"Es kam die Geilheit über mich" - Angeklagter im Mordfall Johanna sagt aus

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Am zweiten Prozesstag sagt der Angeklagte umfangreich zum Tattag aus, widerspricht dabei jedoch des Öfteren seinen früheren Aussagen in der polizeilichen Vernehmung. Hier nimmt er neben seinem Verteidiger Uwe Krechel Platz.

Mit Spannung wurde der zweite Prozesstag im Fall Johanna Bohnacker, die vor 18 Jahren tot in einem Waldstück bei Alsfeld/Lingelbach gefunden worden war, erwartet: Die Verteidigung kündigte an, der Angeklagte Rick J. wolle vollumfänglich aussagen. Das tat er – und verstrickte sich in Widersprüchen.

Als der damals 23-jährige Friedrichsdorfer (Hochtaunuskreis) am Mittag des 2. September 1999 die achtjährige Johanna Bohnacker an einem Bachlauf in der Nähe von Ranstadt-Bobenhausen entdeckte, „kam die Geilheit” über ihn, schildert J. in seiner rund einstündigen Ausführung zum Tattag. Und: „Ich wollte sie haben.”

Johanna muss mehrere Stunden im Kofferraum eingesperrt bleiben

Zuvor habe er die Nacht durchgefeiert, morgens „eine fette Nase Chrystal Meth” gezogen sowie LSD konsumiert und sei in der Absicht, eine Teenagerin im Alter von 13 bis 15 Jahren zu betäuben, sexuell zu missbrauchen und anschließend wieder freizulassen, in sein Auto gestiegen. Dieser Plan scheiterte.

Der Angeklagte gibt seinem starken Drogenkonsum am Tattag die Schuld, dass er Johanna für deutlich älter hielt. Über einen Radweg habe er sich mit seinem Auto dem achtjährigen Mädchen genähert. Wenige Meter vor Johanna sei er ausgestiegen, habe sich „eine Flasche Chloroform auf den Ärmel des Sweatshirts gegossen” und damit Johanna betäubt. Anschließend habe er das Mädchen in den Kofferraum gelegt und mit Spanngurten fixiert, erklärt der damalige Biochemiestudent vor den Augen von Johannas Mutter, die im Prozess als Nebenklägerin auftritt. Das Mädchen musste nach den Schilderungen des Angeklagten anschließend mehrere Stunden im Kofferraum eingesperrt bleiben.

„Ich wusste nicht, wie lange die Fesselungen halten”

Einige Male habe er gehalten, „weil ich nicht wusste, wie lang die Betäubung und die Gurte halten”, erinnert sich der 42-Jährige: An einer Pferdekoppel soll Johanna mit einem Seil gefesselt, ihr Mund und ihre Augen mit silbernen Panzertape abgedeckt worden sein. Einige Zeit später habe der Angeklagte an einer Tankstelle in Nidda braunes Paketband gekauft, bevor „ich mich auf die Suche nach einem Ort machte, wo man uns nicht sieht”, führt J. aus.

Erst spät realisiert, dass Johanna noch ein Kind war

Im Glauben, einen solchen gefunden zu haben, öffnete er ein weiteres Mal den Kofferraum, um die Fesselungen zu prüfen. „Ich hörte sie schreien und sie kam auf mich zu”, erinnert sich J. Mit der flachen Hand habe er Johannas Gesicht zurück in den Kofferraum gedrückt und sei anschließend zu ihr in den Kofferraum gestiegen, wo er ihren Kopf mehrfach mit Klebeband umwickelte, um sicher zu gehen, dass er nicht erkannt werde. Nach dieser Aktion habe er gemerkt, dass Johanna wesentlich jünger als angenommen war und somit für ihn „sexuell kein Ziel” darstelle. J. schildert, er sei eine gewisse Zeit ziellos durch die Gegend gefahren, bis er schließlich auf einem Waldparkplatz bei Schotten gehalten habe. Dort habe er festgestellt, dass „die Haut des Mädchens ungewöhnlich kalt war und sie nicht reagierte”. Auch habe er einen starken Geruch nach Fäkalien vernommen, weswegen er dem toten Mädchen die Hose runterzog, um sich „zu vergewissern, dass sie tot ist. Ich wusste, dass das ein sicheres Zeichen für den Eintritt des Todes ist.” Er habe nichts mehr für sie tun können, sagt er aus. Im Unterholz in einem Waldstück bei Alsfeld Lingelbach habe er das tote Mädchen schließlich abgelegt.

Widersprüchliche Aussagen des Angeklagten

Je mehr die Vorsitzende Richterin Regine Enders-Kunze nach Details fragt, desto häufiger kommen im Laufe der Verhandlung Ungereimtheiten auf. „Ich glaube Ihnen kein Wort”, sagt die Richterin schließlich. Auch Staatsanwalt Thomas Hauburger empört sich zwischenzeitlich: „Es ist eine Frechheit, was Sie uns hier heute auftischen.” Der Grund: Der Angeklagte soll nach seiner Festnahme in der polizeilichen Vernehmung andere Angaben zum Tathergang gemacht haben. „Die Tankstellenpächter gaben an, dass sie kein braunes Paketband verkaufen und auch noch nie im Sortiment hatten”, wirft die Richterin dem Angeklagten unter anderem vor. In der polizeilichen Vernehmung soll der Angeklagte zudem angegeben haben, dass er das Chloroform auf ein Tuch gegeben hatte, nicht auf sein Sweatshirt. Von silbernem Panzertape soll zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht die Rede gewesen sein. „Das ist eine merkwürdige Häufung von Details, die Ihnen bei der Polizei nicht einfallen, sich jetzt wie ein Puzzle aber so einfügen, dass sie geeignet sein könnten, um Vorhalte des Gerichts und der Staatsanwaltschaft zu widerlegen”, stellt die Richterin fest. J. schiebt die Widersprüche auf seinen damaligen Drogenkonsum. Auch am Tag seiner polizeilichen Vernehmung im Oktober 2017 habe er Rauschgift genommen und zwei Nächte zuvor nicht geschlafen. „Sie hatten an dem Tag keinerlei Amphetamin im Blut”, widerspricht Hauburger.

Mord oder Körperverletzung mit Todesfolge?

Die Staatsanwaltschaft plädiert weiterhin auf Mord – „am Kopf des Mädchens wurden 15 Meter Klebeband verbraucht – bei 27 Umwicklungen müsse man mit einem Ersticken rechnen”, so Hauburger, und wirft J. weiterhin sexuellen Missbrauch vor. Der Angeklagte räumte die Entführung zwar ein, weist sexuellen Missbrauch allerdings von sich und stellt den Tod des Mädchens als Unfall dar. Der Prozess wird fortgesetzt.

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