Wenn Bäume die Biege machen: Unser Wald steht vor einem Wandel

+

Weniger Niederschlag insgesamt, mehr Starkregenereignisse im einzelnen. Weniger Schnee im Winter, mehr heiße Tage im Sommer. Wasserstress für die Bäume, dazu Stürme und Borkenkäfer. Der Heimatwald leidet und kämpft ohne Aussicht auf Besserung.

Region. „Wir haben das dritte Problemjahr in Folge“, sagt Hans-Jürgen Rupp, Forstamtleiter in Romrod im Gespräch mit dieser Zeitung. Die Schäden sind längst offensichtlich: Aus der Ferne betrachtet sind die Wälder durchzogen von großflächigen braunen Flecken – es sind abgestorbene Fichten. Aus der Nähe lassen sich an den toten Bäumen die Muster des Buchdruckers, des in unserer Region am stärksten vorkommenden Borkenkäfers, erkennen. „Eine solche Situation hat noch kein Förster erlebt“, sagte Rupp bereits im Frühjahr. Seine Einschätzung hat sich ein halbes Jahr später nicht geändert. Den Wald, wie man ihn in diesen Breitengraden kennt, wird es in Zukunft nicht mehr geben. Er wird sich wandeln. Die Förster in Deutschland stehen vor einer enormen Herausforderung. Dabei könnten die Voraussetzungen kaum schlechter sein.

Leider ein gewohntes Bild in unseren hiesigen Wäldern: vom Borkenkäfer befallene und tote Fichten.

Borkenkäfer, ausbleibender Niederschlag, heiße Sommer, zu warme Winter – und all das in drei aufeinanderfolgenden Jahren. Dem Wald setzt der anhaltende Wassermangel enorm zu – er leidet unter „Wasserstress“. Die Folge: Die Bäume verlieren an Robustheit, sind anfälliger für Schädlinge. Besonders betroffen davon sind die Fichten. Die Bäume können aufgrund des Wassermangels nicht genügend Harz produzieren, um sich die Schädlinge vom Leib zu halten. Sorgen macht den Forstämtern in erster Linie der Borkenkäfer, der sich in den vergangenen Jahren explosionsartig vermehren konnte. Am gefährlichsten ist für die hiesigen Wäldern der sogenannte Buchdrucker, eine Unterart des Borkenkäfers. Er bohrt sich durch die Rinde des geschwächten Baumes und siedelt sich zwischen dem Holz und der Rinde an – in der Bastschicht, wo der Baum sonst Wasser nach oben fördert. Die Leitungsbahnen werden zerstört. Der Baum stirbt infolgedessen ab.
„In den vergangenen Jahren gab es aufgrund der optimalen Bedingungen für den Borkenkäfer jeweils drei Generationen. Normal wären zwei“, sagt Rupp. Bis zu 100.000 Nachkommen produziert ein einziges Buchdrucker-Weibchen. Nach vier bis sechs Wochen sind diese dann flugfähig und besiedeln die benachbarten Fichten. Das wurde ihnen in den vergangenen Jahren zum Verhängnis. „70 Prozent unserer Fichten haben wir im Kampf gegen den Borkenkäfer aufgeben“, so Rupp. Dort seien die Schäden irreparabel. Man werde in diesen Abschnitten lediglich die Verkehrssicherung und den Nachbarschaftsschutz gewährleisten können. Eine weitere Folge: Fichten werden nicht mehr neu gepflanzt. Die Fichte werde in Zukunft keine Chance unter diesen klimatischen Bedingungen haben. Schon jetzt habe man rund 40 Prozent der Fichten verloren. Deswegen werden Alternativen gesucht.

Doch ist nicht nur die Fichte gefährdet. Auch die weitverbreitete Buche hat unter der Trockenheit stark gelitten. Schon Ende Februar habe man so viele Festmeter an totem Buchenholz verzeichnet, was sonst in einem ganzen Jahr geschlagen werde. „Bäume, die über einhundert Jahre alt sind, sowie junge werden kahl und sterben ab“, beschreibt Rupp die Situation im Wald. Man sei im Krisenmodus. Längst geht es nur noch um den Erhalt des Waldes: „Unser Ziel ist der Erhalt des Ökosystems Wald. Es geht um Sanierung und Walderneuerung. Die Nachhaltigkeit steht im Vordergrund, das wirtschaftliche Arbeiten derzeit im Hintergrund“, sagt auch der stellvertretende Leiter des Forstamtes Wolfgang Lorenz.

Was also in Zukunft unternehmen, um langfristig zu gesunden Wäldern zurückkommen zu können? Eine Frage, mit der sich Rupp und seine Forstamtkollegen seit einiger Zeit intensiv beschäftigen. Sie sind sich einig: „Den Wald, wie wir ihn kennen, wird es in Zukunft nicht mehr geben. Der Wald muss und wird sich wandeln.“ Bedeutet, dass andere Baumarten in den heimischen Wäldern gepflanzt werden. Die Fichte, mit einem hohen Durchschnittserlös stets der „Brotbaum“ der Forstämter, werde hier keine Zukunft mehr haben. Die ökologische aber auch deutlich teurere Wahl wäre die Eiche. Auch die Douglasie, die Weißtanne, die Kiefer oder Edellaubhölzer wie Ahorn könnten Alternativen darstellen.

Hans-Jürgen Rupp, Forstamtleiter in Romrod, sagt: "Den Wald, wie wir ihn kennen, wird es in Zukunft so nicht mehr geben."


„Aktuell laufen deutschlandweit Versuche, welche Baumarten auf welchen Böden, in welchen Höhen und unter den welchen klimatischen Bedingungen wachsen“, sagt Rupp. Man müsse Erfahrungen sammeln. Allein im Forstamt Romrod stehen dafür 300 bis 400 Hektar Waldfläche frei. Die Wiederbewaldung im kommenden Frühjahr wird eine andere, wie sie die Förster kennen. „Wir werden 270.000 Pflanzen im Frühjahr ausbringen, dabei werden wir bis zu zwölf unterschiedliche heimische Arten pflanzen“, sagt Rupp. Zwar gebe es Platz für noch mehr neue Bäume. Doch müssen die neuen Flächen fünf bis sechs Jahre intensiv gepflegt und kontrolliert werden. „Mehr ist von unseren 50 Mitarbeitern im Forstamt Romrod nicht zu stemmen“, sagt der Forstamtleiter, der den massiven Personalabbau seiner Behörde bemängelt. Seit 2005 sei die Mitarbeiterzahl in seinem Forstamt mehr als halbiert worden. „Es gibt keine andere Verwaltung, die so massiv abgebaut wurde wie die Forstverwaltung“, so Rupp. Der Personalmangel sei gravierend.

Nichtsdestotrotz wolle man weiterhin eine „saubere Forstwirtschaft betreiben“. Dieses Jahr habe das gut geklappt. Obwohl man im Frühjahr wegen der starken Winde überwiegend mit der Verkehrssicherung beschäftigt gewesen sei, habe man im Laufe des Jahres den Wald weitestgehend von Windwurfholz befreien können. Den Borkenkäfer habe man wie im vergangenen Jahr mit dem letzten Mittel – einem Insektizid – bekämpfen müssen. Wenn sich die Kronen im Herbst lichten, werden die Buchen geschlagen – in diesem Jahr lediglich geschädigte. Dann ruht der Wald über die Wintermonate. Bis zum Frühjahr: Dann werden die ersten neuen Baumarten gepflanzt. Es ist der Beginn eines langen Prozesses – dem Wandel des Heimatwaldes.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

Über 70 Fahrzeuge in Gießen beschädigt: "Solidarische autonome Kleingruppe" bekennt sich

Mindestens 70 Autos wurden von bislang unbekannten Tätern mit einem "X" in roter Farbe versehen. Eine nach eigenem Bekunden "solidarische autonome Kleingruppe" bekannte …
Über 70 Fahrzeuge in Gießen beschädigt: "Solidarische autonome Kleingruppe" bekennt sich

Presseseminar für Laien

Die Zeitungen sind voll mit Nachrichten – Portraits, informellen News, gesellschaftlichen Ereignissen, Vorankündigungen, Nachberichte, Kommentaren und vielem mehr. Doch …
Presseseminar für Laien

Neue Motive für den Ohmtaler gesucht

Der Ohmtaler in Homberg ist eine Erfolgsgeschichte. Seit bereits vier Jahren ist die stadteigene Währung im Umlauf – mit einer jährlichen Auflage von etwa 15.000 …
Neue Motive für den Ohmtaler gesucht

Leserfoto: Ein Tümpel voller Leben

Naturfotograf Walter Märkel hat in der vergangenen Woche farbenfrohe Nahaufnahmen von Fröschen, Eisvögeln und Libellen schießen können.
Leserfoto: Ein Tümpel voller Leben

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.