Pistolen, Messer, Pfefferspray & Co.: Welche Rolle Waffen im Vogelsberg spielen

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Ute Pavel ist Inhaberin des Waffen- und Angelgeschäfts am Markt in Alsfeld. Ihr Großvater eröffnete den Laden vor bereits über 100 Jahren.

Es ist nicht lange her, da ließ sich ein Alsfelder scheinbar absichtlich von Polizisten auf offener Straße erschießen. Bewaffnet war der Mann mit einer Pistole und scharfer Munition. Die Polizei fand bei dem Getöteten ein ganzes Waffenarsenal. Einen Waffenschein hatte der Mann jedoch nicht.

Woher aber stammen diese Waffen? Für Ute Pavel, Besitzerin des Waffen- und Angelladens Martin Kimm in Alsfeld, ist klar, dass diese Waffen auf dem Schwarzmarkt erworben wurden: „Ich habe häufig von Leuten gehört, dass es ein Leichtes sei, Waffen im Internet – im sogenannten Darknet – zu ordern. Es gibt einen riesigen Waffen-Schwarzmarkt.” Sogar eine Kalaschnikow sei einem Bekannten schon auf einem Flohmarkt angeboten worden – in Deutschland. „Es bringt daher nichts, das jetzige Waffengesetz noch weiter zu verschärfen”, ist sich Pavel sicher. Wichtiger sei es, den illegalen Handel von nicht registrierten Waffen besser in den Griff zu bekommen. De facto ist das Waffengesetz in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern – insbesondere der USA oder der Schweiz – streng. Schusswaffen wie halbautomatische Kurz- oder Langwaffen bedürfen einer grünen Waffenbesitzkarte bei Sportschützen. Für andere Schusswaffen mit scharfer Munition wie Flinten, Repetiergewehren oder Druckluftwaffen über 7,5 Joule benötigen Sportschützen die gelbe Waffenbesitzkarte; Jäger einen gültigen Jahresjagdschein. Ohne den passenden Schein können Waffen nicht legal erworben werden.

Aber anders ausgedrückt: Alle weiteren Waffen sind frei verkäuflich. Darunter Luftgewehre unter 7,5 Joule, Softairwaffen sowie Gas-, Signal- und Schreckschusswaffen. Auch Pfeffersprays, Klapp- und Springmesser, Quarzhandschuhe sowie Teleskopschlagstöcke sind frei verkäuflich. Udo Dahmer vom Army Outdoor Store Alsfeld verkauft unter anderem solche Schlagstöcke. „Die Person muss lediglich über 18 Jahre alt sein”, erklärt der Inhaber des Geschäfts. Der Erwerb ist also frei, nur das Mitführen in der Öffentlichkeit ist nicht erlaubt.

Udo Dahmer verkauft in seinem Army Outdoor Store vor allem Outdoor- und Freizeitartikel. Aber auch Pfefferspray, Quarzhandschuhe und Teleskopschlagstöcke.

Gleiches gilt übrigens für Softair- und Druckluftwaffen über 7,5 Joule, Springmesser und Schreckschusswaffen. Ausnahme: Man besitzt einen kleinen Waffenschein. „Der kleine Waffenschein berechtigt zum Führen von bestimmten Schreckschuss-, Reizstoff- und Signalwaffen. Diese müssen als erlaubnisfrei gekennzeichnet sein und die Kennzeichnung ‘PTB im Kreis’ haben”, erklärt ein Sprecher der Waffenbehörde in Lauterbach. Mit dieser Erlaubnis dürfe man die Waffen dann auch außerhalb seines Grundstücks bei sich tragen.

„Das ist sinnlos”, findet Ute Pavel, die ein breites Angebot an Schreckschusspistolen führt. „Jemand, der mit einer Schreckschusspistole zum Beispiel eine Bank überfallen möchte, wird vorher einfach keinen kleinen Waffenschein beantragen.” Ob er im Nachhinein zusätzlich zum Banküberfall wegen eines fehlenden kleinen Waffenscheines belangt werde, würde schließlich nicht ins Gewicht fallen. Es ist eine Frage des „Warum”. Warum sollten Personen Schreckschusspistolen in der Öffentlichkeit mit sich führen dürfen? Welchen Zweck hat das? Dennoch haben vor allem im Jahr 2016 viele Vogelsberger einen kleinen Waffenschein beantragt – exakt 235. Und somit etwa zehn Mal so viele wie in den Jahren zuvor üblich. „In den Jahren 2012 bis 2014 wurden durchschnittlich pro Jahr 20 kleine Waffenscheine erteilt. Seit Oktober 2015 stieg die Zahl der Anträge stark an, war aber in 2017 wieder rückläufig”, lässt die Waffenbehörde verlauten. Einen „großen Waffenschein” besitzt im Vogelsbergkreis zur Zeit übrigens niemand. Kein Waffenschein wird für das Mitführen von Pfefferspray benötigt – und davon haben Pavel und Dahmer in den letzten Jahren mehr als üblich verkauft. „Nach den Vorkommnissen in der Silvesternacht in Köln haben sich viele Bürger unsicher gefühlt”, weiß Pavel. Seitdem habe der Verkauf von Produkten zur Selbstverteidigung zugenommen. Aber auch in der dunklen Jahreszeit hätten die Menschen ein höheres Schutzbedürfnis. „Die meisten Einsätze des Sprays richten sich aber nach wie vor gegen angreifende Tiere – etwa beißende Hunde”, berichtet Pavel. Das bestätigt die Polizei. Sie habe in den letzten Jahren keine Einsätze aufgrund von Pfeffersprays oder Schreckschusspistolen gehabt, wie Polizei-Pressesprecher Wolfgang Keller auf Nachfrage mitteilt.

Waffen spielen im Vogelsberg – zum Glück – insgesamt keine große Rolle. „Der Schusswechsel in der Grünberger Straße war der einzige im Kreis in diesem Jahr”, erklärt Keller. Der Vogelsberg ist eben doch ein friedliches Fleckchen Erde.

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