Verhungert, vertrocknet, verbrannt: Der Landwirtschaft droht ein drittes Dürrejahr

+
Die hiesigen Landwirte sprechen schon jetzt von miserablen Zuständen und gehen von erheblichen Ernteausfällen aus.

Unmittelbar betroffen von den schlechten weil sehr trockenen Witterungsbedingungen sind Landwirte. Es fallen Ernten aus, die Aussaat wird durch trockene Böden erschwert, das Futter für das Vieh ist knapp, es drohen erhebliche wirtschaftliche Verluste.

Vogelsberg. 2018 und 2019 gehörten zu den wärmsten und trockensten Jahren seit Beginn der Wetteraufzeichnung. Und auch in diesem Jahr bleibt der Niederschlag, den die Wälder, Felder, Seen und Flüsse dringend benötigten, bislang aus. Die Entwicklung ist gravierend. Deswegen musste die Vogelsberger Kreisverwaltung bereits jetzt, so früh wie nie zuvor, ein Wasserentnahmeverbot aussprechen. Noch vor dem eigentlichen Sommer führen die Bäche und Flüsse im Vogelsberg kaum noch Wasser. Zum Vergleich: Im sehr niederschlagsarmen Jahr 2018 wurde das Verbot im August angeordnet. Dementsprechend können Zuwiderhandlungen mit Geldbußen von bis zu 100.000 Euro geahndet werden. Unmittelbar betroffen von schlechten Witterungsbedingungen sind Landwirte. Es fallen Ernten aus, die Aussaat wird durch trockene Böden erschwert, das Futter für das Vieh ist knapp, es drohen erhebliche wirtschaftliche Verluste.

Zustände schon jetzt wie im August

„Die Böden sind nach den letzten beiden trocknen Jahren stark ausgetrocknet. Die Wasserspeicher des Bodens, auch in tieferen Schichten, konnten über den Winter nicht wieder aufgefüllt werden“, sagt Kreislandwirt Andreas Kornmann. Daran haben auch die die starken Niederschläge Anfang März nichts ändern können. „Sie sind oberflächlich abgelaufen, die Böden konnten das Wasser in der kurzen Zeit nicht aufnehmen.“ Zudem habe die darauffolgende Trockenperiode mit kalten, trockenen Ostwinden zusätzlich zu einer Verkrustung des Oberbodens geführt, sodass die Bestände nicht „atmen“ konnten. Die Bedingungen sind schlecht. „Aktuell stehen, regional mehr oder weniger ausgeprägt, sehr dünne Bestände auf den Äckern. Spitzenerträge sind somit nicht mehr möglich“, sagt Kornmann.

Kreislandwirt Andreas Kornmann im Mai vergangenen Jahres. So saftig grün ist es in diesem Jahr auf wenigen Feldern. Die Trockenheit der vergangenen Jahre macht sich bemerkbar. Landwirte rechnen mit massiven Ertragseinbußen.

Berufskollegen berichten ihm von „verhungerten und vertrockneten Beständen“, außerdem von „verbranntem Grünland“. Das kenne man eigentlich erst aus dem August, sagt Kornmann, der neben seiner Schweinehaltung auch Ackerböden bewirtschaftet. „Die Pflanze muss nun die schlechte Bestandsdichte über die Anzahl der Körner pro Ähre und das Gewicht der einzelnen Körner kompensieren“, sagt der Kreislandwirt. Dafür werde der weitere Witterungsverlauf entscheidend sein. Genau wie seine Kollegen rechne er bei ausbleibendem Regen mit starken Ertragseinbußen. Doch nicht nur das: Bei einigen Betrieben geht schon jetzt die Angst um, nicht genügend Futter für die Tiere erzeugen zu können. Rinderhaltende Betriebe leiden schon jetzt unter Futterknappheit, nicht zuletzt, weil in den vergangen zwei Jahren kein Puffer aufgebaut werden konnte. „Schweinebetriebe und alle anderen Tierhalter sind stark betroffen. Was wir nicht auf den eigenen Flächen ernten können, muss teuer zugekauft werden“, sagt Kornmann. Für die Ackerbauern sei die Situation ebenso gravierend. Dort stelle die Ernte das Einkommen eines ganzen Jahres dar. Dementsprechend schwer fallen Ertragseinbußen und Missernten ins Gewicht.

Das lange Warten der Politik

Aktuell laufen Bemühungen sogenannte „Stilllegungsflächen“, beziehungsweise „Ökologische Vorrangflächen“, temporär für die Futternutzung zuzulassen. „Damit könnten wenigstens den Sorgen der Rinderhalter teilweise entgegengewirkt werden“, sagt Kornmann. Er bemängelt, dass die Landwirtschaftsministerien in Berlin und Wiesbaden wie bereits in den vergangenen beiden Jahren zu lange mit Entscheidungen abwarten würden.

Die Trockenheit sei nicht mehr von der Hand zu weisen, und doch gebe es noch keine Entscheidung, um etwas Brauchbares auf den Flächen anzubauen. „Irgendwann ist es dann zu spät. Alles in allem werden wir ziemlich alleine gelassen mit den Sorgen. Wir stehen im Moment im Schatten der Corona-Krise.“ Unbekannt ist das Problem in der Politik nicht. Jens Mischak, Erster Kreisbeigeordneter des Vogelsbergkreises, weiß um die Futterknappheit und die witterungsbedingte Belastung für die Landwirtschaft. „Darum fordere ich die hessische Landwirtschaftsministerin Priska Hinz dazu auf, Ökologische Vorrangflächen für die Schnittnutzung für Futterzwecke oder die Beweidung freizugeben, um den Landwirten in der Region zusätzlichen Handlungsspielraum zu ermöglichen“, sagt Mischak. Ein entsprechendes Schreiben habe er am Dienstag dieser Woche nach Wiesbaden auf den Weg gebracht.

Ihm nach rechnen viele Betriebsleiter im Vogelsbergkreis mit Ernteverlusten von mehr als 50 Prozent, „und gerade das energiereiche frische Futter aus dem ersten Schnitt benötigen unsere Landwirte, um hochwertige Nahrungsmittel zu erzeugen und ihre Tiere optimal zu versorgen“, führt Mischak an. „Die Sache ist dringend – ein früher Schnitt bis etwa Mitte Juni bringt das beste Futter. Deswegen müssen die ÖVF-Brachen freigegeben werden“, fordert der Dezernent.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

Der Zubringer zur Datenautobahn: Alle Schulen im Kreis sollen direkten Glasfaseranschluss erhalten

Die Zeiten, in denen Schüler mit Kreide in der Hand vor der grünen Tafel standen, sind im Vogelsbergkreis längst vorbei. So etwas geht heute digital. Selbst von zu Hause …
Der Zubringer zur Datenautobahn: Alle Schulen im Kreis sollen direkten Glasfaseranschluss erhalten

Aktivitäten in den Ferien: Kreis bietet Betreuungsangebote für Kinder an

"Wir sind so froh, dass wir nach der Absage unserer Freizeiten aufgrund der Corona-Pandemie nun doch einige Aktivitäten für die Kinder und Jugendlichen in den …
Aktivitäten in den Ferien: Kreis bietet Betreuungsangebote für Kinder an

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.