Ist die konventionelle Schweinehaltung so schlecht wie ihr Ruf?

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Andreas Kornmann bei den Sauen im Deckstall. Hier verbringen die Tiere einige Tage auch im sogenannten Kastenstand.
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Die Ferkel suchen die Nähe zu ihren Geschwistern.
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Haben Durst: Pro Wurf bringt die Sau im Schnitt 15 Ferkel zur Welt.
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Erblickt gerade das Licht der Welt – beziehungsweise das Licht des Stalls. Kornmann betrachtet sich das neugeborene Ferkel.
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Andreas Kornmann betrachtet sich eines seiner vielen Ferkel.
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Der Präsident des Deutschen Tierschutzverbandes bei einem Besuch im Tierheim Alsfeld. Er hat zum Thema Kupieren naturgemäß eine andere Meinung als Kornmann.
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So kann es auch aussehen. Schweine im Bioland Gut Halbersloh im nord-östlichen Schwalm-Eder-Kreis. Mehr Platz, frisches Stroh und Außenbereich - das hat für den Verbraucher natürlich seinen Preis.

Die Tiere werden mit Antibiotika vollgepumpt. Sie sehen nie die Sonne und werden Tag für Tag auf engsten Raum gehalten. Männliche Ferkel werden ohne Betäubung kastriert. Und hinter all dem steht der profitgeile Schweinemäster.

Das sind einige gängige und seit geraumer Zeit heftig diskutierte Klischees der konventionellen Tier-, in diesem Falle Schweinehaltung. Was ist dran an diesen Aussagen und was sagen die Landwirte dazu? Alsfeld Aktuell sieht sich in einer konventionellen Ferkelerzeugung um.

Kreislandwirt Andreas Kornmann kennt diese Vorurteile zu gut: Mit 525 Zuchtsauen ist seine konventionelle Ferkelerzeugung in Romrod-Zell eine der größeren im Vogelsberg. „Eine konventionelle Tierhaltung bedeutet keineswegs, dass mir das Tierwohl egal ist – im Gegenteil. Jedes Ferkel, das wir verlieren, ist natürlich auch ein finanzieller Verlust, tut mir als Landwirt in erster Linie aber im Herzen weh“, sagt Kornmann, der eine Versachlichung der Diskussion über Tierhaltung fordert.

Beim Rundgang in Kornmanns Ställen bei teilweise über 30 Grad („die Ferkel mögen es gerne warm“) wird eines klar: Gesund sind die Schweine. Sie trinken, grunzen, quieken und laufen durch die Buchten. Für die Gesundheit der Tiere müssen Kornmann, seine Frau und Mitarbeiter sorgen – auch mit zum Teil umstrittenen Behandlungen. „Wir kupieren die Schwänze der Ferkel in ihren ersten Tagen. Damit beugen wir dem Schwanzbeißen vor, was zu erheblichen Entzündungen und Krankheiten bei den Schweinen führen könnte“, sagt Kornmann.

Beim sogenannten Kupieren wird das letzte Drittel des Ringelschwanzes mit einem heißen Brenneisen ohne Betäubung abgetrennt. „Das ist im Sinne des Tierwohls. Wir verhindern mit der Behandlung Schlimmeres. Dazu stehe ich“, sagt der Kreislandwirt. Das Ferkel spüre im letzten Teil des Schwanzes keine Schmerzen, Es sei ein verhältnismäßig kleiner Eingriff mit großer Bedeutung für das Tierwohl.

Der Präsident des Deutschen Tierschutzverbandes bei einem Besuch im Tierheim Alsfeld. Er hat zum Thema Kupieren naturgemäß eine andere Meinung als Kornmann.

Das sieht Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzverbundes, anders. Bei einem Besuch im Tierheim Alsfeld in dieser Woche sagt er zu Alsfeld Aktuell: „Haben die Tiere Langeweile, fangen sie an, sich gegenseitig zu beißen – auch an den Schwänzen. Der Landwirt kommt dem zuvor, indem er die Schwänze kupiert. Doch man muss wissen, dass dieser Eingriff in der EU verboten ist – von den meisten aller Schweinehalter aber weiterhin praktiziert wird.“ Er ist der Meinung, dass die Tiere nicht für solche Haltesysteme manipuliert werden sollten. Kornmann hingegen sagt: „Es gibt keine Schweinehaltung, wo das Schwanzbeißen ausgeschlossen ist. Das kommt auch in der Freilandhaltung vor.“ Es bestünde weiterhin Forschungsbedarf. In der Debatte gebe es nach wie vor zu viele Fragezeichen.

Der Weg des Ferkels

Mit etwa 1200 Gramm kommt das durchschnittliche Ferkel im Betrieb von Andreas Kornmann mit 14 Geschwistern auf die Welt – die Sau ferkelt ab. 28 Tage verbringen die Sau und ihre Ferkel dann gemeinsam in einer Bucht – auf Spaltenböden, die Sau in einem Ferkelschutzkorb fixiert (um die Ferkel nicht zu erdrücken) und mit Wärmebereich für die Jungtiere. „Für das menschliche Auge ist es sicherlich schöner, Schweine im Stroh zu sehen. Die Tiere sehen das aber nicht unbedingt so“, sagt Kornmann. Der Spaltenboden sei die hygienischere Variante, da Kot und Harn – anders als im Stroh – schnell ablaufen könnten. Das Stroh sauge hingegen alles auf– was letztlich auch zu mehr Schadstoffen in der Luft führen würde. Konventionelle Betriebe seien zudem logistisch nicht darauf ausgelegt, mit Stroh arbeiten zu können.

Ein Besuch auf dem Gut Halbersloh im nord-östlichen Schwalm-Eder-Kreis zeigt das Gegenteil: Hier werden wenige Schweine auf viel Fläche mit Stroh nach Bioland-Vorgaben gehalten – mit Außenbereich für die Tiere. Für den Verbraucher hat das am Ende seinen Preis. Umfragen zeigen, dass sich die deutliche Mehrheit der deutschen Bürger allgemein mehr Tierwohl wünscht. Aber: Die wenigsten von ihnen greifen selbst zum teureren Fleisch mit Bioland-, Demeter- oder EU-Bio-Siegel. Noch deutlicher spiegelt der Markt diese Ambivalenz wider: Nicht einmal ein Prozent des in Deutschland produzierten Schweinefleischs stammt aus ökologisch wirtschaftenden Betrieben. Kornmann sieht es ähnlich: „Tierwohl muss seinen Preis haben. Ich wünsche mir einen bewussteren Einkauf – bei manchen Dumping-Preisen im Discounter mag man sich nicht vorstellen, woher das Tier stammt und wie es aufgewachsen ist.“

So kann es auch aussehen. Schweine im Bioland Gut Halbersloh im nord-östlichen Schwalm-Eder-Kreis. Mehr Platz, frisches Stroh und Außenbereich - das hat für den Verbraucher natürlich seinen Preis.

Bei Kornmann wachsen die Ferkel zunächst 28 Tage bei der Sau auf. In den ersten Tagen stehen für die Jungtiere vier Behandlungen an: Impfungen gegen die wichtigsten Schweine-Krankheiten werden gegeben, Eisen wird gegen Blutarmut – die Ferkel-Anämie – verabreicht, die Tiere werden gechippt und ihre Schwänze kupiert. „Das sind Maßnahmen, um die Tiere gesund zu halten. Der Landwirt führt einen Kampf gegen die Gesetze der Natur“, sagt Kornmann. Durch immer bessere Technik in der Haltung und die Impfungen würde gegen die mehrheitliche Meinung nicht viel Antibiotika verabreicht – zumal der Einsatz sehr kostspielig sei.

Kastration ohne Betäubung

Bei den meisten anderen Ferkelerzeugern kommt noch eine weitere Behandlung dazu – die in die Schlagzeilen geratene Kastration der männlichen Ferkel ohne Betäubung. Sie wird deshalb vorgenommen, weil etwa zehn Prozent der männlichen nicht kastrierten Schweine einen für den Verbraucher unangenehmen Geruch annehmen – den Ebergeruch. Kornmann verzichtet dennoch auf die Kastration. Große Unternehmen haben mittlerweile die Möglichkeit, auch nicht kastrierte Eber zu verarbeiten und kaufen sie ihm ab – wenn auch zu einem deutlich niedrigeren Preis. Für die im Vogelsberg mehrheitlich kleinen Betriebe ist das aus wirtschaftlichen Gründen jedoch keine Option. „Für sie und die Ferkel wäre eine Lokal-Betäubung die beste Möglichkeit“, sagt der Kreislandwirt. Es liege letztlich an der Politik, diese Tür zu öffnen. Nach den 28 Tagen bei der Sau wechseln die Ferkel mit durchschnittlich sieben Kilogramm den Stall – sie kommen zur Aufzucht, die Sau in den Deckstall. Dort verbringt sie die meiste Zeit im Kastenstand – 70 Zentimeter Breite hat das Tier darin jeweils zur Verfügung. „Im Deckstall braucht die Sau Ruhe, Sicherheit und einen Rückzugsort“, sagt Kornmann. Aber auch aus hygienischen Gründen sei der Kastenstand sinnvoll – so bleibe das Futter immer vorne, der Kot hinten. Der Grund: Das Tier kann sich darin nicht drehen.

Die Ferkel hingegen bleiben bis zum Verkauf noch etwa sieben Wochen in der Aufzucht, wo sie überwiegend mit Getreide aus eigenem Anbau gefüttert und bei rund 30 Grad bei Laune gehalten werden. Mit etwa 30 Kilogramm verkauft sie Kornmann nach insgesamt zehn bis elf Wochen an Mastbetriebe weiter – derzeit für einen „guten Preis von etwa 60 Euro“.

Doch die Preise schwanken in der Branche, vor einem halben Jahr wurde nur die Hälfte bezahlt. Jetzt ist die Nachfrage groß: Die Grill-Saison steht vor der Tür und die Deutschen mögen auf die Bratwurst nicht verzichten.

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