Auf den Spuren der Tempelritter: Archäologische Untersuchungen am Homberger Schloss

+
Tausende von kleinteiligen Scherben, Zähne, ein Stück Schädeldecke mit Zahn, eine Kreuzer-Münze aus dem Jahre 1733 und wahrscheinlich die Überreste einer Vorgänger-Kapelle fanden die Studenten der archäologischen Fakultät Marburg.

In der letzten Juli-Woche förderten die archäologischen Untersuchungen der Uni Marburg wahrscheinlich nur einen Bruchteil dessen zu Tage, was sich unter den angrenzenden Flächen um die Burgkapelle an Zeugnissen mittelalterlicher Nutzungen des Schlosses verbirgt.

Homberg/Ohm. Ausgangspunkt des universitären Interesses waren die Forschungen zur möglichen Tempelherren-Vergangenheit in Homberg von Dr. Thorsten Rühl. Dieser hatte im September 2019 im Kaminsaal des Schlosses dem Publikum einen Vortrag dargeboten, in dem er Belege seiner Forschungsergebnisse darstellte, dass das Schloss als ein geheimer Zufluchtsort der Tempelritter gedient haben mochte, nachdem König Philipp IV. von Frankreich am 13. Oktober 1307 die Zerschlagung des Templerordens mit einer Verhaftungswelle eingeleitet hatte.

1697 schrieb Johann Justus Winkelmann, ein hessischer Historiograph: „Hinter der Capell hat Amtmann Johann Moritz von Gilsen im Jahr 1640 bei einem neu angelegten Garten eine ziemliche Anzahl Todten-Cörper an Köpfen und Gebeinen (so weit über gewöhnliche und heutiger Körper Größe)… befunden …und ist vermuthlich dass dieses solcher Ordens-Herren Gebeine müssen gewesen seyn.“

Und ein weiteres Indiz spricht dafür, dass die Templer hier am Schloss mitsamt der Kapelle gewirkt haben: 1874 geht aus den Quartalsblättern des Historischen Vereins für das Großherzogtum Hessen über die Kapelle hervor: „Im Munde der Bewohner heißt das Gebäude die „Tempelherrnkapelle“.

All sein Forschen und die vorgefundenen Belege befeuerten den Hobby-Forscher Dr. Rühl im April 2019 eine Radarmessung durch eine Dresdener Firma zu veranlassen, die bis zum gewachsenen Fels den Untergrund der Kapelle und des angrenzenden Geländes außerhalb der Nord- und Ostwand auf seine Strukturen erfassen konnte.
Das Ergebnis: In etwa zwei Meter Tiefe fand man zwei auf zwei Meter große auffällige Strukturen unter dem Kapellenboden und im angrenzenden Garten hinter der Nordwand eine Anomalie von etwa 2,5 Meter Länge und knapp einem Meter Breite.
Aufgrund der von Dr. Rühl vorgelegten Dokumente war zu vermuten, dass es sich um ein Gebeinelager der mittelalterlichen Templer handeln könnte. Für die Schlosspatrioten und insbesondere deren Geschichts-Arbeitskreis mussten die ursprünglich geplanten Drainage-Arbeiten zur Trockenlegung der Ostwand der St. Georgs-Kapelle aufgrund der elektrisierenden Ergebnisse nun erstmal zurücktreten.
Man nahm Verbindung auf zum Denkmalpfleger Dr. Thiedmann in Marburg und zur archäologischen Fakultät der Uni Marburg. In Absprache mit dem Denkmalschutz erklärte sich der Archäologie-Professor Dr. Teichner zu ersten Grabungen bereit, die jetzt zur Zeit des Sommersemesters mit Studenten seiner Fakultät für eine Woche durchgeführt wurden.

Das Ergebnis der mühevollen Kleinarbeit mit Spaten, Schubkarre, Schäufelchen und Zahnbürste: Tausende von kleinteiligen Scherben, Zähne, ein Stück Schädeldecke mit Zahn, eine Kreuzer-Münze aus dem Jahre 1733 und am Ende der Grabungen am Freitag stieß man dann auf das eigentlich Faszinierende: In etwa 1,3 Meter Tiefe trat ein Sockel hervor, der Teil eines alten Fundaments zu sein scheint, mit einer darüber liegenden Hohlraumröhre von etwa 18 Zentimeter Durchmesser, die mit Steinen zugeschüttet war und vermutlich ehemals als Drainage diente.
Auf gleicher Höhe tritt aus der etwas entfernt liegenden Ostwand der Burgmauer ein Abwasserrohr heraus, das offenbar die Fortführung dieser ehemaligen Leitung zu sein scheint. Und ein weiterer Grabungsfund vor diesem Sockel versetzte die Grabungsfachleute in Erstaunen: ein Steinquader von 70 mal 70 Zentimeter Fläche und einem Meter Höhe, dessen Einbettung in einen Funktionszusammenhang noch völlig unklar ist.

Professor Teichner geht davon aus, dass man sehr wahrscheinlich auf die Überreste eines älteren Vorgängerbaus der Kapelle gestoßen ist. Die jetzt ausgehobene Grube scheint also offenbar nur der Anfang weiterführender Entdeckungen gewesen zu sein, zumal die vom Bodenradar entdeckten Strukturen noch knapp zwei Meter von der jetzigen Aushubgrube entfernt liegen. Man hofft nun auf eine weitere Grabungsgenehmigung der Landesarchäologie und damit auf eine Übernahme der Kosten für das kommende Jahr.

So bleibt das Schloss also sagenumwittert und birgt zugleich ein wissenschaftlich zu ergründendes Forschungspotential für die Uni Marburg, das die Neugier sowohl der Fachleute wie auch der Homberger und vor allem der Schlosspatrioten wach halten wird. Man darf gespannt sein, welche Rätsel sich im Laufe der Zeit noch auftun und ob sie je gelöst werden können.

Wer waren die Tempelritter, welche Bedeutung hatten sie?

Der Ritterorden wurde 1118 im Königreich Jerusalem, das im ersten Kreuzzug erobert war, gegründet und hatte knapp 200 Jahre Bestand. Er war der erste Orden, der die Ideale des adligen Rittertums mit denen des Mönchtums vereinte, zweier Stände, die bis dahin streng getrennt waren. In diesem Sinne war er der erste Ritterorden und während der Kreuzzüge eine militärische Eliteeinheit. Er unterstand direkt dem Papst.
Zu dieser Zeit war Jerusalem ein Anziehungspunkt für viele Pilger und Abenteurer aus Europa. Die zahlreichen Pilger in den bergigen Regionen der Strecke von Jaffa über Ramla nach Jerusalem zogen Räuber an. Der Großteil des Kreuzritterheeres war nach Europa zurückgekehrt, weshalb kaum Schutz vor Überfällen bestand.
Die Ritter des Templerordens legten vor dem Patriarchen von Jerusalem ein Ordensgelübde ab. Neben den „klassischen“ Gelübden, die sich auf Armut, Keuschheit und Gehorsam bezogen, verpflichteten sich die Ordensbrüder jedoch zudem, den Schutz der Pilger sicherzustellen.
Da die Tempelritter aus dem Orient die Einweihungsweisheit des heiligen Grals nach Europa herübergebracht hatten und damit einer ketzerischen Linie des Christentums nahe standen, wurde sie 1312 von Papst Clemens V aufgelöst und die meisten durch Befehl des Königs von Frankreich und des Papstes verhaftet, viele sogar auf dem Scheiterhaufen verbrannt. So flüchteten die Templer und suchten sich geheime Unterkünfte, um ihr Wirken quasi im Untergrund fortsetzen zu können. Die enormen Geldmengen und das geheime Archiv des Ordens sind bis heute verschwunden.

Mehr zum Thema

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

Über 70 Fahrzeuge in Gießen beschädigt: "Solidarische autonome Kleingruppe" bekennt sich

Mindestens 70 Autos wurden von bislang unbekannten Tätern mit einem "X" in roter Farbe versehen. Eine nach eigenem Bekunden "solidarische autonome Kleingruppe" bekannte …
Über 70 Fahrzeuge in Gießen beschädigt: "Solidarische autonome Kleingruppe" bekennt sich

Presseseminar für Laien

Die Zeitungen sind voll mit Nachrichten – Portraits, informellen News, gesellschaftlichen Ereignissen, Vorankündigungen, Nachberichte, Kommentaren und vielem mehr. Doch …
Presseseminar für Laien

Neue Motive für den Ohmtaler gesucht

Der Ohmtaler in Homberg ist eine Erfolgsgeschichte. Seit bereits vier Jahren ist die stadteigene Währung im Umlauf – mit einer jährlichen Auflage von etwa 15.000 …
Neue Motive für den Ohmtaler gesucht

Leserfoto: Ein Tümpel voller Leben

Naturfotograf Walter Märkel hat in der vergangenen Woche farbenfrohe Nahaufnahmen von Fröschen, Eisvögeln und Libellen schießen können.
Leserfoto: Ein Tümpel voller Leben

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.