Die Leiden des heimischen Waldes

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Hartmut Kreie, Bereichsleiter Produktion im Forstamt Romrod, und seine Kollegen seien an der Belastungsgrenze. Einen solchen Zustand der Wälder hätte noch kein Förster erlebt.

Der Wald ist in keinem guten Zustand, die Schäden sind offensichtlich. Die Böden sind schon jetzt, vor dem eigentlichen Sommer, staubtrocken. An vielen Waldeingängen wird vor den Gefahren durch herabfallende Äste gewarnt. Jede Menge Schadholz liegt umher.

Vogelsberg. Bei einem genauen Blick lassen sich an den toten Bäumen die Muster des Buchdruckers, des in unserer Region am stärksten vorkommenden Borkenkäfers, erkennen.
„Eine solche Situation hat noch kein Förster erlebt“, sagt Hans-Jürgen Rupp, Forstamtsleiter in Romrod im Gespräch mit dieser Zeitung. Sein Kollege Hartmut Kreie, Bereichsleiter Produktion, kann dem nur zustimmen. Es komme derzeit alles zusammen, er und seine Mitarbeiter kommen mit den Arbeiten seit langem nicht mehr hinterher. Nach den verheerenden Dürrejahren 2018 und 2019 zeigte sich der vergangene Winter und der Jahresbeginn 2020 zunächst vielversprechend. „Wir hatten überdurchschnittlich viel Niederschlag in den kalten Monaten; ein gutes Drittel mehr als üblich“, sagt Rupp. Im Februar fiel sogar das Dreifache der üblichen Menge. Seine Hoffnung, dass auch der Frühling niederschlagsreich ausfallen würde, erfüllte sich jedoch nicht. März und April fielen extrem trocken aus. Dabei hätte es weiteren Regen dringend gebraucht. „In den oberen Schichten hatten wir eine Wassersättigung. Doch alles, was tiefer als 1,50 Meter liegt, war auch nach dem niederschlagreichen Winter trocken“, erklärt der Forstamtsleiter. Es brauche viel Zeit, um die Verluste der letzten zwei Sommer aufzufangen.

„Wasserstress“ für Fichten und Buchen

Für den Wald stellt ein anhaltender Wassermangel einen erheblichen Risikofaktor dar – die Bäume leiden unter „Wasserstress“. Die Folge: Sie verlieren an Robustheit, sind anfälliger für Schädlinge. Besonders betroffen davon sind die Fichten. Sie sind sogenannte Flachwurzler. Bedeutet: Ihre Wurzeln reichen nicht tief in das Erdreich und haben somit keinen Zugang zum Grundwasser. Die Bäume können aufgrund des Wassermangels nicht genügend Harz produzieren, um sich die Schädlinge vom Leib zu halten. Sorgen macht den Forstämtern in erster Linie der Borkenkäfer, der sich in den vergangenen Jahren explosionsartig vermehren konnte.

Am gefährlichsten ist für die hiesigen Wäldern der sogenannte Buchdrucker, eine Unterart des Borkenkäfers. Er bohrt sich durch die Rinde des geschwächten Baumes und siedelt sich zwischen dem Kernholz und der Rinde an – im Splintholz, wo der Baum sonst Wasser nach oben fördert. Die Leitungsbahnen werden zerstört. Der Baum stirbt infolgedessen ab. „In den vergangenen beiden Jahren gab es aufgrund der optimalen Bedingungen für den Borkenkäfer jeweils drei bis vier Generationen. Normal wären zwei“, sagt Rupp.

An dieser Rinde sind die Schäden der Buchdrucker, des am meisten vorkommenden Borkenkäfers gut zu erkennen.

Bis zu 100.000 Nachkommen produziert ein einziges Buchdrucker-Weibchen. Nach vier bis sechs Wochen sind diese dann flugfähig und besiedeln die benachbarten Fichten. Viele Fichten habe man bereits verloren. „Wir hauen mindestens das Fünffache des üblichen Fichteneinschlags“, sagt Kreie. Sollten sich die Borkenkäfer auch in diesem Jahr wieder so vermehren können, drohe dem Wald eine Katastrophe.

Der Wald muss und wird sich wandeln

Doch längst ist nicht nur der Fichtenbestand gefährdet. Gerade auch die weitverbreitete Buche habe unter der Trockenheit stark gelitten. Schon Ende Februar habe man so viele Festmeter an totem Buchenholz verzeichnet, was sonst in einem ganzen Jahr geschlagen werde. „Bäume, die über einhundert Jahre alt sind, sowie junge werden kahl und sterben ab“, beschreibt Rupp die Situation im Wald. Da diese leicht brechen, würden ständig die Bäume an den Straßen kontrolliert und kranke entfernt, damit trockene Äste oder ganze Bäume nicht auf die Fahrbahn stürzen. Dies könne schon bei leichtem Wind geschehen. Auch Waldbesucher sollten wachsam unterwegs sein.

Ein mittlerweile gewohnter Anblick: vom Borkenkäfer befallene Fichten.

Die Verkehrssicherung stellt für die knapp 50 Mitarbeiter im Forstamt Romrod seit geraumer Zeit den Schwerpunkt ihrer Arbeit dar. „Doch Fakt ist: Wir haben auch andere Aufgaben. Mit der Aufarbeitung des Windwurfs kommen wir gar nicht hinterher. Das ist schier nicht machbar“, sagt Rupp. Der Forstamtsleiter bemängelt in diesem Zug den Personalabbau seiner Behörde. Seit 2005 sei die Mitarbeiterzahl in seinem Forstamt mehr als halbiert worden. „Es gibt keine andere Verwaltung, die so massiv abgebaut wurde wie die Forstämter“, so Rupp. Der Personalmangel sei gravierend. Auch das wirtschaftliche Arbeiten sei enorm schwierig geworden. 120 Millionen Euro erwirtschaftet HessenForst mit dem Holz durchschnittlich im Jahr. Die Behörde betreut etwa 80 Prozent des Waldes in Hessen. Da deutschlandweit derzeit sehr große Mengen Nadelholz anfallen, sind die Preise auf einem Tiefstand. Die Sägewerke stoßen allein wegen des Windwurfes an ihre Kapazitätsgrenzen. Dazu komme nun die weltweite Coronakrise, die den Handel erschwere.

Neue Baumarten müssen her

Was also in Zukunft unternehmen, um langfristig zu gesunden Wäldern zurückkommen zu können? Eine Frage, über die sich Rupp und Kreie seit einiger Zeit Gedanken machen. Sie sind sich einig: „Den Wald, wie wir ihn kennen, wird es in Zukunft nicht mehr geben. Der Wald muss und wird sich wandeln.“ Bedeutet, dass andere Baumarten in den heimischen Wäldern gepflanzt werden. Die Fichte, mit einem hohen Durchschnittserlös stets der „Brotbaum“ der Forstämter, werde hier keine Zukunft mehr haben. Die ökologische aber auch deutlich teurere Wahl wäre die Eiche. Auch die Douglasie, die Weißtanne, die Kiefer oder Edellaubhölzer wie Ahorn könnten Alternativen darstellen. Generell gehen Rupp und Kreie von einer Verschiebung zu mehr Laubbäumen aus.

Die Sorge: Das Beste ist nicht gut genug

Aktuell wolle man trotz des Personalmangels und des ungünstigen Wetters die Ausbreitung des Borkenkäfers durch die Aufarbeitung des Windwurfholzes so gut wie möglich verhindern. Wie im letzten Jahr stehe als letztes Mittel der kostspielige Einsatz von Insektizid-Mitteln zur Verfügung. Zudem gehe es für das Forstamt ab sofort um die Wiederbewaldung.
Obwohl Rupp und Kreie sowie ihre Mitarbeiter im Forstamt Romrod ihr Bestmögliches gäben, äußern sie Bedenken, dass ihr Bestes nicht reichen könnte. Helfen könne letzten Endes nur Mutter Natur. Und zwar mit kalten, feuchten Wintern und kühlen, nassen Sommern. Doch seit drei Jahren wehe ihnen nur Gegenwind entgegen. „Die Situation ist katastrophal.“

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