"Menschen gegen Altersarmut" - Organisator der Mahnwache in Alsfeld Ingo Schwalm im Gespräch

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Ingo Schwalm ist unter anderem DGB-Kreisvorsitzender und arbeitet seit 20 Jahren für die psychiatrische Institutsambulanz im Außendienst. Seit vielen Jahren setzt sich der 59-Jährige mit dem Thema Altersarmut auseinander. Jetzt organisiert er eine Mahnwache.

Ingo Schwalm aus Romrod ist einer von drei Initiatoren, die die Mahnwache „Menschen gegen Altersarmut“ in Alsfeld am 24. Januar organisieren. Wie in über 200 Orten in Deutschland sollte auch die Mahnwache in Alsfeld ursprünglich unter dem Namen „Fridays gegen Altersarmut“ laufen.

Alsfeld. Warum sich Schwalm davon gelöst hat, wieso er sich für eine stärkere Rente einsetzt, wie seine Forderungen für das deutsche Rentensystem aussehen und was er sich von der Mahnwache am Freitag, 24. Januar, um 16 Uhr in Alsfeld verspricht, erzählt er im Gespräch mit unserer Zeitung.

Alsfeld aktuell: Herr Schwalm, Sie haben gemeinsam mit Elke Lejeune und Heidemarie O Dea die Mahnwache „Fridays gegen Altersarmut“ – mittlerweile „Menschen gegen Altersarmut“ – in Alsfeld organisiert. Wie kam es dazu?
Ingo Schwalm: Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit dem Thema. Ich frage mich, wieso sich die Bevölkerung diesbezüglich nicht öffentlich äußert. Dabei besteht dringender Handlungsbedarf. Ganz aktuell: Es gibt 3,2 Millionen Rentner, die armutsgefährdet sind. Und es werden laut Statistiken und Prognosen deutlich mehr werden. Dann sind wir aufmerksam geworden auf die Facebook-Gruppe „Fridays gegen Altersarmut“ des Herrn Madsen.

Die Gruppe „Fridays gegen Altersarmut“ hat inzwischen über 300.000 Mitglieder. Allerdings steht sie auch in der Kritik, rechtsradikalen Gruppen und Personen einen Raum für ihre Parolen zu bieten. Auch der Gründer soll einen rechtsradikalen Hintergrund haben.
Nach einer kurzen Zeit kam mir die Seite komisch vor. Mir hat es nicht gefallen, dass man auf dieser Ökologiewelle reitet – wegen der namentlichen Anlehnung an die „Fridays for future“ Bewegung. Das hat mich geärgert. Wieso hat man nicht einen anderen Namen genommen? Wieso hat man den Begriff „Fridays“ benutzt? Das Thema Altersarmut sollte für sich stehen. Nachdem wir selbst etwas recherchiert haben, nannten wir unsere Mahnwache in „Menschen gegen Altersarmut“ um.

Haben Sie sich damit abgegrenzt zu den Klimaprotesten oder zum rechtsorientierten Gründer der „Fridays gegen Altersarmut“-Gruppe?
Wir haben festgestellt, dass dieser Herr Madsen eine tiefbraune Vergangenheit haben soll und es gegen ihn diverse Anklagen gegeben haben soll. Aber darüber kann ich mich nicht weiter äußern. Uns war aber klar: Das machen wir nicht mit. Später wussten wir dann auch, dass rechtsradikale Blocks dazu aufgerufen haben, das Thema „Altersarmut“ zu besetzen. Das wurde schließlich auch belegt – zum Beispiel von der Gruppe „Omas gegen rechts“, die sauber recherchiert haben. Auch Sozialverbände wie DGB oder ver.di haben sich klar dagegen ausgesprochen. Zu dem Zeitpunkt waren wir schon weiter. Wir drei Initiatoren haben uns gesagt: Wir wollen dem rechten Flügel das Feld der Altersarmut nicht überlassen. Für mich ist es das bestimmende Thema in 2020.

Wie unterscheiden Sie sich inhaltlich von der Gruppe „Fridays gegen Altersarmut“?
Wir haben eigene Forderungen, die nicht in der anderen Gruppe zu finden sind. Wir beziehen uns auf Fakten. Als Beispiel: Wir haben eine EU-Durchschnittsrente von 75 Prozent vom Einkommen. In Deutschland haben wir 48 Prozent. Das ist oftmals zu wenig, um über die Runden zu kommen. Ich mache seit 20 Jahren Hausbesuche im gesamten Vogelsbergkreis für die psychiatrische Institutsambulanz. Täglich bin ich mit Altersarmut konfrontiert. Immer mehr ältere Menschen sind auf die Tafel angewiesen. Wir wissen auch, dass 48 Prozent der Rentner im Monat weniger als 900 Euro zur Verfügung haben – 58 Prozent unter 1000 Euro. Das muss man sich mal vorstellen.

Die Große Koalition ringt deswegen um eine Grundrente. Sie soll spätestens ab 2021 in Kraft treten. Es gibt ja schon eine Grundsicherung, die bei etwa 800 Euro liegt. Allerdings wird sie von einer halben Millionen Rentnern gar nicht beantragt – aus Scham. Und bei Beantragung wird erstmal geprüft, ob nicht die Kinder Geld hätten, um für ihre Eltern aufkommen zu können.

Wird es durch eine neue Grundrente keine Besserung gegeben?
Die Besserung der GroKo, insbesondere durch den Bundesarbeitsminister Hubertus Heil, liegt bei etwa 80 Euro. Das reicht bei weitem nicht aus in einem so reichen Land wie Deutschland.

Wie stellen Sie sich denn ein besseres Rentensystem vor? Wie lauten konkret Ihre Forderungen?
Erstens: 75 Prozent Nettorente vom Einkommen für alle Rentner – also genauso viel wie es derzeit in der EU im Schnitt ist. Das darf man erwarten in Deutschland. Zweitens: Eine Steuerbefreiung der Rente. Es gibt weiterhin Belastungen, die die Rente betreffen. Das Krankengeld und die Pflegeversicherung kann man noch stehen lassen. Was nicht sein kann: Von der Betriebsrente, die knapp 50 Prozent der Arbeitnehmerschaft erhält, werden zusätzlich Kranken- und Pflegebeiträge abgezogen und nochmal versteuert. Ich möchte eine steuerfreie Betriebsrente. Und drittens: Wir brauchen ein gerechteres und solidarisches Rentensystem, in das ausnahmslos alle einbezahlen – also auch Beamte oder Bundestagsabgeordnete. Das ist in meinen Augen in einem solidarischen Staat möglich und erforderlich.

Am stärksten betroffen von Altersarmut sind nach Statistiken des OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) Frauen und Geringverdiener. In dieser Hinsicht schneidet Deutschland weltweit schlecht ab. Ist das für Sie ein Thema?
Absolut. Ein Beispiel: Eine Altenpflegerin, die 37 Jahre lang in ihrem Beruf gearbeitet hat und jetzt als Rentnerin zwei Wochen Hunger schiebt und jeden Euro spart, um auf einen Kirchentag fahren zu können. Das kann nicht sein. Die Höhe der Rente reicht für Menschen, die gearbeitet haben, bei weitem nicht aus. Hinzu kommen die Geringverdiener. Dazu kommen 750.000 Leiharbeiter. Alleinerziehende. Es gibt drei Säulen der Altersvorsorge: die gesetzliche, die betriebliche und die private. Wie sollen Geringverdiener, die kein Geld haben, zusätzlich noch für ihre eigene Rente sparen. Sie kommen ja so kaum über den Monat. Das ist beschämend. Für diese Menschen und für die Menschen, die lange gearbeitet haben, setzen wir uns ein. Dafür haben wir die Mahnwache ins Leben gerufen.

Muss sich Arbeit wieder mehr lohnen?
Ja. Das Wort des vergangenen Jahres, die Respektrente, die gibt es noch nicht. Aber wir brauchen sie. Für mich hieße das, dass ein Jahr Arbeit mit 20 Euro zusätzlicher Rente vergütet würde. Bei 30 Jahren Arbeit wären das 600 Euro mehr Rente. Das wäre eine Respektrente für mich. Dann würde sich Arbeit lohnen.

Was erhoffen Sie sich von der Mahnwache am kommenden Freitag?
Ich hoffe auf viele Menschen, die dort hinkommen. Es wird eine ruhige Veranstaltung sein und keine Demo. Die Menschen können Ihre Solidarität zeigen. Sie können Schilder mitbringen oder einfach eine Kerze.

Wird es auf dem Marktplatz um 16 Uhr dann zwei Mahnwachen geben? Einmal die von „Fridays gegen Altersarmut“ und einmal von Ihrer Initiative „Menschen gegen Altersarmut“?
Wir haben große Schwierigkeiten zu kommunizieren, dass aus der ursprünglich von uns initiierten „Fridays gegen Altersarmut Vogelsberg“ nun „Menschen gegen Altersarmut“ geworden ist. Uns haben auch Vertreter der Madsen-Gruppe mit einem Anwalt gedroht, weil wir ihr Logo abgewandelt haben in „Menschen gegen Altersarmut“. Das Logo sei urheberrechtlich geschützt. Deswegen haben wir heute (Dienstag, 14. Januar) ein neues Logo entworfen.

Wie geht es nach der Mahnwache weiter?
Es soll Folgeveranstaltungen geben – zumindest bis März. Dann soll eine Rentenkommission in München ihre Lösungsvorschläge für die Zukunft unterbreiten. Da werden übrigens auch viele Sozialverbände hinfahren, um zu protestieren. Wir hoffen auf Reaktionen.

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