Vogelsberger Trinkwasser für das Frankfurter Stadtgrün - Muss das sein?

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Frankfurt ist der Hauptabnehmer von Vogelsbergwasser. Jetzt rief die Stadt die Bürger dazu auf, die städtischen Bäume zu bewässern. Die Schutzgemeinschaft Vogelsberg sieht das als Aufruf zur Trinkwasserverschwendung. Man könne dafür auch Wasser aus dem Main benutzen.

„Rettet Frankfurts Bäume!“ Dazu rief die Stadt Frankfurt vergangene Woche ihre Bürger auf.

Das Grünflächenamt Hessens größter Stadt und Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) baten um Mithilfe, die Bäume mit Wasser zu versorgen: „Nach wochenlanger Trockenheit brauchen viele der rund 200.000 Frankfurter Stadt- und Parkbäume Hilfe“, heißt es in einer Stellungnahme. Daher sollten die Frankfurter den Bäumen in ihren eigenen Straßen Wasser spenden. Klingt aufs Erste nach einer guten Sache, denn Pflanzen sind für das Stadtklima von großer Bedeutung – zweifelsohne. Doch es ist ein egoistisches Denken der Stadt Frankfurt. Denn das Wasser kommt zu 30 Prozent aus dem Vogelsbergkreis. Und das hat Folgen für das Grundwasser – ein Dauerthema, das durch die lang anhaltende Trockenheit eine neue Brisanz erreicht.

Schutzgemeinschaft Vogelsberg kritisiert Aufruf

Das ruft die Schutzgemeinschaft Vogelsberg auf den Plan. Der Verein kritisiert das Verhalten der Stadt Frankfurt scharf. Denn der Aufruf verleite die Frankfurter Bürger zur Trinkwasserverschwendung, sagt die Vorsitzende der Schutzgemeinschaft Vogelsberg Cécile Hahn. Angesichts der extremen Trockenheit, deren Ende nicht abzusehen ist, müsse Frankfurt als Hauptverbraucher von Vogelsbergwasser im Gegenteil alle Verbraucher zum sparsamen Umgang mit Wasser aufrufen.

Auf Nachfrage unserer Zeitung erklärt ein Sprecher der Schutzgemeinschaft Vogelsberg, dass das Grundwasser in der Region stark sinke. Wie auch im Burgwald und im Ried werde das hiesige Grundwasser bis an die ökologische Schmerzgrenze für das Rhein-Main-Gebiet gefördert. Frankfurt könne zur Bewässerung der Grünflächen ebenso gut Wasser aus dem Main oder der Nidda beziehen, statt kostbares Trinkwasser dafür einzusetzen. Sollte der Winter nicht niederschlagsreich werden, befürchte man, dass das Grundwasserdefizit auch im kommenden Jahr noch bestehe.

150 Liter Wasser pro Baum wöchentlich

Dessen unbeachtet empfiehlt Frankfurts Umweltdezernentin den Bürgern die Bäume in der Stadt lieber einmal in der Woche richtig durchdringend zu wässern statt als täglich mit einer Kanne. „Ein junger Baum kann gut und gerne 150 Liter Wasser vertragen, also etwa 15 Putzeimer oder Gießkannen“, sagt Heilig. Das entspreche Kosten von 50 Cent, rechnet sie vor. Anders gerechnet: Für die 200.000 Frankfurter Bäume würden demnach in der Woche 30 Millionen Liter Wasser benötigt – Trinkwasser. Eine Tatsache, die Ulrichsteins Bürgermeister Edwin Schneider (parteilos), „die Zornesröte ins Gesicht treibt“, wie er in einem wütenden Brief an das Frankfurter Umweltdezernat schreibt. Schneider wirft der Stadt Verschwendung wertvollen Trinkwassers vor. Seine Kommune, Hessens höchst gelegene, müsse gleichzeitig seit Ende Juni täglich vier bis fünf Fuhren Trinkwasser mit Tankwagen heranschaffen, was finanziell aufwendig sei. Während die Bürger Ulrichsteins angehalten sind, keine Gärten zu wässern oder Autos zu waschen, ruft die Stadt Frankfurt zur Bewässerung von städtischem Grün auf. All das zum Anlass hat auch Cécile Hahn, Vorsitzende der Schutzgemeinschaft Vogelsberg, einen Brief an Rosemarie Heilig geschrieben, der bis heute unbeantwortet blieb (siehe unten: "Den Aufruf widerrufen").

Den Aufruf widerrufen

Der Brief im Wortlaut:

Sehr geehrte Frau Heilig,

wir bitten Sie, den Aufruf der Stadt Frankfurt, Anwohner sollten in der aktuellen Trockenphase das Stadtgrün in ihren Straßen selbsttätig bewässern, umgehend zu widerrufen. Der Aufruf verleitet die Bevölkerung zur Trinkwasserverschwendung und konterkariert ihre Verpflichtung zur sparsamen Verwendung des aus dem Umland bezogenen Wassers sowie die erst kürzlich vom Umweltministerium veröffentlichten Kernthesen des Leitbildes für ein Integriertes Wassermanagement Rhein-Main. Zudem erhöht Frankfurt durch solche Bewässerungsaktionen die für die Trinkwasserversorgung kritischen, hohen Tagesverbrauchsmengen bzw. Spitzenlasten, die es auch laut Mainova und Hessenwasser dringend zu reduzieren gilt. Wie Sie wissen wurde im Sommer 2015 und 2016 durch hohe Verbrauchsspitzen tageweise die Grenze der Versorgungskapazität erreicht. Da Frankfurt außerdem schon seit etlichen Jahren angibt, für die Bewässerung seines städtischen Grüns kein Trinkwasser zu verwenden, macht sich die Stadt gegenüber den Wasserliefergebieten mit solchen Aktionen völlig unglaubwürdig. Angesichts der extremen Trockenheit, deren Ende nicht abzusehen ist, bitten wir Sie und ihre verantwortlichen Kollegen der Wasserversorgung ferner, die Einwohnerschaft Frankfurts zum sparsamen Umgang mit Wasser aufzurufen und als Stadt mit gutem Beispiel voranzugehen. Im Vogelsberg als einem wichtigen Wasserlieferanten für Rhein-Main herrscht zunehmend Wassermangel in den Gewässern und fallen die Grundwasserstände. Ob und wann diese wieder durch eine Grundwasserneubildung stabilisiert werden können, ist völlig ungewiss. Frankfurt als Hauptverbraucher von Vogelsbergwasser muss folglich vorausschauend seinen aktuellen Wasserbedarf drosseln.

Zum Dritten ersuchen wir Sie uns die Maßnahmenpläne der Stadt Frankfurt, die für den Fall einer weiter zunehmenden Wasserknappheit Verbrauchsbeschränkungen vorsehen, zu übersenden, oder uns einen Link zuzusenden, unter dem wir sie einsehen können. Obwohl für Südhessen noch kein Wassernotstand angeordnet wurde, interessieren uns Ihre Vorsorgeplanungen für den Fall eines solchen sehr. In manchen Kommunen des Taunus sind Verbrauchsbeschränkungen bereits jetzt erforderlich. Sehr geehrte Frau Heilig, bekanntlich nimmt besonders in Trockenzeiten die Konkurrenz ums Grundwasser zwischen der Wasserversorgung Rhein-Main und der Natur in den Gewinnungsgebieten sprunghaft zu. Durch die aktuelle Trockenphase, die sich durchaus bis 2019 und darüber hinaus negativ auf die Grundwasserstände in Vogelsberg, Burgwald und Ried auswirken kann, besteht die Gefahr, dass ohne ein signifikantes Reduzieren der Gewinnungsmengen ein erneuter und unerfreulicher Streit ums Wasser ausbrechen kann. Dies gilt es u.E. zu verhindern. Frankfurt sollte als Hauptverursacher der Fernwassergewinnung daher schon jetzt unbedingt dazu beitragen, diesen Konflikt zu entschärfen. Wir sehen Sie als Umweltdezernentin mit einem hohen ökologischen Anspruch dabei besonders in der Pflicht. Green City Frankfurt kann und darf nicht auf Kosten der Natur des Umlandes seine Wasserversorgung und sein Stadtgrün sicherstellen.

Mit freundlichen Grüßen,

Cécile Hahn

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