Waffen, Sprengstoff, Drogen: Prozess gegen Alsfelder vor dem Landgericht Gießen hat begonnen

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Ein Alsfelder muss sich seit Beginn dieser Woche vor dem Landgericht Gießen unter anderem wegen des Verdachts des illegalen Handels mit Betäubungsmitteln verantworten. Die Sicherheitsvorkehrungen sind enorm.

Ende März dieses Jahres durchsuchten dutzende Polizisten – darunter Sprengstoffexperten vom Hessischen Landeskriminalamt – zwei Tage lang das Anwesen des 49-jährigen Alsfelders im Ortsteil Schwabenrod.

Gießen/Alsfeld. Die Polizei stellte dabei Unmengen an Waffen, Feuerwerkskörpern, Betäubungsmitteln sowie Utensilien, die zum Verkauf von Rauschgift gebraucht werden, sicher. Seit Anfang dieser Woche muss sich der Alsfelder wegen des Verdachts des illegalen Handels mit Betäubungsmitteln sowie wegen möglicher Verstöße gegen das Waffen-, Kriegswaffenkontroll- und Sprengstoffgesetz verantworten.

Die Sicherheitsvorkehrungen am Landgericht Gießen sind an diesem Mittwoch enorm. Das Aufgebot der Polizei ist überdurchschnittlich groß. Gleich zwei Mal werden Besucher auf ihrem Weg zum großen Saal 207 kontrolliert und abgetastet. Vor dem abgetrennten Besucherbereich nehmen Justizbeamte Handys, Schlüssel, Getränke ab. Erst dann dürfen die Besucher hinter der Plexiglasscheibe im Saal Platz nehmen. Wieso dieser Aufwand?

Wird der Angeklagte bedroht?

Der Beschuldigte wurde im März dieses Jahres in München festgenommen. Seine Verlobte rief damals die Polizei, nachdem der 49-Jährige im Drogenrausch eskaliert sein soll. Die Münchner Polizei veranlasste daraufhin die Durchsuchung des Grundstücks in Schwabenrod, wo der Angeklagte mit seinen Eltern wohnte. Im Zuge dessen stellten die Polizisten dort so viele Waffen, Munition, Sprengstoff und Betäubungsmittel sicher, dass Staatsanwältin Mareen Fischer zu Prozessbeginn am Montag eine rekordverdächtig lange Anklageschrift verlas. In insgesamt 22 Fällen soll der Angeklagte illegal mit Betäubungsmitteln gehandelt sowie gegen das Waffen-, Sprengstoff- und Kriegswaffenkontrollgesetz verstoßen haben. So werde auch ein Verstoß gegen Paragraf 30a des Betäubungsmittelgesetzes geprüft, der da besagt: „Mit Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren wird bestraft, wer Betäubungsmittel in nicht geringer Menge unerlaubt anbaut, herstellt, mit ihnen Handel treibt, sie ein- oder ausführt und dabei als Mitglied einer Bande handelt [...]“.
Die Fragen, mit denen sich die 9. Strafkammer am Landgericht Gießen an den insgesamt fünf angesetzten Prozesstagen also auseinandersetzen muss: Handelte der Angeklagte als Bandenmitglied mit Drogen oder leistete er Beihilfe? Handelte er überhaupt mit Drogen oder diente sein Grundstück nur als Lager?

Als am Mittwochmorgen um 9.30 Uhr der zweite Zeuge des Tages den Saal betritt – mit Fußfesseln und Handschellen fixiert – wird im Besucherraum applaudiert. Eine wuchtige Gestalt, die da geladen ist; bis zum Hals tätowiert, begleitet von Beamten der Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit. Der Zeuge sitzt derzeit selbst in Untersuchungshaft in Kassel. Dem Vorsitzenden Richter Dr. Klaus Bergmann entgegnet er: „Ich sage nichts“, da hat er kaum Platz im Zeugenstand genommen. Den Richter interessierte, ob der Zeuge den Angeklagten kenne, ihm Drogen verkauft oder Drogen bei ihm gelagert habe. Doch so schnell wie er gekommen war, so schnell wird er auch wieder aus dem Zeugenstand entlassen. Der Zeuge schwieg erwartungsgemäß.
Der Angeklagte sitzt unterdessen auffallend unauffällig und in sich zusammengesunken auf der Anklagebank. Selten geht sein Blick in den Besucherbereich oder den Zeugenstand. Auf Fragen des Richters antwortet er zögerlich, mit leiser Stimme und knappen Sätzen. Er macht einen verunsicherten Eindruck. Seitdem er in Untersuchungshaft sitzt, soll er nach eigenen Angaben massiv Drohungen ausgesetzt sein.
Einem Bericht der Alsfelder Allgemeinen nach soll der Beschuldigte am Montag ausgesagt haben, er habe im März Kokain in München verkaufen wollen, dass er von einem „Bosnier aus dem Hells-Angels-Milieu“ gehabt haben soll. Dieser habe ihm jede Menge Kokain zur Aufbewahrung überlassen mit der Erlaubnis, selbst davon zu konsumieren. Von dem Angebot habe er nach eigener Angabe viel Gebrauch gemacht. Dazu passt auch die Aussage der Verlobten des Angeklagten, die am Mittwoch als Zeugin geladen ist. Sie gibt an, im Frühjahr dieses Jahres gleich mehrere Heiratsanträge des Beschuldigten bekommen zu haben – innerhalb weniger Monate.

Vom Großfeuerwerk bis zum TNT und der Panzerfaust

Die mehrtägige Untersuchung des Anwesens des Beschuldigten in Schwabenrod beschäftigte viele Einsatzkräfte der Polizei - darunter Sprengstoffexperten des LKA.

Am Nachmittag des zweiten Prozesstages stellen zudem zwei Sachverständige ihr Waffen- und Sprengstoffgutachten vor. Demnach soll der Angeklagte über 100 Kilogramm an Pyrotechnik gehortet haben – vom erlaubnisfreien Kleinfeuerwerk bis zum Großfeuerwerk, das nur ausgebildete Pyrotechniker besitzen und anwenden dürfen. Darüber hinaus fanden die Sprengstoffexperten des Hessischen Landeskriminalamtes bei der Durchsuchung des Grundstücks über 16 Kilogramm an Sprengstoff ohne Kennzeichnung, das ebenfalls in die höchste Gefahrenklasse eingestuft wird, zwei TNT-Sprengkörper, mit denen sich nach Einschätzung des Gutachters jeweils ein komplettes Auto zerstören ließe, Munitionskisten sämtlicher Art, viele davon aus dem Zweiten Weltkrieg, sowie Munition für etliche Waffen. Auch Rauch-Handgranaten und eine Panzerfaust aus dem Zweiten Weltkrieg soll sich auf dem Anwesen befunden haben.
Insgesamt habe die Sicherstellung einen enormen Aufwand dargestellt: Vor Ort sei Munition geröntgt worden, die Tore der Maschinenhalle habe man aus Sicherheitsgründen mit langen Leinen öffnen müssen, man habe nach möglichen Sprengfallen Ausschau halten müssen. Die Auswertung im Labor sei ebenso aufwendig. Allein das Fotomaterial der verschiedenen Munitionen umfasst im Gutachten 54 Seiten.
Der Prozess wird fortgesetzt. Mit dem Urteil wird am 19. Dezember gerechnet.

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