es Geld. „Bei uns sind diese Umsetzungen teurer als in dicht besiedelten Gebieten. Dafür fehlen uns häufig einfach die Mittel“, sagt Görig und fordert: „Wir brauchen in Hessen ein Zuschlag für ländliche Regionen. Gebiete mit gerade einmal 73 Einwohnern pro Quadratkilometer wie bei uns müssen anders gefördert werden, als Ballungsräume.“ Nur so könne der ländliche Raum in Hessen auch in Zukunft lebenswert bleiben.

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