"Noch nie war es so schlimm" - Der Vorsitzende der Islamischen Gemeinde Alsfeld Adem Maden im Gespräch

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Hasan Alcinci, Yusuf Karakaya, Vorsitzender Adem Maden, Coskun Itotaman und Mehmet Ali Yagiz, der frisch vom Pilgern zurückgekehrt ist (v.l.n.r.). Bei Tee und Kuchen wird dessen Rückkehr nach Alsfeld gefeiert.

Das Thema Türkei macht im Wahlkampf viele Schlagzeilen. Merkel und Schulz wollen Stärke zeigen. Die in Deutschland lebenden Türken allerdings sorgen sich. Einer von ihnen ist Adem Maden – Vorsitzender der Islamischen Gemeinde Alsfeld. ALSFELD AKTUELL lädt er zum Gespräch in seine Moschee.

Vor der Wahl ist Wahlkampf. Und da spielt das Thema Türkei eine wichtige Rolle. Mit starken und selbstbewussten Worten stellen Angela Merkel und Martin Schulz im TV-Duell Erdogan und die Türkei an den Pranger. Das kommt bei dem Wähler scheinbar gut an. Unabhängig davon, ob sie das zu Recht tun oder nicht: Drei Millionen Türken in Deutschland beunruhigen diese harschen Worte gegenüber der Türkei. Einer davon ist Adem Maden – Vorsitzender der Islamischen Gemeinde in Alsfeld. ALSFELD AKTUELL empfängt er zum Gespräch in der Moschee.

Alsfeld Aktuell: Herr Maden, die Bundestagswahl steht an und im Wahlkampf ist das Thema Türkei sehr präsent. Wie denken Sie darüber?

Adem Maden: Ich bin froh, dass der Wahlkampf bald vorbei ist. Dass Erdogan und die Türkei in diesem Maße für den Wahlkampf genutzt wurden, hat mich überrascht. Es macht mich traurig, dass nun auch die Volksparteien gegen die Türkei wettern – von den rechtsradikalen Parteien waren wir das ja gewohnt. Man fühlt sich automatisch angegriffen.

Es geht vor allem darum, dass Erdogan scheinbar wahllos deutsche Bürger inhaftieren lässt.

Ich denke nicht, dass Deutsche in der Türkei grundlos festgenommen werden. Es handelt sich vor allem um Menschen mit türkischem und deutschem Pass, die in Verdacht stehen, am Putschversuch 2016 beteiligt gewesen zu sein und daher in Untersuchungshaft sitzen. Wenn richterlich entschieden wird, dass sie unschuldig sind, kommen sie auch wieder auf freien Fuß. Unser Gelehrte aus Alsfeld wurde vergangenes Jahr sieben Monate aus seinem Amt suspendiert und in die Türkei zitiert – ich habe vor Gericht als Zeuge meine Aussage gemacht. Er wurde unschuldig gesprochen. Wenn man beiden Ländern nahe steht und beide Medien verfolgt, hat man einen differenzierteren Blick auf die Sachlage. Vielleicht liegt die Wahrheit auch irgendwo in der Mitte.

Wie haben Sie den Putschversuch 2016 mitbekommen?

Ich habe ihn an einem Ort miterlebt, wo alle Parteien vertreten waren. Es war sehr befremdlich, Gülenisten (Anhänger der Gülen-Bewegung, welche von staatlicher Seite als für den Putsch verantwortlich gilt; Anm. d. Red.) jubeln zu sehen, wenn so viele unschuldige Menschen ums Leben kommen.

Im Westen gibt sich die Gülen-Bewegung als moderate und moderne Organisation.

Sehen Sie! Und viele Türken halten sie für eine terroristische Sekte. Wer hat denn nun Recht? Man darf nicht glauben, dass die deutschen Medien und Politiker immer Recht und die türkischen immer Unrecht haben.

Türkei in die EU – Ja oder Nein?

Die Türkei gehört langfristig auf jeden Fall in die EU – auch wenn das zur Zeit so fern wie lange nicht scheint. Leider nähern sich die Parteien nicht an, sondern entfernen sich. Die Türkei und Deutschland zum Beispiel sind traditionell Verbündete. Für unsere Gemeinde in Alsfeld ist die Politik allerdings auch gar nicht so wichtig.

Wie meinen Sie das?

Erdogan und Merkel werden irgendwann nicht mehr da sein – aber wir werden dann noch in Alsfeld sein. Daher geht es uns darum, gute Nachbarn zu sein und uns in Alsfeld einzusetzen und zu engagieren. Ich mache mir weniger Sorgen um die politische Ebene, als vielmehr um Jugendliche in Alsfeld oder um Rentner, die wegen zu wenig Geld im höheren Alter in die Türkei gehen zum Beispiel.

Haben die politischen Schwierigkeiten beider Länder Einfluss auf das Leben hier in Alsfeld – insbesondere in Bezug auf Ihre Gemeinde?

Leider ja. Seit 40 Jahren leben viele von uns hier in Alsfeld – noch nie war es so schwierig wie jetzt. Das macht mir große Sorgen. Anfeindungen sind zwar eher Einzelfälle, aber sie nehmen zu. Und seit neuestem halten uns manche Menschen für Spitzel Erdogans. Das ist völliger Unsinn. Wir sind eine DITIB-Gemeinde (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion; Anm. d. Red.), in der alle Parteien vertreten sind. In unserer Moschee geht es um die Auslebung unserer Religion und nicht um Politik.

Dass das Vertrauen gegenüber Muslimen abnimmt, könnte auch daran liegen, dass im Namen des Islam vermehrt schreckliche Anschläge verübt werden. Beispielsweise vom „Islamischen Staat”.

Nur haben Terroranschläge so gar nichts gemein mit unserer Religion. Wer den Glauben kennt, weiß, dass er als Moslem nicht das Recht hat, einen Menschen auch nur zu verletzen. Das, was der IS tut, ist nicht der Islam. Leider werden häufig alle über einen Kamm geschert. Das geht so weit, dass ein Schüler bei einem Schulbesuch in einer benachbarten Moschee fragte, wo sie ihre ganzen Waffen versteckt hätten.

Das ist absurd.

Aber Realität. Wir werden mit anderen Augen gesehen als noch vor einigen Jahren. Auch Kommentare auf der Arbeit und der Straße kommen immer häufiger vor.

Der IS verkauft seine Ideologie und Auslebung der Religion als die einzig wahre. Wieso findet das Anhänger – auch in Deutschland?

Das ist eine schwierige Frage. Es sind Menschen, die ihren Glauben nicht kennen. Vielleicht nicht mal sich selbst. Ich denke, dass diejenigen, die nirgendwo Anerkennung finden, am meisten zugänglich für radikale Gruppierungen sind. Die werden ja auch bewusst angeworben. Man muss diesen Jugendlichen schon vorher Anlaufstellen geben, wo sie sich integrieren und engagieren können. Bei uns ist jeder jederzeit willkommen.

Wurden Sie in Ihrer Gemeinde bereits mit radikalen Gedanken konfrontiert?

Nein. Das kann ich zum Glück sagen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Dass wir – unabhängig davon, wer Kritik an der anderen Seite übt – nicht vergessen, dass hier in Deutschland über drei Millionen Türken leben. In letzter Zeit sehe ich den Trend, dass sich junge in Deutschland lebende Türken wieder mehr der Türkei als Deutschland zugehörig fühlen. Was nicht sein sollte. Und wieder näher zusammenrücken – zumindest innerhalb der Bevölkerung. Wir sind alle Menschen – und hier in Alsfeld alles Alsfelder – unabhängig davon, welcher Religion, Partei oder Staat wir zugehören.

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