Stand hier das alte Rathaus? Archäologen finden am Alsfelder Marktplatz Fundament eines Prunkbaus

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Bürgermeister Stephan Paule, Bauamtsleiter Tobias Diehl, Stadtarchivar Norbert Hansen und die Archäologen Andreas Thiedmann von hessenArchäologie und Uwe Schneider von der Fachfirma „Wissenschaftliche Baugrund-Archäologie“ (von rechts) sind sich einig: Dieses Fundament zeugt von einem repräsentativen Gebäude. Vom alten Rathaus?

Alsfeld blickt auf eine lange und bedeutende Geschichte zurück. Zuweilen liegt diese noch tief vergraben und bleibt rätselhaft. Ein bislang ungelöstes Rätsel: „Wie sah das Vorgänger-Rathaus, also jenes vor dem Jahr 1512, aus und wo genau stand es?“

Alsfeld. Dass es eines gegeben haben muss, daran besteht kaum Zweifel. Doch eindeutige Spuren oder Indizien, die gab es kaum. Das hat sich im Zuge der Marktplatzsanierung womöglich schlagartig geändert. Archäologen des Landesamtes für Denkmalpflege fanden auf dem Alsfelder Marktplatz Fundamente eines massiven steinernen Gebäudes, das in seiner Bauweise und Massivität ein sehr ungewöhnliches ist. Sie halten es für möglich, dass es sich um die Reste des ehemaligen Alsfelder Rathauses handelt. Das gaben sie gemeinsam mit der Stadt Alsfeld bei einer Vor-Ort-Begehung bekannt.

Seit Mitte 2018 laufen die umfangreichen Arbeiten zur grundlegenden Sanierung und Neugestaltung des Alsfelder Marktplatzes. Auf Rat des Landesamtes für Denkmalpflege werden die damit einhergehenden Bodeneingriffe von Beginn an von Archäologen begleitet.

Nachdem im Verlauf des Jahres 2019 mehrere archäologische Strukturen am südlichen Marktplatz dokumentiert worden waren, wurden im September 2019 am Nordrand des Marktplatzes zwei massive Mauerzüge entdeckt. Ein Fund, der aufgrund der ungewöhnlichen Massivität umgehend das Interesse aller Beteiligten weckte.
Mithilfe einer sogenannten Georadar-Messung versuchte man daher vor Beginn der Bausaison 2020 die Lage und Ausdehnung des mutmaßlichen Bauwerks zu erkunden – mit mäßigem Erfolg. Der weitere Verlauf der Mauern musste daher freigelegt werden.
Jetzt zeigt sich, die Mühen haben sich gelohnt: Zu sehen ist ein neun Mal sechs Meter großer rechteckiger Gebäudegrundriss – ein ungewöhnlich massives Fundament aus rotem Sandstein in einem gelben Kalk-Sand-Mörtel.
Ungewöhnlich ist auch der für damalige Verhältnisse sehr tief liegende und gut ausgebaute Keller. In diesem fanden die Archäologen zudem jede Menge Holzkohle. „Daraus kann geschlossen werden, dass das Gebäude mit seinen Holzbalkendecken und inneren Fachwerkwänden einer Brandkatastrophe zum Opfer fiel“, sagt Archäologe Dr. Andreas Thiedmann.

Archäologe Andreas Thiedmann sagt: „Bei dieser massiven Bauweise ist es möglich, dass das Gebäude 250 Jahre alt geworden ist.“


Des Weiteren wurde eine Scherbe eines Tongefäßes geborgen, das aus dem Zeitraum des 12. bis 14. Jahrhunderts stammt. Es sei gut möglich, dass das Gebäude bis zu 250 Jahre stand – so massiv wie es gebaut wurde. Doch das sei weiterhin nur Spekulation, sagt Thiedmann.

„Bei dem Fund ist 2020 ein Glücksjahr für Alsfeld“

Stadtarchivar Dr. Norbert Hansen zeigt sich beeindruckt von dem archäologischen Fund: „2020 ist ein Glücksjahr für Alsfeld. Wir gehen davon aus, dass wir hier das Fundament des alten Rathauses sehen.“ Er führt aus, dass sich die früheste Erwähnung eines Rathauses im ältesten erhaltenen Rechnungsbuch der Stadt von 1386 findet. Demnach wurden in diesem Jahr Maurerarbeiten am Leonhardsturm und am Rathaus durchgeführt. Allerdings, das betont Hansen, bleibe beim Rathaus offen, ob es zu diesem Zeitpunkt neu erbaut oder nur repariert wurde.
Auch die Frage, was mit dem alten Rathaus passierte, bevor der Bau des neuen Rathauses im Jahr 1512 begann, bliebe offen. Einige Schriften sowie die gefundene Holzkohle aber sprechen für eine Zerstörung durch einen Brand. „Das Rathaus ist anno 1512 wieder erbauet... wegen deren in Vorjahren erlittenen Feuerbrunst“, schrieben etwa Gilsa und Leußler in ihrer Choreografie von 1664. Eine Theorie, der Hansen Glauben schenkt: „Man errichtete ein Abbild des zerstörten Rathauses genau gegenüber, nur etwa doppelt so groß und in die entgegengesetzte Ausrichtung.“
Denn auch zum Standort eines älteren Rathauses gab es bislang nur Spekulationen. So wurde spekuliert, es habe an der Stelle des jetzigen Rathauses oder an der Ecke zur Rittergasse gestanden. „Zu keiner Zeit aber hat es eine systematische Suche nach Spuren eines Vorgänger-Bauwerks gegeben“, sagt der Stadtarchivar.

Einig sind sich alle Beteiligten darin, dass sich die entdeckten Fundamente einem repräsentativen Bauwerk mit hervorgehobener Bedeutung zuordnen lassen. Dafür sprechen die zentrale und damals noch freistehende Lage, die massive Bauweise mit dem tiefliegenden Keller sowie die beiden Rundungen an den Ecken der östlichen Mauer. Diese könnten auf Rundtürme, Erkertürme oder schlicht einen generell prunkvollen Bau rückschließen.

Um den bedeutenden Fund auch künftig für alle Interessierten sichtbar zu machen, möchte die Stadt Alsfeld den Grundriss des Mauerwerks mit hervorgehobenen Pflastersteinen und einer Infotafel kenntlich machen. „Fakt ist: Wir werden das alte Rathaus nicht wieder aufbauen und wir werden auch keine Glasscheibe über die Mauern verlegen. Um das Kulturgut zu schützen, werden wir sie wieder zuschütten“, sagte Bürgermeister Stephan Paule.
Archäologe Andreas Thiedmann stimmte ihm zu: „Für den Erhalt dieser Mauern, ist es das Beste, sie im Untergrund zu belassen.“

Inwiefern weitere Untersuchungen stattfinden, ist noch nicht endgültig geklärt. Auf jeden Fall werde noch die Holzkohle untersucht. Sie könnte Aufschluss darüber geben, ob und wann das Gebäude bei einem Brand zerstört worden ist. Mit einem Ergebnis rechnet man jedoch erst in einigen Monaten.

Beruhigende Nachrichten für Gewerbetreibende und Anwohner des Marktplatzes schiebt Tobias Diehl, Leiter des Stadtbauamtes, noch nach: „Die Sanierungsarbeiten werden von diesem Fund nicht beeinflusst.“ Man bleibe im Zeitplan.

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