Die Geschichte einer Urkunde - 30 Jahre nach dem Mauerfall kommt sie zurück

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Übergabe der Urkunde durch Manfred Hasemann an Frau Rudloff in der Gastwirtschaft in Dankmarshausen.

30 Jahre nach dem Mauerfall erinnert sich Manfred Hasemann, ehemaliger Kreisgeschäftsführer des DRK-Kreisverbandes Alsfeld, an den größten Einsatz in der Geschichte des Verbandes.

Alsfeld/Dankmarshausen - „Es war der größte, umfangreichste, längste und wohl schönste Einsatz: die DDR-Übersiedleraktion 1989 und 1990 in Alsfeld.“ Damit verbunden: die Geschichte einer Urkunde. Nach 30 Jahren brachte sie Hasemann zurück an ihren Ursprungsort.

Es begann am 6. Oktober 1989 am Bahnsteig 3 am Alsfelder Bahnhof: Endstation auf dem Weg in die Freiheit. 650 DDR-Flüchtlinge kamen aus der Botschaft in Prag in Alsfeld an. Der damalige Ministerpräsident Dr. Walter Wallmann, Sozialminister Karl-Heinz Tragesser, Landrat Hans-Ulrich Lipphardt und der Kommandeur des Bundesgrenzschutzes Hans Finke begrüßten die Flüchtlinge, die dann im Bundesgrenzschutz in Alsfeld untergebracht wurden und von den Helferinnen und Helfern des DRK-Kreisverband Alsfeld betreut wurden.

In den folgenden zwei Monaten seien durch 500 Helferinnen und Helfer des DRK weit über 5.000 DDR-Übersiedler im Bundesgrenzschutz in Alsfeld betreut. Hierbei wurden insgesamt 13.000 Stunden ehrenamtlicher Dienst geleistet. Dieser Betreuungseinsatz bestand in erster Linie in den Bereichen der Unterkunftsbetreuung, der Kindergartenbetreuung, der Friedlandhilfe, des Kreisauskunftsbüros und der Kleiderspendenausgabe. An einer großen Autobahnbetreuungsstelle an der Ausfahrt „Alsfeld-Ost“ wurden alleine im November 1989 über 7.000 ehemalige Bürgerinnen und Bürger der DDR mit warmen Mahlzeiten und Getränken versorgt.

Eine Zimmerbörse des DRK-Kreisverbandes Alsfeld vermittelte hunderten von DDR-Besuchern kostenlose Übernachtungsmöglichkeiten. In der DRK-Werkstatt wurden mehrere liegen gebliebene DDR-Fahrzeugen repariert. Eine Möbelbörse vermittelte zahlreichen DDR-Bürgerinnen und Bürgern aus der Bevölkerung gespendeten Einrichtungsgegenstände. Ein Spendenaufruf des DRK-Kreisverbandes Alsfeld an die Bürgerinnen und Bürger des Vogelsbergkreises, an Handel, Banken und Gewerbe erreichte ein Spendenvolumen von 200.000 Deutschen Mark.

Am 18. November 1989 befanden sich der ehemalige Geschäftsführer des DRK Manfred Hasemann und der Sanitätshelfer Jörg Borgerding an einer Dienstveranstaltung in Widdershausen an der innerdeutschen Grenze. Plötzlich ereilte sie die Nachricht, man hätte den Grenzzaun nach Dankmarshausen geöffnet und man könne einfach so über die Grenze. Ohne lang zu überlegen begaben sich Manfred Hasemann und Jörg Borgerding an das Schlupfloch im Zaun. Ohne Personalausweis, nur mit dem Dienstausweis des DRK und in Rotkreuzuniform lies man die beiden Alsfelder Rotkreuzler passieren.

Sie erreichten Dankmarshausen und kehrten in die Gastwirtschaft Rudloff in der Bahnhofsstraße ein. Dort wurden sie frenetisch von den Dankmarshäusern begrüßt und man hatte sich viel zu erzählen. Sozusagen als „Willkommensgruß“ und als Erinnerung auf den spontanen Grenzübertritt, erhielten sie eine in der Gastwirtschaft aufgehängte Urkunde mit dem Inhalt: „Für hervorragende Leistungen anlässlich des 60. Jahrestages der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution wird der Straßengemeinschaft in der Bahnhofstraße in Dankmarshausen Dank und Anerkennung ausgesprochen.“

30 Jahre nun hing diese Urkunde im Büro von Manfred Hasemann. Am vergangenen Samstag besuchte er dieselbe Gaststätte in der Bahnhofsstraße in Dankmarshausen und brachte die Urkunde wieder an ihren Bestimmungsort zurück.

Die damalige Wirtin, Frau Rudloff, war sichtlich überrascht über den Besuch von Hasemann und freute sich über die Rückgabe der Urkunde, die nun wieder in der Gastwirtschaft an der Wand hängt. Frau Rudloff erzählte noch von damals und teilte mit, dass ihr Mann schon vor Jahren verstorben sei. Sie dankte Hasemann vom DRK-Kreisverband Alsfeld für seinen Besuch und die Rückgabe der Urkunde und sagte: „Das hätte meinem verstorbenen Mann auch sehr gefallen.“ Danach verlies Hasemann, so wie vor 30 Jahren, wieder Dankmarshausen. Nur musste er nicht wie damals durch die Öffnung des Grenzzaunes gehen, sondern fuhr entspannt in Richtung Alsfeld.

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