Multiple Sklerose ist die Krankheit der Tausend Gesichter: Eines davon ist Uwe Thöt aus Alsfeld

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Der Alsfelder Uwe Thöt ist 62 Jahre alt, mit Anfang 40 erhielt er die Diagnose. Durch die Multiple Sklerose fällt ihm das Laufen schwer – besonders bei hohen Temperaturen macht ihm die Krankheit zu schaffen. Unterkriegen lässt er sich dadurch nicht.

Sein Alter ist Uwe Thöt nicht anzumerken. Auch dass der 62-Jährige unter einer chronischen Erkrankung leidet, ist nur bei genauem Hinsehen festzustellen. Uwe Thöt humpelt leicht, er schwankt etwas, als ihn Alsfeld Aktuell zu einem Gespräch trifft.

Alsfeld - In das nicht klimatisierte Café wolle er lieber nicht gehen, sagt er. Hitze könne er gar nicht gebrauchen. So sei das eben mit dieser Krankheit. Thöt lebt mit Multipler Sklerose, kurz MS – eine chronisch entzündliche, nicht ansteckende Erkrankung des zentralen Nervensystems, also des Gehirns und des Rückenmarks. Bei MS-Patienten werden durch das eigene Immunsystem Teile der Nervenfasern zerstört, die maßgeblich an der Weiterleitung von Impulsen beteiligt sind. Dadurch kommt es zu Lähmungserscheinungen, können Muskeln nicht mehr richtig koordiniert oder Sinnessignale nicht korrekt weitergegeben werden.

Eine Heilung gibt es für MS nicht

Bei Uwe Thöt ist das nicht anders. Die rechte Körperhälfte ist weitgehend taub: „Ich habe Probleme beim Laufen. Ich schwanke manchmal wie ein Betrunkener“, sagt er und nimmt es mit Humor. Er müsse die Krankheit akzeptieren, mit ihr leben. Eine Heilung für MS gibt es nicht. Zurzeit macht Thöt, wie fast allen MS-Patienten. die Hitze zu schaffen. „Mit Wärme nimmt die Leitfähigkeit der bei mir sowieso schon geschädigten Nerven nochmals ab – bekannt ist das als Uhthoff-Phänomen“, sagt er. Deshalb trage er auf der Arbeit auch hin und wieder eine Kühlweste.

Erst vor kurzem habe er einen sogenannten Schub gehabt. Während eines MS-Schubs treten bekannte oder neue Symptome mindestens über einen Tag lang vermehrt auf. Bei Thöt sind das taube Gliedmaßen, extreme Müdigkeit, starke Kopfschmerzen, Beeinträchtigung des Sehvermögens. Schübe sind bei Thöt, der die Diagnose im Jahr 2000 erhalten hat, selten geworden. Das ist kennzeichnend für die sekundär voranschreitende MS, bei der die Betroffenen mit der Zeit immer mehr körperlich eingeschränkt werden. Bereits 1986 ließ Thöt eine Sehnerventzündung behandeln. „Der Arzt sagte mir, es könnte MS sein, diagnostizierte es aber nicht. Ich bin ihm sehr dankbar dafür.“ So habe er 14 unbeschwerte Jahre gehabt, in denen er eine Familie gründen, ein Haus bauen und Reisen unternehmen konnte. „Eine Krankheit schränkt nicht nur körperlich ein – man traut sich vielleicht auch nicht mehr alles zu“, sagt Thöt.

MS-Gruppe Albatros seit 25 Jahren in Alsfeld

Viel Kraft und Freude bereitet ihm auch die Selbsthilfegruppe in Alsfeld – die „Multiple Sklerose Gruppe Albatros“. Dort ist Uwe Thöt gemeinsam mit Manuela Wehbrink in der Teamleitung tätig. Am Samstag, 3. August, feiert die Gruppe intern ihr 25-jähriges Bestehen mit einem Sommerfest auf dem Grillplatz in Altenburg. Knapp 40 Personen, darunter nicht nur MS-Erkrankte, sondern auch ihre Angehörigen, seien mittlerweile in der Selbsthilfegruppe. Gerade die Angehörigen müssten viel leisten – „mindestens genauso viel wie der Erkrankte selbst“, findet Thöt. In der Gruppe könne man sich gegenseitig unterstützen, beraten und austauschen. Das helfe sehr.

In der MS-Gruppe Albatros sitzen fünf Personen im Rollstuhl – bei ihnen hat die Krankheit zu einer Lähmung geführt. Soweit kommt es nicht immer. Jeder Erkrankte erlebe einen anderen Krankheitsverlauf, sagt Thöt. Man sage zurecht, MS sei die Krankheit der Tausend Gesichter. Davon gibt es in Deutschland etwa 150.000. Bei den meisten von ihnen traten die ersten Symptome wie zum Beispiel Sehstörungen, taube Arme oder Beine im Alter von 20 bis 40 Jahren auf.

Die Unternehmenslust habe sich Thöt durch die Diagnose nicht nehmen lassen – ebenso wenig die anderen Mitglieder der MS-Gruppe Albatros in Alsfeld: „Ob Bogenschießen, Ausflüge, Stammtische oder unser Sommerfest – wir möchten unser Leben weiterhin aktiv gestalten“, sagt Thöt.

Das ist jedoch nicht immer einfach. Manchmal werden ihnen auch Steine in den Weg gelegt. Zum Beispiel, als die Gruppe einen Ausflug nach Limburg plante: „Der Bahnhof in Alsfeld ist nicht barrierefrei gestaltet. Da haben es Rollstuhlfahrer ganz schwer.“ Auf die Frage, was er Menschen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, raten würde, wenn sie in Alsfeld in einen Zug steigen wollen, antwortet der gebürtige Alsfelder: „Ich rate ihnen, den Bahnhof in Romrod Zell zu nutzen.“ Auch Lauterbach sei eine Alternative. Thöt meint das vollkommen ernst.

Nicht überzeugt ist der gelernte Optiker von den Umbauplänen des Alsfelder Marktplatzes. Das habe er der Stadt auch vorgebracht. Thöt hatte sich eine barrierefreie Querung über den Marktplatz gewünscht. Er sagt: „Auch behinderte Menschen wollen im Mittelpunkt stehen.“ Jetzt müssten Rollstuhlfahrer und Menschen mit Rollatoren immer außen entlang fahren beziehungsweise laufen.

Ein verbitterter Charakter ist Thöt trotz solcher Widrigkeiten keinesfalls – ein Lächeln geht ihm leicht über die Lippen. Vieles nimmt er mit Humor. Die Krankheit hat er akzeptiert. Das erwartet er auch von seinen Mitmenschen: Akzeptanz – und kein Mitleid.

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