Wenn der Pfiff ausbleibt: Schiri-Schwund und Gewalt auf dem Feld

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Als Kreisschiedsrichterobmann ist Thorsten Eick dafür zuständig, sämtliche Spiele im Kreis mit Schiedsrichtern zu besetzen. Das wird immer schwieriger. Denn ihm gehen die Schiris aus.

Mit 37 Jahren geht Kreisschiedsrichterobmann Thorsten Eick bereits in sein 20. Jahr als Spielleiter. Meist pfeift er Spiele der Hessenliga. Doch hilft er auch immer wieder in unteren Ligen aus. Denn von einst über 100 Schiedsrichtern im Kreis sind heute nur noch 75 übrig geblieben. Ein Problem.

Vogelsberg. Fußball-Schiedsrichter können kostenlos Bundesliga- oder DFB-Pokalspiele besuchen – hin und wieder auch Champions League-Spiele. In den unteren Ligen sind die Schiedsrichter die einzigen Personen auf dem Feld, die bezahlt werden. Sie sind viel unterwegs, treiben Sport, treten mit vielen Menschen in Kontakt und sind bei ihrer Lieblingssportart mittendrin statt nur dabei. Das Schiedsrichter-Dasein – es ist nicht das schlechteste. Und doch gibt es immer weniger Unparteiische. Ein Problem – auch im Vogelsberg.

Ein hausgemachtes Problem der Vereine

Der hiesige Kreisschiedsrichterobmann Thorsten Eick pfeift seit mittlerweile 20 Jahren. Mittlerweile leitet der Alsfelder überwiegend Hessenspiele. Doch immer wieder hilft er auch in unteren Ligen aus. „Wir hatten in der Vergangenheit über 100 Schiedsrichter im Kreis zur Verfügung. Jetzt sind es nur noch etwa 75“, sagt Eick im Gespräch mit dieser Zeitung. Bisher habe er es mit seinem Team meistens geschafft alle Spiele im Kreis mit Schiedsrichtern zu besetzen. Doch im Herbst vergangenen Jahres habe man das ein oder andere Spiel verschieben müssen. „Wenn kein Schiedsrichter kommen kann oder er kurzfristig ausfällt, haben die Vereine die Möglichkeit einen Ersatz zu finden“, erklärt Eick. Meist finde sich kein Ersatz, der einen Schiedsrichter-Schein besitzt. Denn Schiedsrichter sind rar gesät.

Es ist ein hausgemachtes Problem der Vereine: Laut DFB-Statuten sind die Vereine dazu verpflichtet, eine gewisse Anzahl an Schiedsrichter ausbilden zu lassen und zur Verfügung zu stellen. „Doch viele Vereine nehmen lieber die Geldstrafen auf sich. In Ausnahmefällen bekommt die Mannschaft Punktabzüge“, so Eick, der für Alsfeld-Eifa pfeift. Ein spezielles Schiedsrichter-Problem sieht Eick allerdings nicht: „Es ist ein Vereins- wenn nicht sogar ein Gesellschaftsproblem. Denn immer weniger Menschen engagieren sich in Vereinen und übernehmen Verantwortung.“ Der Schiedsrichter-Mangel sei ein Ergebnis des Mitglieder-Schwundes der Vereine. „Man muss sich doch nur mal vor Augen halten, wie viele Spielvereinigungen sich in den letzten Jahren bilden mussten, weil die einzelnen Vereine gar keine Mannschaften mehr auf den Platz stellen konnten“, so Eick.

Ein Blick auf die Homepage des Hessischen Fußball Verbandes zeigt, wie gering das Interesse an Neulingslehrgängen für angehende Schiedsrichter ist. Bei jedem der angebotenen Kurse sind noch mindestens 20 Plätze frei. Seit 2016 kann der Vogelsbergkreis keine eigenen Neulingslehrgänge mehr anbieten. „Bei dem Lehrgang, der jetzt gestartet ist, ist genau ein Neuling aus unserem Kreis dabei“, sagt auch Eick. Die Situation sei angespannt, der Altersdurchschnitt steige stetig, im ländlichen Raum komme zusätzlich eine hohe Fluktuation dazu.
Um zu verhindern, dass in Zukunft der Pfiff bei den Fußballspielen ausbleibt, versuchen Eick und die sieben Ausschussmitglieder, junge Menschen für die Tätigkeit zu begeistern. „Wir haben zum Beispiel einen Tag des Schiedsrichters ins Leben gerufen, schaffen eine familiäre Atmosphäre, gehen individuell auf die Wünsche der einzelnen ein und begleiten neue Schiris bei ihren ersten Spielen“, sagt Eick. Zudem gehe man auch aktiv in die Vereine und werbe für das Amt des Schiedsrichters.

Gewalt gegen Schiedsrichter ist die absolute Ausnahme

Ein Blick zurück auf den 27. Oktober vergangenen Jahres: In der Fußball-Kreisliga C Dieburg spielt der FSV Münster gegen den TV Semd. In der 85. Minute und bei einem Stand von 0:2 schlägt ein Spieler des FSV dem Schiedsrichter mit voller Wucht die Faust ins Gesicht, nachdem dieser ihm die rote Karte zeigte. Der Spielleiter ging zu Boden und war mehrere Minuten bewusstlos, während der Schläger, ohne sich um sein Opfer zu kümmern, vom Platz gelaufen ist. Der Schiedsrichter musste mit einem Rettungshubschrauber abtransportiert werden. Die ganze Aktion auf dem Spielfeld des FSV Münster ist auf der Videoaufzeichnung eines Zuschauers zu sehen.

Die brutale Prügelattacke sorgte bundesweit für Schlagzeilen. Seither ist das Thema Gewalt gegen Schiedsrichter dauerhaft präsent. Nach einem erneuten Vorfall in Hessen hielt das Thema schließlich sogar Einzug in den Landtag. Zuvor hatte sich der Hessische Fußball-Verband (HFV) in einem offenen Brief an die Vereine gewendet und zur Mithilfe aufgefordert: „Wir appellieren an alle Vereine, sich bewusst zu machen, dass wir in eine zunehmend dramatischere Situation kommen und immer weniger Sportfreunde zukünftig bereit sein werden, sich als Schiedsrichter zur Verfügung zu stellen. Lassen Sie es nicht soweit kommen und setzen Sie gegen Spieler und Mitglieder, die sich nicht an Spielregeln und einen faireren Umgang halten, ein deutliches Zeichen!“

Eicks Kollege aus dem Schwalm-Eder-Kreis, Kreisschiedsrichterobmann Volker Römer, stellt gegenüber unserer Zeitung aber klar: „Uns gehen die Schiedsrichter nicht wegen Angst vor Gewalt aus, sondern aus beruflichen Gründen.“ Römer schätzt die Situation in seinem Kreis längst nicht so dramatisch ein wie seine Kollegen in Ballungsräumen. „Man darf nicht immer nur das Negative sehen. Bei uns kommt es selten zu Ausschreitungen. Vor einem Vierteljahr hatten wir mal einen Fall. In der Regel laufen die Spiele aber sehr vernünftig ab“, so Römer.

Ähnlich bewertet Eick die Situation im Vogelsbergkreis: „Der letzte Vorfall im Kreis war bei dem Spiel Hattendorf gegen Schwalmtal vor einigen Jahren – die Sache kam vor das Gericht“, sagt Eick. Es sei die absolute Ausnahme, dass Schiedsrichter körperlich attackiert würden. Der Familienvater räumt jedoch ein, dass er schon feststelle, dass Zuschauer und Außenstehende zunehmend in das Spielgeschehen eingreifen wollten und den Schiedsrichter verbal angingen. Dann gelte: „Einen kühlen Kopf bewahren“.
Persönlich nehme er dieses Reinrufen gar nicht so wahr. Andere Kollegen hätten damit größere Probleme. Er rät den Spielleitern: „Man darf keine Nebenschauplätze entstehen lassen, auf die Leute zugehen und mit Respekt und klaren Worten kommunizieren.“ Auch den Spielern könne man kritische Entscheidungen erklären. Ausschlaggebend für das gesamte Spiel sei das Auftreten des Schiedsrichters bereits vor dem Spiel und in den ersten zehn Minuten. Man müsse selbstbewusst auftreten.

Eick, der hauptberuflich bei der Polizeistation in Alsfeld arbeitet, habe selbst noch keine Angst auf dem Platz verspürt. Er könne auch nicht bestätigen, dass Gewalt gegen Schiedsrichter zugenommen hat. Denn dafür fehle ihm schlichtweg eine statistische Grundlage. Fakt sei, dass Vorfälle öffentlicher werden und für das Thema sensibilisiert werde.
Für ihn aber überwiegen ganz klar die schönen Seiten des Schiedsrichter-Daseins. Er ist sich sicher: Nur ein Schiedsrichter, der Spaß an der Sache hat, kann ein guter Schiedsrichter sein. Wer Interesse an einem Schiedsrichter-Lehrgang hat, kann sich beim Hessischen Fußballverband unter www.hfv-online.de über die Angebote informieren.

Interview mit Lizenztrainer Jörg Heß: Er ruft zu sportlich-fairem Umgang auf

Die Schiedsrichtervereinigungen sehen im Umgang mit ihren Schiris auch die Vereine in der Pflicht. Einer, der seit Jahren zum sportlich-fairen Umgang untereinander auffordert, ist Jörg Heß. Unserer Zeitung gegenüber äußerte sich der Lizenz-Trainer zum Thema.

Nehmen Sie eine Veränderung im Umgang mit Schiedsrichtern wahr?
Ja. Das ist schon der Fall. Meines Erachtens wird am Rande eines Spiels immer häufiger versucht, Einfluss auf den Schiedsrichter und dessen Entscheidungen zu nehmen.


Am Rande eines Spiels? Also sprechen Sie von Zuschauern?
Von Zuschauern, aber auch von Trainern und Betreuern. Da müssen wir uns selbst auch in die Pflicht nehmen und uns kritisch hinterfragen.


Wer Sie kennt, der weiß, dass Sie ein emotionaler Trainer sind. Sie verlangen größtmöglichen Einsatz von Ihren Spielern. Kann man sich als Trainer während eines Spiels und voller Adrenalin überhaupt kritisch hinterfragen?
Emotionen gehören zum Sport. Und natürlich auch der Wille zweier Mannschaften, zu gewinnen. Aber das steht doch überhaupt nicht im Gegensatz zu einem sportlich-fairen Wettkampf. Für Spiele gibt es Regeln. Und die müssen eingehalten werden. Wer das beherzigt, muss sich am Ende gar nicht kritisch hinterfragen.

Das heißt, Sie machen Ihrem Unmut über Schiri-Entscheidungen nie Luft?
Doch. Das kommt natürlich vor. Aber wir dürfen grundsätzlich nie vergessen, dass der Schiri ebenso zum Spiel gehört, wie die kontrahierenden Mannschaften. Und wenn wir mal ehrlich sind, machen wir doch selbst viele Fehler im Spiel. Dann müssen wir auch dem Schiri Fehler zugestehen. Und überhaupt: Unmut kann man auch auf vernünftige Weise äußern.


Und das erklären Sie auch Ihren Spielern so? 
Natürlich. Ein Bestandteil meiner Arbeit bezieht sich immer auch auf die Frustrationstoleranz.

 
Wie muss man sich das vorstellen?
Im Trainingsbetrieb kann ein Trainer beispielsweise gezielt eine Entscheidung treffen, die die Spieler vor Herausforderungen stellt oder die sie in diesem Moment schlichtweg als falsch erachten. Ihre spontane Reaktion auf eine plötzliche, unvorhergesehene Umstellung kann dann im Nachgang besprochen werden. Und ansonsten gilt eine einfache Regel: Gehe als Trainer mit gutem Beispiel voran. Dann werden Dir die Spieler folgen.


Wie kann erreicht werden, dass mehr Leute so denken? 
Wie viel Fingerspitzengefühl ein Unparteiischer aufbringen muss, erfährt im Grunde jeder Trainer auf dem Weg zur Lizenz. Denn dabei muss er oder sie auch einen Schiedsrichter-Schein erlangen. Das macht viel Sinn, weil es das Verständnis für die Aufgabe und Rolle des Schiedsrichters schärft. Auf Frustrationstoleranz der Spieler sind wir schon eingegangen. Und was die Zuschauer und das Umfeld angeht: Jeder der etwas Unsportliches mitbekommt, kann auf denjenigen zugehen und ihn darauf hinweisen, dass wir einen sportlich-fairen Wettkampf wollen.

Zur Person

Jörg Heß ist 53 Jahre alt und in der Justizvollzugsanstalt Hünfeld tätig. Als Trainer führte er den VfB Schrecksbach in die Gruppenliga, coachte den 1. FC Schwalmstadt, den TSV Wiera und die SG WeWaLeCa. Zuletzt war Hess für den SV Rot Weiß Burghaun tätig. Heß wohnt in Immichenhain. Aktuell ist der Inhaber der Trainer B-Lizenz und der Elite-Jugend-Lizenz vereinslos.

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