"Das trifft uns empfindlich" - Kreislandwirt Andreas Kornmann: 34 Gemarkungen im Kreis fallen aus AGZ-Förderung

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Kreislandwirt Andreas Kornmann inspiziert eine Pflanze in einem seiner Gersten-Felder bei Romrod-Zell.

Vogelsberger Landwirte müssen zukünftig wohl auf mehr als eine halbe Million Euro aus der Ausgleichszulage für benachteiligte Gebiete (AGZ) verzichten.

Vogelsberg - Der Grund: Nach den Plänen des hessischen Landwirtschaftsministeriums soll es noch in diesem Jahr eine neue Richtlinie zur Ausgleichszulage für benachteiligte Gebiete geben – Initiator der Reform ist die EU. Und nach der würden 34 Gemarkungen im Kreis aus der Förderung rausfallen. „Das ist Geld, das den Betrieben für Investitionen fehlen wird. Es trifft uns Landwirte empfindlich“, sagt Kreislandwirt Andreas Kornmann im Gespräch mit unserer Zeitung. Bis zu einer Millionen Euro könnten den 34 Gemarkungen an Fördergeld gestrichen werden – einzelne Betriebe würden bis zu 10.000 Euro verlieren. Besonders betreffe es das Schlitzer Umland – aber auch Romrod, den Katzenberg, Heimertshausen und südwestliche Ausläufer des Vogelsberges. „Der Vogelsberg wäre definitiv ein Verlierer der neuen AGZ-Regelung“, sagt Kornmann. Aber auch die Landkreise Fulda und Hersfeld-Rotenburg würden auf Geld verzichten müssen. Profitieren könnten eher südhessische Kreise.

Viele benachteiligte Gemarkungen im Kreis

Ausgleichszahlungen werden vom Land für benachteiligte Gebiete geleistet. Diese zeichnen sich beispielsweise durch Höhenlagen, Hangneigungen, Erreichbarkeit, besondere klimatische Voraussetzungen oder auch geringe Bodenqualitäten aus. Ziel der Förderung ist es, in benachteiligten Gebieten eine standortgerechte und möglichst flächende-ckende Landbewirtschaftung zu sichern.

Die meisten der 186 Gemarkungen im Vogelsberg, insbesondere im Hohen Vogelsberg, sind solche benachteiligten Gebiete – 148 bislang. Dennoch würden nach derzeitigem Stand 23 Prozent dieser Gemarkungen nicht mehr bezuschusst werden. „Für den Erhalt von kleinen Betrieben und die Biodiversität ist die Reform völlig kontraproduktiv“, sagt der Kreislandwirt, der unter anderem zwei Ställe mit insgesamt 500 Säuen in der Gemarkung Romrod bewirtet und somit auch auf Förderungen verzichten müsste.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Hoffnung haben die Vogelsberger Landwirte noch, die negativen Folgen der Reform abzufedern: „Wir haben auf unsere Probleme beim Landesagrarausschuss hingewiesen. Wir möchten die von der EU ermöglichte Vorgabe nutzen, nach der zehn Prozent der Landesfläche als spezifische Gebiete definiert werden können“, so Kornmann. Allerdings seien die spezifischen Gebiete noch nicht endgültig definiert. Aus diesem Grund haben sich Anfang des Jahres Vertreter der zuständigen Behörden mit den Ortslandwirten der im Vogelsberg betroffenen Gemarkungen zu einem Informationsaustausch getroffen. Dabei wurde eine Vielzahl von möglichen Kriterien diskutiert und eine Liste von Kriterienvorschlägen zur Weiterleitung an den Landesagrarausschuss erarbeitet. So sollen etwa die Folgen der Dürre im vergangenen Jahr und auch der im Vogelsberg hohe Anteil von ökologischer Landwirtschaft in den Kriterienkatalog miteinbezogen werden (siehe unten: Kriterien-Vorschlag).

Auch Mischak und Püchner kritisieren Reform

Erster Kreisbeigeordneter Dr. Jens Mischak kritisiert die Reform: „Wiesbaden will den Ausbau ökologischer Flächen steigern. Wenn man aber mit der Verringerung der Ausgleichszahlung eine Region trifft, in der überwiegend Öko-Landbau betrieben wird, schneidet man der Landwirtschaft ins Fleisch.“

„Wir haben im Vogelsbergkreis viele kleine Schläge und dadurch viele Saum- und Heckenstrukturen“, sagt die Leiterin des Amtes für Wirtschaft und ländlichen Raum Anja Püchner zu dem Thema. Auch sie würde der Wegfall der Ausgleichszahlung hart treffen. Dabei müsse es darum gehen, kleine Betriebe zu erhalten und somit auch die Biodiversität. „Auch für den Tourismus ist das wichtig.“

Kornmann weiß, es wird sich etwas ändern. „Für den ein oder anderen könnte der Wegfall der Förderung das Zünglein an der Waage sein.“ Die Entscheidung aus Wiesbaden könne er nicht nachvollziehen. „An der Landwirtschaft hängt viel dran. Das fehlende Geld wird nicht zuletzt der gesamten Region fehlen“, sagt Kornmann. Doch noch kämpfe man für eine Reform der Reform.

Kriterien-Vorschlag

Folgende Kriterien wurden für eine erneute Prüfung vorgeschlagen:

1) Trockenheit: Von den Auswirkungen der Dürre 2018 waren viele Vogelsberger Gemarkungen stark betroffen – eventuell in Kombination mit dem Anteil an Wasserschutzgebieten und den Wasserentnahmen durch Tiefbrunnen, insbesondere auch für die Ballungsgebiete

2) Anteil Ökologischer Landbau: Mit seinen 22 Prozent ökologisch bewirtschafteter Fläche nimmt der Vogelsbergkreis in Hessen eine Spitzenstellung ein

3) Nutzbare Feldkapazität: Pflanzenverfügbares Wasser für den Bewuchs

4) Korrektur von „Insellagen“: Zum Beispiel Reuters und Unter-Sorg

5) Kleine Schlagstruktur: Vielfältige Saum- und Heckenstrukturen in der Vogelsberger Kulturlandschaft mit positiven Auswirkungen auf Biodiversität und Natur-/ Umweltschutz

6) Ertragsmesszahl (EMZ) bis 46: Einige Gemarkungen sind aufgrund dessen knapp rausgefallen

7) Häufigkeit von Wildschäden im Zusammenhang mit dem hohen Anteil an vorhandenen Forstflächen

8) Anteil Landschaftselemente: Sehr hoher Anteil im Vogelsberg aufgrund seiner Heckenstruktur – wichtig auch als touristischer Aspekt und für das vielfältige Landschaftsbild

9) Zerschneidung von Grünbändern durch Infrastrukturmaßnahmen

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