Kommentar: Die Impfpflicht ist falsch adressiert

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Vorweg: Die Masern-Impfung ist richtig und wichtig. Masern gehören zu den ansteckendsten Infektionskrankheiten des Menschen, verlaufen meist schwer und ziehen nicht selten Folgeerkrankungen nach sich. Doch mit der Impfpflicht macht es sich die Politik zu einfach.

Denn nicht die wenigen renitenten Impfgegner sind das Problem, sondern die breite zu wenig aufgeklärte Masse.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) möchte nicht erst seit gestern die Masern weltweit ausgerottet sehen. Deutschland hat sich diesem Ziel ebenso verpflichtet – und hat es bislang verfehlt. Die hochansteckende Virusinfektion gilt laut Definition der WHO dann als eliminiert, wenn weniger als ein Fall auf eine Millionen Einwohner gemeldet wird. Über den Daumen gepeilt sollte es jährlich in Deutschland somit zu nicht mehr als 80 Maserninfektionen kommen.

Davon ist man weit entfernt: 2017 wurden dem Robert-Koch-Institut 929 Fälle gemeldet, in dem „Spitzenjahr“ 2015 waren es 2465. Dabei erkranken keineswegs nur Kinder: Fast die Hälfte aller Erkrankten 2018 waren junge Erwachsene. Folglich wurden die Masernimpfungen auch in diesen Altersgruppen bereits vernachlässigt.

Damit muss Schluss sein, dachte sich auch Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Eine Impfpflicht, die im März 2020 in Kraft tritt, soll es richten. Dieses Masernschutzgesetz verpflichtet unter anderem Eltern, ihre Kinder vor der Aufnahme in eine Kita, Schule oder ähnliche Gemeinschaftseinrichtung impfen zu lassen – saftige Geldstrafen bis zu 2500 Euro für sich widersetzende Eltern und Kita-Ausschluss für das darunter leidende Kind inklusive.

De facto werden das nicht viele sein. Das Robert-Koch-Institut gibt an, dass im Jahr 2017 über 97 Prozent der Schulanfänger bundesweit die erste Masernimpfung vorweisen konnte. Die Folgeimpfung, die dann eine lebenslange Immunität gegen das Virus nahezu garantiert, erreicht diesen Prozentsatz allerdings bei weitem nicht. Das zeigt: Einige wenige sind prinzipiell gegen die Impfung. Einige mehr scheinen nicht gut genug beraten zu sein.

Es stellt sich die Frage, ob die Impfpflicht, die die sowieso Unbelehrbaren nicht tangieren wird, das probate Mittel ist?! Die wenigen aber lauten Impfgegner werden sich auch davon nicht belehren lassen. Sie werden Schlupflöcher finden oder die Strafen zahlen, wenn sie es sich leisten können. Sie werden sich in ihren teils abstrusen Theorien noch bestärkt fühlen. Sie werden noch lauter werden. Das Masernschutzgesetz ist falsch adressiert.

Sinniger wäre, das Bewusstsein der nicht kategorisch ausschließenden aber impfmüde gewordenen Gesellschaft für die potenziell lebensrettende Impfung im Kindesalter zu schärfen. Das betrifft die mehrheitlich gewillten Eltern als auch die immer häufiger an Masern erkrankenden Jugendlichen und junge Erwachsene, die ihre Impfungen nachholen können. Dafür bedürfe es keiner Pflicht, sondern in erster Linie Aufklärung.

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