Ulrichstein: Der pure Vogelsberg - Interview mit Bürgermeister Schneider

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Edwin Schneider leitet seit mittlerweile acht Jahren die Gemeindeverwaltung. Und er hat noch immer viel vor.

Hessens höchst gelegene Stadt, inoffizielle Wind-Hauptstadt Hessens und ein staatlich anerkannter Erholungsort – Ulrichstein ist in vielerlei Hinsicht einzigartig und doch bescheiden.

Wer den Vogelsberg kennen lernen möchte, der muss nur Ulrichstein besuchen.

Das Element Luft

Und zwar wörtlich: Vom 614 Meter hohen Schlossberg mit dem Vogelsberggarten schweift der Blick über die Kernstadt Ulrichsteins, einen großen Teil des Naturparks Hoher Vogelsberg, über das Gießener Becken und auf den Hoherodskopf – den höchsten Berg des Kreises. Immer im Blick: Windkrafträder. Das mag den ein oder anderen stören. Aber für die Stadt Ulrichstein, die 1996 bundesweit den ersten kommunalen Windpark errichtete, ist die Windenergie ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. „Wir nehmen dadurch etwas über eine Millionen Euro für den städtischen Haushalt ein“, sagt Bürgermeister Edwin Schneider im Gespräch mit unserer Zeitung. Das mache rund 15 Prozent des Haushalts aus. 55 Anlagen, 14 davon in städtischer Hand, stehen in der Gemarkung der neun Stadtteile Kölzenhain, Feldkrücken, Rebgeshain, Bobenhausen, Helpershain, Unter-Seibertenrod, Ober-Seibertenrod, Wohnfeld und Ulrichstein als Kernstadt. Doch in naher Zukunft sollen einige davon weichen – das wurde in der jüngsten Ausschusssitzung des Stadtparlaments beschlossen.18 alte Windrotoren sollen auf dem Berg „Goldner Steinrück“ bei Helpershain abgebaut werden – 10 auf der Alten Höhe bei Wohnfeld. „Bis zu neun neue höhere und leistungsstärkere Windkrafträder könnten an den beiden Standorten zusammen entstehen“, sagt Schneider. Das Landschaftsbild würde sich deutlich verbessern – Schneider rechnet mit einem Baubeginn in 2020 oder 2021.

Das Element Wasser

Im vergangenen Jahr ist Ulrichstein bundesweit, vor allem aber hessenweit in die Schlagzeilen geraten. Denn Hessens höchst gelegene Stadt saß auf dem Trockenen – wortwörtlich. Aufgrund der lang anhaltenden Dürre und Hitze war die Schürfquelle versiegt, die die Kernstadt mit Trinkwasser versorgt. Die Folge: Die Stadt musste Trinkwasser in Tanklastern aus Nachbargemeinden ankarren, die Bürger sollten auf die Bewässerung ihrer Gärten verzichten und Wasser sparen, wo es nur geht. Der Gipfel folgte prompt – und zwar aus Frankfurt: Die dortige Umweltdezernentin Rosemarie Heilig forderte die Frankfurter auf, bei der Bewässerung des Stadtgrüns zu helfen.

Doch kommt das Frankfurter Wasser zu einem großen Teil aus dem Vogelsberg. Schneider war empört und schrieb einen Brandbrief an Heilig. „Eine direkte Antwort habe ich bis heute nicht von ihr bekommen“, sagt der Bürgermeister. Doch betroffene Kommunen, die Schutzgemeinschaft Vogelsberg und die Stadt Frankfurt stehen nun in engem Austausch. Schneiders Forderung: „Das Rhein-Main-Gebiet muss in Zukunft seine eigenen Wasserquellen anzapfen.“ Außerdem solle es einen finanziellen Ausgleich für die Entnahmegebiete geben. „Das Wasser kostet bei uns das Doppelte wie in Frankfurt.“

Das Element Erde

Ulrichstein musste reagieren – die kostenintensiven Tanklaster waren keine Dauerlösung. Deshalb wird in Ulrichstein seit vergangenem Herbst tief in die Erde gebohrt. Die Hoffnung: eine ausreichende neue Wasserquelle zu finden. Vergangene Woche wurden die Arbeiten etwas abseits der Kernstadt wieder aufgenommen – die zuständige Firma „retagg“ muss nun für die größeren Tiefen ein neues Bohrverfahren und somit einen neuen Kran einsetzen.

„Aktuell liegen wir bei einer Tiefe von 53,5 Metern. Für den Winter hat das gereicht“, sagt Schneider. Eineinhalb Liter in der Sekunde konnten bei dieser Tiefe gefördert werden. Benötigt werden aber für die dauerhafte Trinkwasserversorgung fünf Liter. Deshalb muss weiter gebohrt werden – mindestens bis zu einer Tiefe von 75 Metern. Dort wird von den Experten ein größeres Wasservorkommen vermutet. Während der Arbeiten kann jedoch kein Wasser gefördert werden. „Ich hoffe, dass unsere Schürfquelle in dieser Zeit ausreichend Wasser führt“, so Schneider.

Das Element Feuer

Hitze und anhaltende Trockenheit führen zu einem weiteren Problem: „Vergangenes Jahr hatten wir deutlich mehr Feuerwehreinsätze als üblich“, sagt Schneider, der selbst aktiver Brandbekämpfer für die Kernstadt ist. Neben ihn gibt es am Tag allerdings nur zwölf weitere aktive Feuerwehrleute, die für die Kernstadt zuständig sind – zu wenige. Deshalb hat sich vor rund einem Jahr die Arbeitsgruppe „Zukunft Feuerwehr“ gegründet.

„Seitdem geht es bergauf, wir konnten bereits neue aktive Mitglieder gewinnen.“ Zudem soll die Feuerwehr in naher Zukunft mit zwei neuen Feuerwehrfahrzeugen ausgestattet werden – in Bobenhausen soll zudem ein neues Feuerwehrgerätehaus entstehen. Schneider ist 2017 in seine zweite Amtszeit als Rathauschef gewählt worden. Was möchte er bis 2023 unbedingt erledigt wissen? „Die Prioritäten sind ganz klar: Wasserversorgung, Breitband-Versorgung und die ärztliche Versorgung.“

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