Urteil zum 2015 verschwundenen Teenager gefallen: Kindesentzug ja, Missbrauch nein 

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Vor dem Amtsgericht Alsfeld war ein 42-jähriger Mann wegen der Entziehung eines Minderjährigen angeklagt.

Die Familie ist nicht glücklich mit dem Urteil, das die Vorsitzende Richterin am zweiten Prozesstag ausgesprochen hat. „Ich bin einfach enttäuscht“, brachte die Mutter unter Tränen noch heraus, als sie den Gerichtssaal verließ. Was war passiert?

Im November 2016 verschwand ein damals 15-jähriger Junge aus dem Vogelsbergkreis. Verzweifelt wurde er zunächst von Eltern, Freunden und Polizei – später dann auch deutschlandweit medial gesucht. Erst nach fünf Wochen tauchte er wieder zu Hause auf. Der Junge soll von einem heute 42-jährigen Nachbarn seinen Eltern entzogen und sexuell belästigt worden sein – so die Anklage gegen den Mann, der sich jetzt vor dem Alsfelder Amtsgericht verantworten musste.

Er gab zu, den damals 15-Jährigen in eine Wohnung in Thüringen gebracht zu haben. Dies sei jedoch auf Wunsch des Teenagers geschehen, der wegen schulischer Probleme von zu Hause weg wollte. Die Wohnung im Erdgeschoss sei offen gewesen und habe in einem Wohngebiet gelegen, verteidigte sich der Mann gegen den Vorwurf, er habe den Jungen gegen seinen Willen in der Wohnung gehalten. Zudem habe der 15-Jährige ein Mobiltelefon besessen. Der Haken an der Sache: Der 42-Jährige, der damals im Vogelsbergkreis wohnte, legte der Polizei falsche Fährten und tischte ihnen bewusst Lügen über den Verbleib des Jungen auf. Der Geschädigte schilderte am ersten Prozesstag das Geschehen naturgemäß ganz anders: Er sei mit dem Nachbarn mitgegangen, weil er Angst vor ihm gehabt hätte. Der Mann soll ihm gedroht haben, er würde seiner Familie Schaden zufügen, wenn er etwas sagen oder abhauen würde. Nach fünf Wochen in der Wohnung habe er schließlich den Mut gefunden zu sagen, dass er wieder nach Hause wolle. Der Nachbar sei dem Wunsch auch nachgekommen. Die Familie des Jungen – der Vater und zwei Schwestern – sagten ebenfalls aus. Es sei ein Kontaktverbot gegen den Angeklagten ausgesprochen worden, an das er sich offensichtlich nicht hielt. Der Grund für diese Maßnahme: „An einem Tag kam mein Sohn mit einem Knutschfleck nach Hause, nachdem er mit dem Mann unterwegs gewesen ist“, sagte die Mutter.

Später sei die Zeit, als ihr Sohn verschwunden war und niemand wusste, wo er sich aufhielt, die schlimmste in ihrem Leben gewesen, berichtete die Mutter unter Tränen: „Ich habe jeden Tag in sein Zimmer geguckt, ob er vielleicht doch im Bett liegt. Aber er lag nie dort.“ Fünf Wochen später tauchte ihr Sohn plötzlich wieder auf. Doch leichter wurde es für die Familie danach nicht. „Nachdem mein Sohn wieder zu Hause war, hat er sich total verändert, hat sich zurückgezogen und nicht mehr auf sich geachtet. Ich wusste, dass irgendetwas Schlimmes vorgefallen sein musste“, sagte die Mutter vor Gericht aus. Einige Monate, nachdem ihr Sohn wieder zu Hause war, habe er ihr schließlich erzählt, dass er sexuell von dem Angeklagten belästigt worden sein soll. Dem Angeklagten konnte die Mutter im Gerichtssaal nicht in die Augen sehen. Sie ist von seiner Schuld überzeugt. Und das schreit sie dem Angeklagten zwischenzeitlich auch entgegen: „Wieso hast du mir meinen Sohn genommen?“ Für das Gericht stellt sich die Wahrheitsfindung als kompliziert dar – es steht Aussage gegen Aussage.

Und deshalb fällt das Urteil so aus, wie es die Fakten hergeben: Der Angeklagte wird wegen der Entziehung Minderjähriger zu einer Geldstrafe von 150 Tagessätzen zu zehn Euro verurteilt. „Der sexuelle Missbrauch kann nicht nachgewiesen werden. Auch der Geschädigte verstrickte sich bei den Angaben häufig in Widersprüche“, sagte die Vorsitzende Richterin bei der Urteilsbegründung. Die Verteidigung, die für einen kompletten Freispruch plädierte, nahm das Urteil noch nicht an, es ist somit noch nicht rechtskräftig.

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