Den Kirchen laufen die Mitglieder davon - ein Interview mit dem Alsfelder Pfarrer Peter Remy

+
Pfarrer Peter Remy sagt, die Zahl der engagierten Menschen in seiner Gemeinde sei seit Jahren stabil.

Es ist kein neuer Trend: Kirchen verlieren deutschlandweit und Jahr für Jahr Mitglieder. Das betrifft die katholische als auch die evangelische Kirche. Vor wenigen Wochen veröffentlichten sie ihre Jahresberichte für 2018 – der Trend konnte auch in diesen zwölf Monaten nicht gestoppt werden.

Alsfeld - Im Gegenteil. So verzeichnet etwa die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) einen Rückgang von über zwei Prozent. Dabei wird deutlich: Immer mehr Menschen entscheiden sich bewusst für den Austritt aus ihrer Kirchengemeinde. In der EKHN etwa waren es im vergangenen Jahr 17.674. Das trifft die Kirche hart. Ihr Präsident Volker Jung sagt: „Die Entwicklung tut weh. Wir bedauern jeden einzelnen Kirchenaustritt, zumal wir viele Anstrengungen unternehmen, Menschen in der evangelischen Kirche eine geistliche Heimat zu bieten und als Kirche die Gesellschaft aktiv mitzugestalten, so dass wir zu einem guten, gerechten und friedlichen Miteinander beitragen.“

Doch wie sieht es eigentlich in Alsfeld aus? Nachfrage bei Pfarrer Peter Remy, seit 2005 zudem Vorsitzender des Kirchenvorstands der evangelischen Kirchengemeinde Alsfeld.

Alsfeld aktuell: Herr Remy, neben der Tatsache, dass mehr Kirchenmitglieder sterben als neue eintreten: Was bewegt Ihrer Meinung nach die Menschen dazu, aus der Kirche auszutreten?

Peter Remy: Die Kirche ist so wie alle anderen Institutionen, Vereine, Verbände und Parteien von einer „De-Institutionalisierung der Lebensverläufe“ betroffen, wie die Soziologen das nennen. Das heißt, Institutionen verlieren an Bindungswirkung und orientierender Funktion für den Einzelnen. Und zwar auch dann, wenn man sich mit den inhaltlichen Positionen identifizieren kann, die in der Institution vertreten werden. In früheren Zeiten blieben auch die Menschen, die die Angebote der Kirche nicht nutzten, und das war schon immer die große Mehrheit der Getauften, selbstverständlich Mitglied der Institution. Die Kirchenmitgliedschaft wurde nicht durch eigene Wahl bestimmt und hing nicht davon ab, ob die eigenen Bedürfnisse innerhalb der Institution befriedigt wurden. Im heutigen Zeitalter der Individualisierung wird hingegen die Zugehörigkeit bewusst gewählt. Das bedeutet, dass auch die Gründe zum Austritt heute sehr individuell und teilweise auch völlig disparat sind. Für die Einen ist die Kirche „rückständig“, für die anderen „modernistisch“, für die einen „zu politisch“, für die anderen „zu weltfremd“ und so weiter.

Wie ist der Trend in Ihrer Kirchengemeinde?

Remy: Bei einem augenblicklichen Mitgliederstand von 4500 verlieren wir in den letzten Jahren etwa 100 Menschen im Jahr, davon etwa 20 durch Austritte. Unter denen, die in der Kirche bleiben, ist eher ein wachsendes Interesse zu beobachten. Die Zahl der in unserer Gemeinde aktiv Engagierten bleibt mit 170 Menschen seit vielen Jahren auf relativ hohem Niveau stabil.

Was unternimmt Ihre Kirchengemeinde, um Mitglieder zu halten oder zu gewinnen?

Remy: Bei uns können ganz verschiedene Menschen aller Altersstufen mit ihren sehr verschiedenen Bedürfnissen eine spirituelle und lebensgeschichtliche Heimat finden und dabei ihr Nähe- und Distanzverhältnis und ihr Beteiligungsverhalten selbst wählen. Dazu gibt es viele Angebote für alle Altersgruppen und die unterschiedlichsten gottesdienstlichen und kulturellen Veranstaltungen.

Sind fallende Mitgliederzahlen jetzt oder in Zukunft eine finanzielle Gefahr für die Kirche oder gar Ihre Kirchengemeinde?

Remy: Nur etwa ein Drittel der Kirchenmitglieder sind auch Kirchensteuerzahler. Steigende Austrittszahlen werden natürlich dazu führen, dass die Kirche ihre sozialdiakonischen und seelsorgerlichen Dienste nicht mehr in dem Maß wie bisher aufrechterhalten kann.

In unserer Kirchengemeinde werden zum Beispiel 60 Prozent der landeskirchlichen Zuweisungsmittel für den Betrieb und die Unterhaltung der drei evangelischen Kindertagesstätten Arche Noah Am Lieden, In der Krebsbach und Am Rodenberg aufgewendet, deren Träger wir sind. Da die Kinderbetreuung eine kommunale Aufgabe ist, werden die Kitas zum größten Teil aus kommunalen und anderen öffentlichen Mitteln finanziert, der Träger ist nur Kofinanzierer.

Was sind Ihrer Meinung nach Fehler, die die Institution Kirche in der Vergangenheit gemacht hat?

Remy: Sicher hat die Kirche in früheren Zeiten zu spät auf gesellschaftliche Veränderungen und veränderte Bedürfnislagen der Menschen reagiert. Heute besteht meines Erachtens auch die gegenteilige Gefahr, dass die Evangelische Kirche sich zu schnell kurzfristigen Trends anpasst und dabei ihr Profil zu verlieren droht. Um es mit einem Wort des früheren Bundespräsidenten und engagierten evangelischen Christen Johannes Rau zu sagen: „Wer den Zeitgeist heiratet, der wird früh Witwer.“ Zweifellos machen die Kirche als Institution und die Menschen, die in ihr tätig sind, immer wieder Fehler. Ich halte es demgegenüber auch für einen Fehler, aus der Kirche auszutreten, da jeder Austritt zur fortschreitenden Entsolidarisierung unserer Gesellschaft beiträgt. Es gibt Dinge, deren Fehlen man erst bemerkt, wenn sie nicht mehr da sind: Die alte Dorfschule, die Bäckerei an der Ecke, die kleine Kneipe in unserer Straße. Manches fehlt erst, wenn es nicht mehr zurückzubringen ist. Bald werden wohl auch Kirchen fehlen, ungenutzt, umgewidmet, abgerissen, nicht mehr zurückzubringen. Menschen sind fehlbar.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

Unfallflucht in Flensungen - Wer hat etwas gesehen?

Ein bisher unbekannter Verkehrsteilnehmer beschädigte am Samstag, 12. Oktober, gegen 22.12 Uhr, zwei Fahrzeuge auf einem Parkplatz in der Gießener Straße im Mücker …
Unfallflucht in Flensungen - Wer hat etwas gesehen?

Wer kennt den Besitzer dieses Fahrrads?

Ende September/Anfang Oktober 2019 wurde ein Jugendfahrrad der Marke "SunRace" im Bereich der Burgruine in Angersbach aufgefunden. Bis heute konnte der Eigentümer nicht …
Wer kennt den Besitzer dieses Fahrrads?

Erheblicher Widerstand nach räuberischem Diebstahl in Alsfelder Supermarkt  

24-Jähriger beleidigt Polizeibeamte in Alsfeld
Erheblicher Widerstand nach räuberischem Diebstahl in Alsfelder Supermarkt  

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.