Psychologisches Gutachten im Fall Johanna: Wer tut so etwas - und warum?

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Rick J. nimmt neben seinen Verteidigern Uwe Krechel (rechts) und Thomas Ohm im Saal 207 des Landgerichts Gießen Platz.

Johanna Bohnacker wurde im September 1999 entführt, gefesselt und ermordet. Wer tut so etwas und warum?

Dr. Rolf Speier bringt am 20. Prozesstag viel Licht ins Dunkel – ins Leben des Angeklagten Rick J., der im Verdacht steht, die damals achtjährige Johanna entführt, gefesselt, ermordet und anschließend in einem Waldstück bei Alsfeld abgelegt zu haben.

18 Jahre später, seit April dieses Jahres, muss sich der 42-jährige Beschuldigte aus Friedrichsdorf im Taunus dafür vor dem Landgericht Gießen verantworten – 19 Verhandlungstage sind seitdem vergangen. Und diese Frage blieb bislang ungeklärt: Ist Rick J. zum Zeitpunkt der Tat strafrechtlich als voll verantwortlich anzusehen?

Das beantwortet der forensisch-psychiatrische Gutachter Speier klar mit „Ja“. Der ärztliche Direktor der Vitos Klinik in Haina (Landkreis Waldeck-Frankenberg) behandelte Rick J. „sehr ausführlich“, beobachtete ihn an fast jedem Prozesstag. Zudem besuchte er den Angeklagten elf Mal in der Justizvollzugsanstalt in Gießen. Ein rund 100-seitiges Gutachten erstellte der erfahrene Psychiater. Das Fazit: Rick J. war zum Zeitpunkt der Tat weder wegen seelischer Störungen noch aufgrund seines massiven Drogenkonsums vermindert schuldfähig.

Ein überdurchschnittlich intelligenter Proband

Speier beschreibt Rick J. in den Gesprächen – den sogenannten Explorationen – als „überwiegend locker und extrovertiert mit sexualisierter Sprache und lebhafter Mimik und Gestik.“ Er sei dabei „jederzeit aufmerksam und hochkonzentriert“ gewesen. Speier nennt ihn einen „überdurchschnittlich intelligenten Probanden“. Auch J.s Erinnerungsvermögen halte er für ausgesprochen gut.

Das bedeute jedoch nicht, dass Rick J.s Psyche unauffällig wäre. Speier erkennt bei ihm Aspekte von Dissozialität, Narzissmus, Hedonismus, Egozentrismus, Empathiemangel und Dominanzstreben – jedoch nicht in dem Ausmaß einer Persönlichkeitsstörung.

Rick J.s Selbstdiagnose: „Ich bin hebephil“

Die Sexualität des Angeklagten nimmt eine Hauptrolle in den Ausführungen des Psychiaters ein, weil eben jene auch in J.s Leben immer eine Hauptrolle spielte. Das Gutachten zeichnet ein Bild voller Perversionen und Paraphilien – also deutlich von der Norm abweichende Sexualpraktiken: Rick J. habe eine Vorliebe für Knoten- und Fesselungstechniken entwickelt. Zahlreiche Videos wurden ausgewertet, auf welchen seine Passion für abnorme Sexpraktiken festzustellen ist. In seiner Wohnung fanden Ermittler mehr als sieben Terabyte kinder- und jugendpornografischer Dateien sowie detaillierte Aufzeichnungen zu seinem Intimleben, sexuellen Präferenzen und Geschlechtspartnerinnen und -partnern. Rick J. „diagnostiziert“ bei sich selbst eine Hebephilie – eine sexuelle Präferenz zu pubertierenden Teenagern. Pädophil, also sexuell von Kindern angezogen, sei er nicht. Diese Selbstdiagnose greife aber „zu kurz“, sagt Speier. Nach seiner Einschätzung lag bei Rick J. bereits im September 1999, als er Johanna entführte, eine ausgeprägte sexuelle Abnormität vor. Laut Speier handelt es sich um eine pädophil-hebephile Nebenströmung mit fetischistischer Ausgestaltung. Neben dieser Sexualität existiert bei Rick J. auch ein Bereich „normaler Sexualität“, sagt Speier. Oder wie Rick J. selbst in einem der Gespräche gesagt haben soll: Er habe auch „immer gern Sex mit Erwachsenen gehabt.“ Weil die pädophil-hebephile Sexualität bei J. eine Nebenströmung sei, könne davon ausgegangen werden, dass er sie steuern konnte – sie sei nicht „handlungsbestimmend“, sagt Speier. Daher sei J. diesbezüglich voll schuldfähig.

Der Drogenkonsum des Hedonisten Rick J.

Am Tattag soll Rick J. Chrystal Meth, Cannabis sowie ein Halluzinogen konsumiert haben. Das passt zu seinem damaligen hedonistischen Lebensstil: Partys, Musik und Drogen bestimmten Rick J.s Alltag.

Speier ist überzeugt, dass bei Rick J. trotz des jahrelangen Konsums keine Drogenabhängigkeit eingetreten sei. „Er wusste immer ganz genau, wann und wieviel er von welcher Droge nimmt. Er hat seinen Drogenkonsum im Griff gehabt“, sagt der Gutachter über J., der einige Semester Biochemie an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main studierte. Rund 50 verschiedene Substanzen habe J. in seinem Leben ausprobiert. Speier spricht deswegen von einem Drogenmissbrauch und keiner Abhängigkeit.

Auch die komplexen motorischen Leistungen, die J. am Tattag leisten musste, deuten darauf hin, dass aus forensischer Sicht keine relevanten Einbußen durch J.s Drogenkonsum am Tattag festzustellen sind. Der Gutachter bestätigt damit die Staatsanwaltschaft, die bereits bei der Anklageerhebung von voller Schuldfähigkeit ausgegangen ist.

Der lange Prozess nähert sich dem Ende: Am Freitag, 9. November, werden die Prozessbeteiligten ihre Plädoyers halten.

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