Schluss mit Sucht: Das Beratungszentrum Vogelsberg hilft Abhängigen, neue Lösungswege zu finden

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Matthias Gold (links), Leiter des Beratungszentrum Vogelsberg, und Wolfgang Engelking vom Sucht-Hilfe-Zentrum Gießen sprechen mit ALSFELD AKTUELL über ihre Arbeit und wie sie Abhängigen helfen können.

Pro Jahr kommen rund 600 Menschen aus dem Vogelsbergkreis zum Beratungszentrum Vogelsberg. Sie haben ein Problem – sie sind süchtig.

Matthias Gold leitet das Beratungszentrum mit Sitz in Alsfeld, ehemals die Jugend- und Drogenberatung. Gemeinsam mit Wolfgang Engelking aus dem Sucht-Hilfe-Zentrum Gießen lädt er ALSFELD AKTUELL zu einem Gespräch in seine Einrichtung ein.

Ob legale Drogen, wie Tabak, Alkohol und Medikamente, oder illegale Drogen, wie Heroin, LSD und THC – die Bandbreite an süchtig machenden Substanzen ist endlos. Darüber hinaus gibt es sogenannte „Legal Highs”, die scheinbar legal über das Internet bestellt werden können. Ferner muss über substanzlose oder auch stoffungebundene Süchte gesprochen werden – etwa die Glücksspielsucht oder die Online- und Mediensucht. Betrachtet man dieses Suchtpotenzial, scheint es gar nicht verwunderlich, dass Millionen Deutsche eine Abhängigkeit entwickelt haben. „Allein 480.000 Deutsche sind Glücksspiel-süchtig”, weiß Engelking, der seit vielen Jahren mit Glücksspiel-Abhängigen arbeitet. In den letzten Jahren habe die Zahl eben jener rasant zugenommen, was nicht zuletzt an dem Überangebot an Spielhallen, Kasinos und Wettbüros liege – Online-Anbieter noch nicht berücksichtigt. „Sucht entsteht in einer süchtigen Gesellschaft”, sind sich die zwei Experten einig. Es scheint, als bestimme bei dem Thema Sucht das Angebot die Nachfrage. Wird man doch in jeder TV-Werbeunterbrechung, an der Bushaltestellte und im Kino mit Werbung für Schnaps, Bier oder Zigaretten konfrontiert. Läuft man doch an unzähligen Spielhallen und Wettbüros in Deutschlands Innenstädten vorbei. „Werbung weckt Bedürfnisse, die man eigentlich gar nicht hat”, ist sich Gold sicher.

Das Beratungszentrum Vogelsberg hilft den Menschen, die meist eine lange Sucht-Geschichte haben. Es sind diejenigen, denen das eine Bier am Abend nicht mehr ausreicht, die es nicht bei nur einem Euro für den Glücksspielautomaten lassen können. Sie kommen, weil es so, wie sie leben, nicht mehr weitergehen kann. „Häufig kommen jedoch auch Angehörige – etwa der (Ehe)-Partner”, berichtet Gold. Oft seien es nämlich die Angehörigen, die mit der Sucht eines geliebten Menschen nicht umgehen können. „Viele gehen unbewusst eine Co-Abhängigkeit ein. Sie lassen eigene nicht eingestandene Bedürfnisse durch einen anderen Menschen ausleben”, lassen die Experten in die Psychologie von Suchtkranken blicken. Der Partner versuche die Sucht zu kontrollieren, scheitere aber in jedem Fall. „Man kann die Sucht eines anderen nicht kontrollieren”, weiß Gold. Bei Glücksspiel-Süchtigen ist das fast genauso. Nur: Hier kommen die Abhängigen meist selbst in die Beratung. „Und zwar dann, wenn sie komplett pleite sind”, erzählt Engelking, der seit zwei Jahren jeden Mittwochmittag von 15 bis 17 Uhr eine offene Sprechstunde für Glücksspiel-Süchtige im Alsfelder Beratungszentrum anbietet. Zu ihm kommen Menschen, die ihre ersten Münzen am Automaten nicht verloren haben, sondern – zu ihrem Unglück – Erfolg hatten. Diese Euphoriephase jedoch endet schnell: Es folgt eine realistische Phase, in der der Spieler sein Geld verliert – zwangsläufig, schließlich verdient die Glücksspiel-Industrie daran. Wie bei anderen Drogen gelangt der bereits Abhängige in die Verzweiflungsphase. Der Süchtige gibt mehr Geld aus, als er hat. Es kann zu Verschuldung oder sogar Beschaffungsdelikten kommen. Das verfügbare Geld wird in den Automaten oder in die Beschaffung der Substanz gesteckt, soziale Kontakte gehen verloren, die Dosis wird in einem unbewussten Prozess gesteigert. Das Belohnungszentrum verlangt nach der Euphorie. Das Leben richtet sich nach der Sucht. Der Mensch ist krank.

„Ein Abhängigkeitskranker ist ein Leben lang gefährdet”, erklärt Gold. „Wir helfen, dass unsere Klienten damit umgehen und leben können.” Vielen Personen gelinge es anschließend, ihre Lebensqualität wieder deutlich zu verbessern. Jeden Mittwoch findet von 10 bis 12 Uhr eine offene Sprechstunde im Beratungszentrum, Zeller Weg 2 in Alsfeld, statt, wo bei Bedarf ein Erstkontakt hergestellt werden kann. „Im Schnitt kommt ein Klient anschließend zu sechs bis zehn Terminen. Zusätzlich zu den Motivationsgruppen und gegebenenfalls der ambulanten Reha und Nachsorge”, so Gold. Das Beratungszentrum bietet zudem viele weitere Angebot an, zum Beispiel Frühintervention, Prävention oder „Wie werde ich zum Nicht-Raucher”-Kurse. Alle Informationen gibt es unter www.beratungszentrum-vogelsberg.de oder Telefon 06631-793900.

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