Nach Vorstellung der Kriminalstatistik: Osthessens Polizeipräsident Günther Voß im Gespräch

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Günther Voß (rechts) steht Alsfeld Aktuell-Redakteuren Daniela Eichelberger und Maximilian Gerten Rede und Antwort.

Knapp 1000 Menschen arbeiten im Polizeipräsidium Osthessen. Davon sind rund 750 Polizisten im Vollzug tätig. Der Präsident des Präsidiums ist seit 2016 Günther Voß. Vor kurzem stellte er die Kriminalstatistik für Osthessen und somit den Vogelsberg vor. Alsfeld Aktuell trifft ihn zu einem Gespräch.

Alsfeld Aktuell: Herr Voß, Sie waren sehr zufrieden mit der Kriminalstatistik für Osthessen, die Sie vergangene Woche vorgestellt haben. Sie sagten: „Wir leben hier sehr sicher.“ An welchen Zahlen machen Sie das fest?

Voß: Wir haben in Osthessen mit einer Aufklärungsquote von 67,7 Prozent einen historischen Höchststand erreicht. Auch die Gesamtfallzahlen mit 18.051 Straftaten sind die zweitniedrigsten seit Bestehen des Polizeipräsidiums Osthessen, also seit 2001. Das spiegelt sich auch in den drei Landkreisen Fulda, Hersfeld-Rotenburg und dem Vogelsbergkreis wider. Im Vogelsbergkreis waren es 3.808 Straftaten mit einer Aufklärungsquote von 64,4 Prozent. Bei der Häufigkeitszahl liegen wir im Vogelsbergkreis mit 3.577 sogar rund 40 Prozentpunkte unter dem Landesdurchschnitt. Die Zahlen machen deutlich, die Menschen in Osthessen leben sehr sicher.

Was zeigt die Häufigkeitszahl an?

Voß: Sie zeigt an, wie viele Straftaten pro 100.000 Einwohner in einem Jahr registriert werden.

Was bedeutet das? Sind die Vogelsberger einfach nettere Menschen als die Frankfurter oder ist die Polizei hier präventiv stärker?

Voß: Vor allem ist dies auf die Anzahl von Menschen in einem Gebiet, entsprechenden Tatgelegenheiten oder auch der Anzahl sozialer Brennpunkte zurückzuführen. In Frankfurt wohnen zurzeit etwa 750.000 Einwohner auf engem Raum – dazu kommen auch noch gut 350.000 Pendler. In solchen Ballungszentren ergeben sich Tatgelegenheiten, wie beispielsweise im Frankfurter Bahnhofsgebiet, die wir hier im Vogelsberg mit rund 110.000 Einwohner auf einer großen Fläche nicht kennen.

Die Rauschgiftkriminalität ist für die Polizei als klassisches Kontrolldelikt mit einer Aufklärungsquote von nahezu 100 Prozent doch ein sehr praktisches Kriminalitätsfeld: Je mehr Kontrollen durchgeführt werden, desto stärker wird die gesamte Aufklärungsquote positiv beeinflusst. Um nochmal das Bahnhofsgebiet in Frankfurt aufzugreifen: Als die Stadt eine Sonderkommission im Hauptbahnhof schuf, die Tausende Drogendelikte zur Anzeige brachte, stand Frankfurt plötzlich mit einer tollen Aufklärungsquote da. Möchte die Polizei ihre Statistik mit Hilfe verstärkter Drogenkontrollen beschönigen? 

Voß: Rauschgiftkriminalität ist polizeilich gesehen ein sogenanntes Kontrolldelikt und daher verbunden mit einer hohen Aufklärungsquote. Betrachtet man die Zahlen der vergangenen Jahre, wird man feststellen, dass sich die Fallzahlen seit dem Jahr 2016 auf einem etwa gleichbleibenden Niveau bewegen. Im Jahr 2018 ist sogar ein leichter Rückgang im Vergleich zum Vorjahr um 2 Prozent auf 1.442 Fälle zu verzeichnen. Die Antwort auf Ihre Frage lautet daher nein.

Seit 2013 wurden es allerdings tendenziell mehr. 

Voß: Bei 1.442 osthessischen Fällen im Jahr 2018 sprechen wir von rund 200 Fällen mehr als noch im Jahr 2014. Dieser Anstieg ist unter anderem auf verbesserte personelle Ressourcen operativ tätiger Kräfte während dieser Betrachtungszeit zurückzuführen und dient auch als Beleg intensiver Bemühungen der Polizei bei der Bekämpfung der Rauschgiftkriminalität.

Ist es nicht so: Die personellen Ressourcen haben sich bei der Polizei so weit verbessert, dass sie sich auch wieder um Drogendelikte kümmern kann? 

Voß: Das ist so nicht richtig. Wir kümmern uns seit jeher um die Bekämpfung der Rauschgiftkriminalität. Gleichwohl werden mit den Sicherheitspaketen 1 und 2 der Hessischen Landesregierung mehr Polizisten eingestellt, was sich allgemein positiv auf die Kontroll- und Ermittlungstätigkeiten der Polizei, insbesondere in der Zukunft, auswirken wird. Neben der Einrichtung eines Auswerte- und Analysezentrums wurden dem Polizeipräsidium Osthessen nach intensiven Bemühungen im Jahr 2018 zehn zusätzliche Stellen für die Einrichtung eines Kriminaldauerdienstes zugewiesen.

Das ist was? 

Voß: Eine Fachdienststelle der Kriminalpolizei, die 24 Stunden am Tag besetzt ist. Damit entlasten wir auch die Fachkommissariate durch den Wegfall von Rufbereitschaftsdiensten. Zu den Aufgaben des Kriminaldauerdienstes gehören die Maßnahmen des sogenannten Ersten Angriffs bei Kapitaldelikten, Leichensachen, herausragenden Delikten mit kriminalpolizeilicher Zuständigkeit, wie Eigentums- und Vermögensdelikten, sowie bei Sonderlagen. Das wirkt sich auch positiv auf den Vogelsbergkreis aus.

In den Jahrzehnten vor 2015 wurden massiv Polizeistellen gestrichen. Mit Aufkommen neuer Bedrohungslagen – etwa terroristischer Anschläge – stellte die Politik dann fest: Es fehlen Tausende Polizisten. Hat es die Politik verschlafen, früher für ausreichend Einsatzkräfte zu sorgen? 

Voß: Es ist kein Geheimnis, dass sich die allgemeine Sicherheitslage durch terroristische Anschläge in unserem Land verändert hat. Aber nicht nur die Gefahr von Anschlägen, sondern auch veränderte und neue Kriminalitätsphänomene, zunehmende Anforderungen in der Verkehrsunfallbekämpfung und Aufgaben der Prävention, haben dazu geführt, deutlich mehr Polizisten einzustellen. Ich halte es für richtig, dass die Politik darauf reagiert und befürworte dies sehr.

Seit einigen Jahren nimmt die Kriminalität in Deutschland und auch in Hessen nach den Statistiken tendenziell ab. Zudem steigen die Aufklärungsquoten. Das Sicherheitsgefühl vieler Bürger hat aber abgenommen. Wie erklären Sie sich dieses Paradoxon?

Voß: Ich führe dies unter anderem auf eine veränderte Berichterstattung sowie einer generell stärkeren Internetnutzung zurück. Menschen sind permanent einer gewaltigen Informationsflut ausgesetzt. Wenn heute irgendwo etwas passiert, weiß das die ganze Welt innerhalb von Sekunden. Ein weiterer Grund dürfte, insbesondere in unserem ländlichen Raum, eine Vielzahl von kriminellen Anbahnungsgeschäften über Telefon, dem Internet oder an der Haustür sein.

Sie meinen wahrscheinlich Betrugsmaschen wie den Enkeltrick und Ähnliches.

Voß: „Enkeltrick“, „Falsche Polizeibeamte“ oder Betrug beim Online-Banking sind nur einige Maschen, bei denen Betrüger Straftaten – meist zum Nachteil älterer Menschen – begehen und im Erfolgsfall einen hohen Vermögensschaden anrichten. In Einzelfällen wurden Betroffene von Betrügern um fünfstellige Beträge geprellt. Mit der Präventionskampagne „Senioren sind auf Zack“ haben wir im vergangenen Jahr einen Themenschwerpunkt für die Generation 65Plus ins Leben gerufen und seither eine deutliche Sensibilisierung feststellen können. Dennoch werden nach wie vor vollendete Betrugsstraftaten gemeldet. Es ist eines der wenigen Kriminalitätsfelder, die in den vergangenen Jahren zugenommen haben.

Was macht es so schwer für die Polizei, diese Verbrechen zu verhindern oder aufzuklären?

Voß: Wir haben es dabei oft mit professionellen und organisierten Strukturen zu tun. Die Täter agieren meist über eigens dafür eingerichtete Call-Center im Ausland, die häufig in osteuropäischen Ländern oder der Türkei sitzen. Dadurch gestalten sich die Ermittlungen oft sehr schwierig.

Als Sie 2016 Polizeipräsident für Osthessen geworden sind, war die Kriminalstatistik noch schlechter. Hing das mit dem Flüchtlingsstrom aus 2015 zusammen?

Voß: Im Jahr 2016 hatten wir im Vergleich zum Vorjahr rund 1.200 Fälle mehr zu verzeichnen. Der Flüchtlingsstrom hat auch seinen Teil dazu beigetragen.

Wurden Geflüchtete – relativ gesehen – häufiger straffällig als Deutsche?

Voß: Im Jahr 2016 lag der Anteil von Zuwanderern bei den ermittelten Tatverdächtigen bei 15,5 Prozent. Damit war die Gruppe der „Zuwanderer“, in relativen Zahlen ausgedrückt, bei den Tatverdächtigen im Jahr 2016 überproportional vertreten.

Das war 2016. Wie war es denn im vergangenen Jahr? Wie ist der Trend?

Voß: Die Gesamtfallzahlen bei den Straftaten durch Zuwanderer sind seit dem Jahr 2016 deutlich rückläufig. In Osthessen haben wir im Jahr 2018 insgesamt 1.343 Fälle registriert. Das stellt einen Rückgang um 30 Prozentpunkte im Vergleich zum Jahr 2016 dar. Zudem befinden sich darunter noch Delikte, die nur von Ausländern begangen werden können.

Also Verstöße gegen das Aufenthaltsrecht.

Voß: Genau.

Allgemein nehmen die Gewalttaten gegen Polizeibeamte zu. Deswegen haben Sie unter anderem mit neuer Schutzkleidung für die Kollegen reagiert. Welche Erklärung haben Sie für diesen Zuwachs?

Voß: Die Gewalt gegenüber Polizisten hat in den vergangenen Jahren stetig zugenommen. Wir werden immer häufiger angepöbelt oder gar angegriffen. Das ist nach meiner Auffassung in erster Linie ein gesellschaftliches Problem. Was meinen Kolleginnen und Kollegen mittlerweile auf der Straße an Respektlosigkeit entgegengebracht wird, ist enorm. Das macht mir Sorgen.

Lesen Sie hier einen Kommentar zur zunehmenden Gewalt gegen Polizisten.

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