Wo ist das viele Geld? Die Vogelsberger müssten auf einem Haufen Kohle sitzen

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Landrat Manfred Görig, Hessens Finanzminister Thomas Schäfer, Moderator und FZ-Redakteur Volker Nies, IHK-Präsident Rainer Schwarz und Kreishandwerksmeister Edwin Giese bei der Diskussionsrunde.

Eine Glosse zum Unternehmerdialog in Schwalmtal mit Hessens Finanzminister Thomas Schäfer.

Schwalmtal - Pünktlich wie die Deutsche Bahn beginnt schließlich der Unternehmerdialog im Gasthaus Graulich mit 36 Minuten Verspätung – Hessens Finanzminister Thomas Schäfer, kein TSG, dafür aber Dr., ließ auf sich warten. „Er kann ruhig noch etwas Zeit auf den Straßen hier verbringen, dann sieht er ja, was los ist“, sagt bereits die Sitznachbarin leicht süffisant. (An dieser Stelle sei sich der „Affe-mit-zugehaltenem-Mund-Emoji“ vorzustellen).

Erster Kreisbeigeordneter Jens Mischak, ebenfalls Dr., begrüßt die rund 70 Anwesenden – die meisten von ihnen Bürgermeister – mit der „provokanten Frage: Vogelsberg – Wirtschaftsstandort oder Naherholungsgebiet?“ Provokante Frage!? Achtung, es folgt ein Spoiler: Die Beteiligten der Diskussionsrunde werden die Frage im Laufe des Abends ganz keck mit: „Beides“ beantworten. (An dieser Stelle sei sich der Emoji mit weit aufgerissenen Augen vorzustellen).

Noch vor der Diskussionsrunde referiert Thorsten Schäfer-Güm... ach nein, der andere, der Dr., über den Vogelsberg und die wirtschaftliche Entwicklung. Und er fängt so an: „Geld bringe ich keines mit.“ Da hat Landrat Manfred Görig eigentlich schon keine Lust mehr auf diese Veranstaltung. Ein besserer Einstieg wäre gewesen: „Entschuldigen Sie bitte meine 36-minütige Verspätung. Geld bringe ich trotzdem nicht mit.“ Sei’s drum.

Zum Inhalt der Rede sei gesagt: Der Vogelsberg hat sich zur großen Überraschung aller Politiker und Experten wirtschaftlich stark entwickelt – „Wer von ihnen hätte denn vor 20 Jahren geglaubt, dass hier heute fast Vollbeschäftigung herrscht?“ Außerdem sei das Pro-Kopf-Einkommen hier auf einem höheren Niveau als etwa in Gießen oder Marburg und annähernd so hoch wie in Frankfurt.

Hessens Finanzminister Thomas Schäfer sagt, die gute wirtschaftliche Entwicklung des Vogelsbergs hätte man vor 20 Jahren noch nicht absehen können.

Den ein oder anderen im Publikum wird diese Statistik wundern – ist doch der gemeine Vogelsberger eher dafür berüchtigt, sich tierisch über seinen Lieblingsbäcker zu ärgern, wenn dieser den Preis seiner Brötchen um drei Cent erhöht. Überhaupt: Wo haben die Vogelsberger ihr Vermögen versteckt? Sie haben schließlich nicht den Luxus, das viele Geld wie in Frankfurt in hohe Wohnungs-Mieten zu investieren. Es bleibt auch an diesem Abend weiterhin ein Geheimnis der wohlhabenden Vogelsberger.

Dafür aber haut TSG, ach quatsch TS, der Finanzminister, der Dr., den Spruch des Abends raus – es geht um das Problem der Demografie: „Wir alle hier können jetzt sofort nach Hause gehen und unserer demografischen Pflicht nachkommen, doch das wird das Problem langfristig nicht lösen.“ Noch nie gab es für Sex eine schönere Umschreibung. (An dieser Stelle sei sich der Tränen lachende oder der grüne erbrechende Emoji vorzustellen).

Es folgt die heiß ersehnte Diskussionsrunde, die von Volker Nies, natürlich auch Dr. und Redakteur bei der Fuldaer Zeitung, moderiert wird. Neben TS und Görig nehmen daran Kreishandwerksmeister Edwin Giese und IHK-Präsident (Gießen-Friedberg) Rainer Schwarz teil. Letzterer muss schon bei der ersten Frage verlegen ausweichen, warum denn der Name der IHK Gießen-Friedberg nicht um den Vogelsberg erweitert wird.

Die weitere Diskussionsrunde besteht aus zwei Teilen: Zunächst erörtern die Beteiligten den Stand der Dinge (vieles gut, einiges weniger gut); anschließend darf jeder Wünsche für die Zukunft äußern – wobei Landrat Görig an einem Abend „gar nicht alle Wünsche loswerden kann“. Deshalb nur der dringendste: Es müsse nun endlich der Breitbandausbau abgeschlossen werden („denn zehn Jahre sind wirklich zu lange für eine Infrastrukturmaßnahme“).

In diesem Zuge richtet er an TS klare Worte: „Gebt uns doch in Zukunft einfach das Geld, wir bringen die PS dann auf die Straße.“ Doch der Finanzminister sagte ja bereits, dass er kein Geld mitbringe. Dennoch applaudieren die Zuhörer, unter ihnen die Bürgermeister aus Homberg, Lauterbach, Antrifttal, Ulrichstein, Feldatal, Schwalmtal und Hintertupfingen. Stephan Paule ist nicht zugegen – er hat ja schließlich auch keinen Wahlkampf zu führen, so ohne Gegenkandidat. Und außerdem: Wozu gibt es denn schließlich den Wirtschaftsförderer Uwe Eifert, der für Alsfeld anwesend ist.

Mit auf den Weg in den verdienten Feierabend gibt TS den Vogelsbergern noch den Rat: „Fangt frühzeitig an, euch mit den demografischen Entwicklungen zu beschäftigen. Geht offensiv und rege mit dem Thema um.“ Alles klar? Nein? Dann soll es das jetzt gewesen sein.

Hinweis der Redaktion: Die Glosse

Als Glosse wird ein journalistischer Text bezeichnet, in dem sich der Autor mit aktuellen Nachrichten auf satirische Art und Weise auseinandersetzt. Als die wichtigsten Stilmittel in einer Glosse sind Ironie, Sarkasmus und Übertreibungen zu nennen. Sie werden vom Autor genutzt, um ein Thema übertrieben darzustellen.

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