"Es war skurril": Soko-Ermittler sagen im Prozess um den Mordfall Johanna Bohnacker aus

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Der Angeklagte Rick J. nimmt neben seinem Verteidiger Platz. (Foto stammt vom 9. Mai)

Die Aussagen von zwei führenden Ermittlern der „Sonderkommission (Soko) Johanna” sorgten im Saal 207 des Landgerichts Gießen am Dienstag für einige Klarheiten – brachten aber auch immer wieder neue Fragen auf.

Im Vordergrund stand die Festnahme sowie die polizeiliche Vernehmung des Angeklagten Rick J., der 1999 die damals achtjährige Johanna Bohnacker betäubte, entführte, fesselte und knebelte. Das Mädchen verstarb. Vor Gericht stellte der Angeklagte die Tat als impulsiv und als nicht vorbereitet dar, gab seinem Drogenkonsum Mitschuld daran – der Tod sei ein Unfall gewesen.

„In unserer Vernehmung schilderte der Angeklagte, dass er am 2. September 1999 mit dem Plan in sein Auto gestiegen ist, ein Mädchen zu betäuben, mit ihr Sex zu haben und anschließend wieder freizulassen”, erzählt der Polizeihauptkommissar, der zusammen mit seiner Kollegin die Festnahme von Rick J. in dessen Wohnung in Friedrichsdorf im Oktober 2017 vornahm. Damals habe der Beschuldigte in Ruhe den Durchsuchungsbeschluss gelesen, einige dicke Bücher eingepackt, dem Nachbarn Bescheid gegeben und sei mit auf die Wache gefahren.

"Die Vernehmung war eher wie ein Kaffeekränzchen"

Ohne den Rat seines Anwaltes abzuwarten, legte Rick J. dort eine umfangreiche Aussage ab. „Er diktierte es unserer Protokollantin regelrecht, die Aussagen sind zu 100 Prozent dokumentiert”, ist sich der Ermittler der 2017 gegründeten Soko Johanna sicher. Rick J.s erster Satz in der Vernehmung: „Die Eltern sollen erfahren, was mit ihrem Kind passiert ist. Und ja, sie haben Recht: Ich bin verantwortlich.“ „Die Vernehmung war – dafür, dass es um Kindermord geht – eher wie ein Kaffeekränzchen. Es war skurril”, berichtete die Polizeihauptkommissarin des Präsidiums Mittelhessen. Monatelang sammelte sie Daten, Akten und Dokumente über Rick J., der durch einen Vorfall mit einem Mädchen in einem Maisfeld in den Mittelpunkt der Ermittlungen gerückt ist. „Wir fanden in seiner Wohnung Kinderklamotten, die als gestohlen galten, heimlich gedrehte Videos, die Kinder auf ihrem Schulweg zeigen, kinderpornografisches Videomaterial”, so die Ermittlerin. Man fand viele „sexuelle Notizen”, die er teilweise bereits im Alter von zehn Jahren anfertigte. Die digitalforensische Auswertung habe zudem ergeben, dass Rick J. immer wieder nach neuen Erkenntnissen im Fall Johanna im Internet recherchierte. Auch andere bekannte Kindermorde oder -entführungen habe er gegoogelt. Ob Rick J. mit weiteren sogenannten „Cold-Case-Fällen”, also nicht aufgeklärten und nicht neu aufgerollten Fällen, in Verbindung gebracht werden kann, könne zum jetzigen Zeitpunkt nicht gesagt werden.

Rick J. war der Polizei bekannt

Rick J., der eine Privatschule in Frankfurt besuchte und sein Abitur mit der Note 2,2 abschloss, hatte bereits früh mit der Polizei zu tun: Pkw-Einbrüche, Fahren ohne Führerschein, Fahren unter Alkohol- oder Drogeneinfluss. Mit 17 Jahren stürzte er sich von hinten auf eine Achtjährige – ihm wurde eine Therapie auferlegt. Mit 19 Jahren wurde er mit einer 11-Jährigen in der Umkleide eines Schwimmbades intim. 2011 rannte er, nur mit einer Unterhose bekleidet, durch seinen Wohnort und versuchte, ein drei- und ein siebenjähriges Mädchen ihren Vätern zu entreißen.

Der Polizei war er als Sexualstraftäter nicht unbekannt. Auch das Tatfahrzeug, ein VW Jetta, stand nach der Entführung durch Augenzeugen schnell fest. Es scheint, Rick J. habe durch viele unglückliche Verkettungen von Ereignissen die Tat 18 Jahre geheim halten können. Der Prozess wird fortgesetzt.

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