Urteil im Fall Johanna Bohnacker: Lebenslange Haft für den Angeklagten Rick J.

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Rick J. wurde vor dem Landgericht Gießen zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.

Johanna Bohnacker wurde 1999 entführt, gefesselt und getötet. Ihre sterblichen Überreste wurden in einem Waldstück bei Alsfeld gefunden. Dafür wurde jetzt der Angeklagte Rick J. vor dem Landgericht Gießen zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.

Gießen - Staatsanwalt Thomas Hauburger bleibt noch einige Minuten an seinem Tisch sitzen – an der Fensterseite im Saal 207 des Landgerichts Gießen. Die Vorsitzende Richterin hat kurz zuvor die Sitzung für geschlossen erklärt. Während sich der Zuschauerraum allmählich leert, lehnt sich Hauburger weit in seinen Drehstuhl zurück, hin und wieder schüttelt er eine Hand oder setzt ein kurzes erleichtertes Lächeln auf. Die Anspannung scheint von ihm abgefallen zu sein, nachdem die Vorsitzende Richterin seiner Forderung, den Angeklagten Rick J. wegen Mordes an der damals achtjährigen Johanna Bohnacker zu lebenslanger Freiheitsstrafe zu verurteilen, nachgekommen ist. Zudem stellte das Gericht die besondere Schwere der Schuld fest. Das Urteil entspricht somit gänzlich dem Plädoyer des Staatsanwalts.

Hauburger gegenüber sitzt Rick J. auf der Anklagebank. In sich zusammengesunken, nahm er zuvor völlig regungslos die rund einstündige Urteilsbegründung der Vorsitzenden Richterin zur Kenntnis. Nach der Überzeugung der Richter hatte Rick J. die kleine Johanna aus Ranstadt im hessischen Wetteraukreis im September 1999 betäubt, entführt, gefesselt und getötet. J. habe den Kopf des Kindes mit 15 Metern Klebeband umwickelt – die 29 Umwicklungen führten zum Tod des Mädchens. Es erstickte. Das Band sei so zum „Mordwerkzeug“ geworden, sagte die Vorsitzende Richterin.

Johannas Mutter, die als Nebenklägerin ebenfalls eine lebenslange Freiheitsstrafe für den Angeklagten gefordert hatte und an fast jedem Prozesstag im Gerichtssaal anwesend war, sagte nach der Urteilsverkündung: „Es konnte keine gerechte Strafe für ihn geben, aber er hat die höchstmögliche bekommen.“ Damit gehe es ihr deutlich besser als noch ein paar Wochen zuvor. Abschließen könne sie mit dem Tod ihrer Tochter jedoch niemals, auch wenn der Täter jetzt in der Versenkung verschwinde. Auf die Frage, wie sie diesen Prozess verkraften konnte, woher sie die Kraft nahm, sagte sie: „Ich weiß es nicht, aber meine Tochter musste all das alleine erleben. Ich musste es mir nur anhören. Ich war es ihr verdammt nochmal schuldig.“

Die Schwurgerichtskammer verurteilte J. auch wegen versuchter sexueller Nötigung von Johanna und sieht eine besondere Schwere der Schuld. Damit ist eine vorzeitige Haftentlassung nach 15 Jahren unwahrscheinlich. Es sei eine grauenhafte, unfassbare und entsetzliche Tat am helllichten Tag, sagte die Vorsitzende Richterin. Die Beharrlichkeit, die Vorbereitung, die Intensität des Verbrechens und die schweren Folgen des Verbrechens seien ausschlaggebend für die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld, sagte die Richterin. Johannas Familie wusste 18 Jahre lang nicht, wie Johanna zu Tode kam und wer dafür verantwortlich ist. Die Familie selbst stand jahrelang unter Tatverdacht.

Die Verteidigung, die zuvor auf eine Verurteilung wegen Totschlags plädierte, kündigte nach dem Urteil an, in Revision zu gehen.

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