Tod am Sprungturm: Wer ist schuld?

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Die beiden Angeklagten müssen sich seit dieser Woche vor dem Landgericht Gießen verantworten. Angeklagt sind die Männer wegen fahrlässiger Tötung. An ihrer Anlage kam im August 2015 ein zwölfjähriges Mädchen ums Leben.

Dreieinhalb Jahre nach dem tragischen Tod eines zwölfjährigen Mädchens an einem Sprungturm auf dem Hoherodskopf müssen sich nun die beiden Betreiber der Anlage vor dem Landgericht Gießen verantworten.

Gießen - Angeklagt sind die Männer aus der Wetterau wegen fahrlässiger Tötung – unter anderem soll die Sprunganlage laut Staatsanwaltschaft nicht verkehrssicher gewesen sein. Am Dienstag, dem ersten Prozesstag, hörte das Gericht auch die bewegenden Aussagen der Mutter, die den Sturz ihrer Tochter mit ansehen musste, sowie einer Freundin der Mutter, die das Unglück gefilmt hatte.

Die damals zwölfjährige Sina aus Hosenfeld-Hainzell (Kreis Fulda) war am 31. August 2015 auf den „Freefall-Tower“ hinaufgestiegen, der in den Sommerferien als weitere Attraktion auf dem Hoherodskopf aufgestellt worden war. Bei Sinas letztem Sprung von der oberen Plattform in sieben Metern Höhe verfehlte sie das Luftkissen, prallte von der Umrandung ab und schlug dann auf einem nahe gelegenen Felsen auf. Sie erlitt dabei so schwere Kopfverletzungen, dass sie bewusstlos wurde, von einem Helikopter ins Klinikum nach Gießen gebracht und dort ins künstliche Koma versetzt werden musste. Trotz aller Bemühungen der Ärzte und mehreren Operationen erlag das Mädchen einen Monat später ihren Verletzungen.

"Wir würden es sofort rückgängig machen"

„Wir möchten als Erstes unser Bedauern ausdrücken. Es ist für uns nach wie vor unglaublich, dass so ein schweres Unglück bei uns passieren konnte“, sagte einer der beiden Angeklagten zu Beginn des Prozesses. „Wir würden es sofort rückgängig machen. Aber das können wir leider nicht.“ Im Sommer 2015 hatten sich die beiden Selbstständigen überlegt, wie sie das Freizeitangebot auf dem Hoherodskopf attraktiver gestalten könnten. Durch eine Internetrecherche seien sie schließlich auf eine Firma gestoßen, die diese Sprungturm-Anlagen vermietet. Risiken hätten sie nach mehreren E-Mails und Telefonaten mit der Firma nicht erwartet: „Sie sagten, es gebe selten Verletzungen – wenn, dann handele es sich um Abschürfungen oder Prellungen“, sagten die 42 und 44 Jahre alten Angeklagten. Zudem sei ihnen versichert worden, dass ein professionelles Team den Aufbau der Anlage übernehme und diese schließlich auch freigeben würde. Die umliegenden Steine seien von den Beteiligten nicht als Risiko gesehen worden, einer von ihnen soll sogar als Haltevorrichtung für das Luftkissen verwendet worden sein.

Der Zweiten Großen Strafkammer des Landgerichts Gießen unter der Leitung des Vorsitzenden Richters Jost Holtzmann wird es vor allem um die Frage gehen, inwiefern die Angeklagten als Betreiber des Sprungturms den Tod des Mädchens fahrlässig in Kauf genommen haben. Auch gegen die vermietende Firma werde ermittelt. Staatsanwalt Rouven Spieler sagte, es sei zu klären, ob die Betreiber ein geeignetes Gelände für die Sprunganlage ausgewählt hätten und inwieweit sie sich hinsichtlich der Sicherheit der Anlage auf die Aussagen der Mitarbeiter der vermietenden Firma hatten verlassen dürfen. Es gehe auch um die Unterschreitung von Grenzwerten bei den Absprungpodesten am Turm. Diese ragten mit 109 Zentimetern bei der oberen und 79 Zentimetern bei der unteren Plattform deutlich weniger heraus als es etwa bei Sprungtürmen in einem Schwimmbad der Fall ist, wo der Absprungbereich mindestens zwei Meter in das Becken hineinragen muss.

"Ich weiß nur noch, wie sie fiel und dalag"

Es sollte ein besonders schöner Sommertag mit Freunden werden – der Besuch des Kletterparks auf dem Hoherodskopf war ein Geburtstagsgeschenk für ihre Tochter Sina, sagte die 51-jährige Mutter vor Gericht. Unter Tränen schilderte sie, wie sie den Sturz ihrer Tochter miterleben musste: „Ich kann mich nur noch daran erinnern, wie sie fiel und dalag. Man hat mich zurückgehalten. Ich hatte zuerst die Hoffnung, dass nichts passiert ist und sie wieder zu sich kommen würde.“ Doch Sina kam nicht mehr zu sich. Hilflos musste ihre Mutter mit ansehen, wie ihre Tochter von einem Rettungshubschrauber abtransportiert wurde. Die aus Ecuador stammende Frau sagte vor Gericht, sie habe sich nicht vorstellen können, dass ein solcher Unfall in Deutschland passieren könnte. Daher habe sie Sina erlaubt, vom Turm zu springen und die Einverständniserklärung unterschrieben. Ein anderer Satz sorgt für ungläubiges Kopfschütteln bei den Zuschauern im Gerichtssaal: „Ich bin noch am Unglücksort von einem Polizisten gefragt worden, ob ich und meine Tochter überhaupt legal hier sind. Als ob das irgendeine Relevanz gehabt hätte“, sagte die Mutter verbittert.

Als weitere Zeugin war auch die Mutter von Sinas bester Freundin geladen. Zu viert verbrachten sie den Tag auf dem Hoherodskopf, wobei sie zunächst den Kletterpark besuchten, bevor sie den Freefall-Tower aufsuchten. „‘Nimm das auf!’, haben die beiden Mädchen mir vom Sprungturm noch zugerufen“, schilderte die Zeugin den Augenblick vor dem Unglück. Das damals aufgenommene Handyvideo schauten sich die Prozessbeteiligten daraufhin zusammen an. Darauf ist Sina zu sehen, wie sie zunächst zögert, von ganz oben zu springen. Sie überwindet ihre Angst, doch versucht sie sich beim Absprung noch mit der linken Hand am Geländer festzuhalten. Das Mädchen gerät dadurch in eine Rotation und stürzt unkontrolliert auf die Umrandung des Luftkissens. Es ist noch der Schrei der Zeugin zu hören, dann endet das Video. Ähnlich schildert ein dritter Zeuge das Geschehen. Der 28-Jährige hatte an diesem Tag als Einweiser an der Anlage Dienst und begleitete die beiden Mädchen auf den Sprungturm. Unfälle habe es in den vier Wochen zuvor keine gegeben, sagte der Zeuge.

"Man muss sich an die Regeln halten"

Dem widersprach allerdings eine Zeugin, die damals als Journalistin Freizeitangebote im Vogelsberg testete und darüber berichtete. Auch sie habe sich beim Sprung von der oberen Plattform verletzt. Weil sie mit den Füßen zuerst landete, habe sie sich den Kopf auf den Brustkorb geschlagen und sich dabei den Kiefer und das Brustbein geprellt. Ihr Fazit lautete damals, wenige Tage vor dem Unglück: „Das ist ein schönes Freizeitvergnügen mit hohem Spaßfaktor, aber man muss sich an die Regeln halten.“

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