Kommentar: Wie eine Gesellschaft mit der Pandemie umgeht, bestimmt der Einzelne

Außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliche Maßnahmen - für jeden Einzelnen. Denn jeder Einzelne bestimmt, wie die Gesellschaft im Ganzen eine Krise bewältigt. Im besten Fall kann sie gestärkt daraus hervorgehen. Ein Kommentar.

Viele Läden bleiben ab Mittwoch geschlossen, Freizeiteinrichtungen sowieso. Schulen und Kitas bieten nur eine Notbetreuung. Reisen sollen auch im Inland abgesehen von dringenden Fällen nicht mehr stattfinden. Die EU-Grenzen und die vieler anderer Länder weltweit sind dicht. Supermarktregale sind teilweise leer. Viele bleiben so gut es eben geht, zu Hause. Manche ignorieren sämtliche Empfehlungen und treffen sich zu sogenannten „Corona-Partys“. Medien berichten in Dauerschleife über aktuelle Zahlen, neue Vorschriften. Das Robert-Koch-Institut (RKI) hält täglich Pressekonferenzen ab und stuft die Gefährdung für die Gesundheit der Bevölkerung in Deutschland seit Dienstag insgesamt als hoch ein. Bundeskanzlerin Angela Merkel ist bislang drei Mal vor die Öffentlichkeit getreten. Es sind außergewöhnliche Zeiten, in denen Freiheiten massiv eingeschränkt werden.

„Außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliche Maßnahmen“, sagte Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) bei der Pressekonferenz am Montagabend zu den weiteren Corona-Maßnahmen in Wiesbaden. Und auch Bundeskanzlerin Angela Merkel appellierte, es gehe nicht um das, was jeder Einzelne oder jede Einzelne wolle, sondern um das, was die Wissenschaft rät. Und die rät jedem Einzelnen, den Kontakt zu anderen Menschen so weit es geht, zu vermeiden.

Nichtsdestotrotz: Nicht alle Deutschen halten sich an die Empfehlungen aus Wissenschaft und Politik. Manche verabreden sich gar zu Coronapartys. „Bitte tun Sie das nicht. Schränken Sie das gesellschaftliche Leben ein“, forderte RKI-Vizepräsident Lars Schaade daraufhin.

Wozu die Missachtung solcher Empfehlungen führen kann, ist in Frankreich zu sehen: Weil viele Franzosen nicht ihr öffentliches Leben einschränken wollten und sich das Virus weiter ausbreitete, verordnete die französische Regierung eine Ausgangssperre, die seit Dienstag für 14 Tage gilt.

Wozu die Missachtung solcher Empfehlungen vor allem aber führen kann, ist in Italien schmerzlich zu beobachten: Dort kommt das Gesundheitssystem mit den Massen an Infizierten nicht mehr zurecht. Mehr als 2100 Menschen sind an der Lungenkrankheit gestorben, mehr als 25.000 sind positiv auf das Virus getestet worden (Stand: 16. März). Täglich steigen die Zahlen dramatisch. Kein Gesundheitssystem der Welt kommt mit derart schnell zunehmenden Krankheitsfällen zurecht.

Die Ausbreitung des Virus verlangsamen, um das Gesundheitssystem zu schonen und so für die Kranken eine angemessene Behandlung bieten zu können, ist deshalb das Ziel – nicht nur in Deutschland. Weil die Empfehlungen, die das RKI nicht erst seit dieser Woche ausspricht, auch hierzulande nicht ausreichten, um das neuartige Coronavirus einzudämmen, verordneten Länder, Bundesregierung und EU deswegen weitreichende Einschnitte im öffentlichen Leben.

Bedeutet in Hessen konkret, dass Bars, Clubs, Museen, Theater, Kinos, Ausstellungen, Sportstätten, Spielplätze sowie sämtliche Geschäfte im Einzelhandel schließen müssen. Übernachtungsangebote wie Hotels und Pensionen dürfen nicht mehr für touristische Zwecke genutzt werden. Alle Restaurants, Kantinen und Mensen müssen nach 18 Uhr schließen. Für Pflegeeinrichtungen wie Seniorenheime und Krankenhäuser gilt ein weitreichendes Besuchsverbot. Sämtliche Kitas und Schulen bleiben geschlossen und bieten bei Bedarf eine Notbetreuungen an. Geöffnet bleiben Lebensmittelläden, Wochenmärkte, Baumärkte, Apotheken, Drogerien, Tankstellen, Banken, Poststellen und Waschsalons. Auch Dienstleister wie Optiker, Friseure und Handwerker können weiterarbeiten.

Sämtlichen Verordnungen und Empfehlungen aus Politik und Wissenschaft ist eine Maxime übergeordnet: Bürgerinnen und Bürger sollen so weit es geht auf den Kontakt mit ihren Mitmenschen verzichten. In der freiheitsverwöhnten Bundesrepublik Deutschland sind diese strikten Maßnahmen ein absolutes Novum.

Am Montagnachmittag richtete sich auch Alsfelds Bürgermeister in einer Videobotschaft an die Bürgerinnen und Bürger. „Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, eine mögliche Verbreitung, so gut wir können, zu verlangsamen“, sagte er. Dies müsse besonnen und unaufgeregt, aber auch mit der entsprechenden Entschlossenheit passieren.

Der Staat hat viele seiner Register gezogen, Arbeitgeber bieten wenn möglich Homeoffice an, man entdeckt die Digitalisierung. Doch letztlich ist – wie so oft – entscheidend, wie sich jede Einzelne und jeder Einzelne verhält. Und darin steckt eine Chance: Den Zusammenhalt zu üben, die Solidarität wiederzuentdecken. Zu verzichten, um anderen zu helfen. Sich selbst als Teil eines Ganzen zu betrachten. Wenn das geschieht, kann die Gesellschaft gestärkt aus dieser Krise hervorgehen.

Rubriklistenbild: © Pixabay/Collage: Göbel

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