Sicher ankommen - auch ohne Elterntaxi

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Für die Kinder häufig die bessere Alternative zum „Elterntaxi“: selbstständig zur Schule laufen.

Das Kind allein im öffentlichen Verkehr. Für manche Eltern eine Horrorvorstellung. Sie wollen die größtmögliche Sicherheit für die Kleinen. Deswegen fahren sie ihre Kinder mit dem Auto bis vor die Schultür. Dabei birgt das „Elterntaxi“ ebenso Risiken.

Vogelsberg. Zebrastreifen und Bushaltestellen werden zugeparkt, Verbotsschilder ignoriert, Wendemanöver auf engem Raum riskiert. Das ist in vielen großen Städten, wo der Verkehr stark und die Schülerzahl hoch ist, ein allmorgendliches Problem.

Doch auch im Vogelsbergkreis ist das Phänomen „Elterntaxi“ bekannt. Schulleitungen beschwerten sich im Rahmen des derzeit laufenden Nahmobilitätscheck in Alsfeld über das allmorgendliche Verkehrschaos vor ihren Schulen. Für die Schulleiter aus Alsfeld stelle der Hol- und Bringdienst vieler Eltern und somit ein viel zu hohes Pkw-Aufkommen vor ihren Schulen das größte Sicherheits- und Verkehrsproblem dar. Ein Vorschlag, das Problem der sogenannten Elterntaxis in den Griff zu bekommen, lautete etwa, eine Haltestelle für den Hol- und Bringdienst abseits der Schulen und Bushaltestellen festzulegen – etwa am Parkplatz der Stadthalle. Ob dieses Konzept in Alsfeld Schule machen könnte, bleibt abzuwarten.

Selbstständiger Schulweg

Auch wenn es die Eltern gut meinen – Verkehrsexperten sind sich einig, dass der selbstständige Schulweg für das Kind der bessere sei. Aus Sicht der Unfallstatistik stellt die Mitfahrt im Pkw ein größeres Problem für Kinder von sechs bis neun Jahren dar als die Fortbewegung mit jedem anderen Verkehrsmittel. Das geht aus den Zahlen des Statistischen Bundesamtes hervor.

Der ADAC weist zudem darauf hin, dass die tägliche Bewältigung des Schulwegs zu Fuß eine Reihe von positiven Effekten auf die kindliche Entwicklung hat. Dazu zählen eine höhere Konzentrationsfähigkeit im Unterricht, eine gesteigerte körperliche Fitness, der Abbau von Übergewicht sowie – bei gemeinsamer Bewältigung des Schulwegs mit anderen Kindern – die Verbesserung des Sozialverhaltens. Hinzu komme, dass Kinder dadurch frühzeitiger ein Bewusstsein für Gefahrensituationen im Straßenverkehr entwickeln und überhaupt erst in die Lage versetzt werden, ein räumliches Bild („geistige Landkarte“) der eigenen Stadt beziehungsweise des eigenen Schulwegs zu entwerfen. Das belegt eine wissenschaftliche Studie der Bergischen Universität Wuppertal, die 2014 im Auftrag des ADAC durchgeführt wurde.

Dennoch: Immer weniger Kinder in Deutschland gehen selbstständig zur Schule. In den Siebzigerjahren machten sich noch rund 90 Prozent der Grundschülerinnen und Grundschüler zu Fuß auf den Schulweg. Heute werden stattdessen immer mehr Kinder mit dem „Elterntaxi“ zur Schule gefahren. Laut der jüngsten Studie „Mobilität in Deutschland“ aus 2017 sind es heute 43 Prozent aller Schulkinder. Nur rund ein Drittel der Kinder geht zu Fuß, 13 Prozent kommen mit dem Fahrrad und zehn Prozent mit dem Bus.

„Elterntaxis stehenlassen!“

Claudia Neumann, Abteilungsleiterin Kinder- und Jugendbeteiligung im Deutschen Kinderhilfswerk sagt über die Vorteile des Schulwegs zu Fuß: „Kinder gewinnen Sicherheit im Straßenverkehr, entdecken auf ihrem Schul- oder Kindergartenweg oftmals schöne Plätze, die ihnen im Auto entgangen wären und bevor in der Schule stundenlanges Sitzen angesagt ist, kann sich richtig ausgezappelt werden.“

Um das Elterntaxi überflüssig zu machen, greife das Kinderhilfswerk Eltern und Schulen gern mit konkreten Anregungen für die praktische Umsetzung vor Ort unter die Arme. Das stärke ihr Selbstbewusstsein – auch für andere Lebenssituationen, sagt Neumann. Kinder hingegen, die mit dem Auto zur Schule gebracht würden, können oft Entfernungen schlecht einschätzen und finden sich weniger gut in ihrer Umgebung zurecht. „Kindern auf der Rückbank des Elterntaxis fehlt das Erfolgserlebnis, ihren Schulweg eigenständig zurücklegen zu können. Eltern sollten ihren Kindern diese Chance nicht verwehren“, so die Expertin. Eltern wiederum könnten sich bei einem gemeinsamen Fußweg zur Schule davon überzeugen, dass sie keine Angst um ihre Kinder haben müssen, wenn sie selbstständig die Schulwege zurücklegen und sparen sich außerdem morgens Stress und Zeit. „Sollte die Schule für einen kompletten Fußmarsch zu weit weg liegen, könnten Kinder auf Parkplätzen in Schulnähe abgesetzt werden und das letzte Stück Weg zu Fuß zurücklegen, nach dem liebenswerten Motto ‚Kiss & Go“, schlägt Neumann vor.

Präventionsarbeit der Polizei

Im Vogelsberg werden wie in den vergangen Jahren in den ersten Wochen nach Schulbeginn Kontrollen und Aktionen vor den Schulen stattfinden. „Wir legen auch in diesem Jahr wieder einen großen Wert auf die Schulwegsicherung, insbesondere für die Schulanfängerinnen und -anfänger. Buskontrollen und Geschwindigkeitsüberwachung in Bereichen von Schulen sind dabei einige der Maßnahmen, die wir zum Schulstart durchführe“, teilt das Polizeipräsidium Osthessen auf Anfrage mit. Entscheidend für die Verkehrssicherheit sei es, gesehen zu werden. „Eine der großen Gefahren ist, dass die Kinder aufgrund ihrer Körpergröße von den anderen Verkehrsteilnehmern übersehen werden. Bei unserer aktuellen Kampagne ‚FahrRADschule‘ wird unter anderen nicht nur das verkehrssichere Fahrrad mit allen Beleuchtungseinrichtungen und Reflektoren erklärt, sondern auch auf die Wichtigkeit hingewiesen, dass die Kinder gut gesehen werden können.“ Die Polizei rät den Eltern, das richtige Verhalten im Straßenverkehr im Allgemeinen und den Schulweg im Besonderen zusammen mit ihrem Kind zu üben und zu besprechen. Bei dem Schulweg gelte, dass der kürzeste Weg nicht immer der sicherste Weg ist. Eltern sollten sich den Schulweg vorher genau anschauen und beurteilen, wie ihr Kind diesen Weg am sichersten passieren kann.

Die Bundespolizei wird in einer eintägigen Präventionsmaßnahme am kommenden Montag, 17. August, über Gefahren an Bahnanlagen informieren. Schwerpunkt dieser Maßnahme, die in Nord-, Mittel, und Osthessen durchgeführt wird, ist der Schüler- und Berufsverkehr. Die Beamten informieren in den Kernzeiten von 7 bis 9 Uhr und von 12 bis 14 Uhr Schüler, die nach den Sommerferien ihren Schulweg mit dem Zug antreten. Im Vordergrund der Aufklärungsarbeit stehen die häufigen Fehlverhalten, verbotene und vor allem lebensgefährliche Abkürzungen über die Gleise und Nichtbeachten der weißen Sicherheitslinie auf dem Bahnsteig. Ebenfalls Thema ist das Drängeln und Schubsen bei der Zugeinfahrt, beim Kampf um den besten Platz. Das Deutsche Kinderhilfswerk, der ökologische Verkehrsclub VCD und der Verband Bildung und Erziehung rufen vom 21. September bis 2. Oktober Schulen und Kindertageseinrichtungen in ganz Deutschland zur Teilnahme an den Aktionstagen „Zu Fuß zur Schule und zum Kindergarten“ auf. Anmeldungen sind unter www.zu-fuss-zur-schule.de möglich.

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