Kommentar: Notbremse Tempolimit

Dass ein generelles Tempolimit immer mehr Zustimmung findet, hat nicht per se mit der Idee an sich zu tun. Vielmehr stellen immer mehr Deutsche fest: Das Autofahren mit all den Dränglern und Rasern macht so keinen Spaß mehr. Letzter Ausweg: ein Tempolimit. Doch muss das nicht die Lösung sein.

Wer es in Deutschland eilig hat, steigt ins Auto und gibt Gas. Ab auf die Autobahn, linke Spur, beschleunigen. So lange, bis die Höchstgeschwindigkeit des Autos erreicht ist. Kurz abbremsen, Lichthupe geben, beschleunigen. Die linke Spur ist des Deutschen Lieblingsplatz. Zumindest so lange, bis im Rückspiegel ein noch schnelleres Fahrzeug auf sich aufmerksam macht. Kurz auf die rechte Spur ausweichen. Links. Vollgas. Das grau hinterlegte Verkehrsschild mit der dreifach durchgestrichenen 130... ein Sehnsuchtsort für Amateur-Rennfahrer. Und: ein Wahnsinn.

Was dem Amerikaner seine Waffe, ist dem Deutschen seine Autobahn. Traditionen schüren Emotionen. Argumente prallen ab: Die vielen auf überhöhte Geschwindigkeit (und zu geringen Abstand) zurückzuführenden Verkehrstoten, die Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer, die zusätzliche Klimabelastung, der Lärm. Alles hinlänglich bekannt und ignoriert. Nicht nur beim deutschen Autofahrer, auch im Bundestag. Weil in der Diskussion das wichtigste Argument vergessen wird: Das Autofahren mit den Dränglern und Rasern, den Lichthupen-Gebern und den Partout-nicht-Blinkern: Es macht so keinen Spaß mehr.

Selbst den Schnellsten unter den Schnellen muss auffallen: Im Ausland ist das Autofahren entspannter. Das ist nicht das plötzliche Urlaubsgefühl, das sich schlagartig hinter der Landesgrenze meldet. Nein: Es ist der gleichmäßige Verkehr bei 130 Kilometern in der Stunde. Das reduziert Stress. Das reduziert häufiges Abbremsen und Beschleunigen. Das reduziert Staus. Das reduziert Unfälle.

Immer mehr Menschen erkennen das und neigen dazu, dem Tempolimit zuzustimmen. Und das wiederum erkennt der 21 Millionen Mitglieder zählende ADAC und zeigt sich gegenüber eines Tempolimits plötzlich neutral – vor wenigen Jahren undenkbar gewesen.

Das Tempolimit findet auch deswegen immer mehr Befürworter, weil es das einzige zur Debatte stehende Instrument der Verkehrspolitik zu sein scheint, um wieder mehr Sicherheit auf die deutschen Autobahnen zu bringen. Es ist die Notbremse in der Geschwindigkeitsdebatte. Dabei muss eine generelle Geschwindigkeitsbegrenzung auf 130 km/h nicht zwingend die Lösung sein.

Das wäre ein Kompromiss: Intelligente und somit auf den aktuellen Verkehr angepasste Geschwindigkeitsbegrenzungen wie man sie von einigen aber längst nicht allen Autobahnabschnitten kennt, härtere Konsequenzen für Raser und Drängler und häufigere Verkehrskontrollen. Auch diese Maßnahmen könnten zu einem angenehmeren Autofahren beitragen. Diskutiert wird ein Tempolimit mit Ausnahmen bereits. Je nach Tageszeit und Verkehr könnte das Tempolimit demnach aufgehoben werden. Überlegt wird auch, das Tempolimit nur für E-Autos aufzuheben. Man ahnt es: Das Thema wird emotional bleiben.

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