„Wir sind keine Zigeuner“: Sinto Strauß über Familiengeschichte

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Waldemar Strauß und Sohn Marko Strauß präsentieren Werke zur NS-Verfolgung der Familie.

Dass zur Zeit des Nationalsozialismus Millionen Juden ermordet wurden, ist weithin bekannt. Doch dass die Nazis Sinti und Roma in dieser Zeit fast ausgerottet haben, wird häufig vergessen.

Deshalb findet jedes Jahr am 19. Dezember der Gedenktag für die Opfer des Völkermordes an den Sinti und Roma statt. Oft wird die Bevölkerungsgruppe „Zigeuner“ genannt, doch das hört Sinto Waldemar Strauß aus Oberaula nicht gerne. „Das Wort bedeutet ziehender Gauner“, erklärt er, und damit könne er sich nun wirklich nicht identifizieren, „ich bin ein Sinto.“ Die Bezeichnung Sinti leite sich aus einer Region in Indien ab, wo sich die Kultur lange aufgehalten hat.

In Westeuropa finden sich fast ausschließlich Sinti-Familien, die normalerweise sesshaft geworden sind. Roma hingegen sind im osteuropäischen Raum beheimatet und meist noch als fahrendes Volk unterwegs. Strauß ist für Alsfeld Aktuell spontan für ein Interview bereit und gibt vertrauensvoll Einblicke in seine Familiengeschichte, die geprägt ist von Verfolgung und Ermordung.

Gut aufgehoben fühlt sich der Familienvater in dem kleinen Ortsteil Hausen, geschätzt von seinen Nachbarn und anerkannt als vielseitig ehrenamtlich Engagierter für die Belange der Sinti und Roma in Hessen und den Bedürftigen in Rumänien. Dorthin organisiere er Hilfslieferungen, denn dort seien die Roma diskriminiert. Die Rumänen würden sich weigern, Roma-Kinder in den Schulen zu unterrichten. Das würde die Not der Familien dauerhaft besiegeln. Ohne Strom und fließend Wasser lebten sie unter ärmlichsten Bedingungen.

Auf Familie Strauß wartete Auschwitz

Dass die Sinti und Roma hierzulande massiv unter den Nationalsozialisten gelitten haben, ist vielen nicht bekannt. Der Gedenktag soll dies in Erinnerung bringen. Ausgrenzung und Verfolgung hat indes eine viel längere Tradition. Auch Familie Strauß machte schlimme Erfahrungen: „Mein Onkel Adam Strauß hat im zweiten Weltkrieg an der Front mitgekämpft“, erzählt Waldemar Strauß. Der Onkel habe sich freiwillig an die Front gemeldet. Denn die Familie Strauß fühle sich deutsch, der Einsatz fürs Vaterland für Onkel Adam selbstverständlich, wie für viele junge Männer in dieser Zeit auch.

„Wir sind seit 600 Jahren in Deutschland. Deutscher wie wir geht es gar nicht mehr“, stellt Waldemar Strauß fest. Als bekannt wurde, dass der Onkel ein Sinto sei, wurde er verhaftet und zwangssterilisiert. Er kam nach Auschwitz wie die gesamte Familie Strauß. Die Großeltern von Waldemar Strauß, Onkel und Tanten ermordeten die Nazis dort. Als sein Vater Heinz dessen Vater – Waldemars im Konzentrationslager traf, erkannte er seinen eigenen „Pappo“ nicht mehr. Denn dieser war nur noch Haut und Knochen, allein an seinen Händen erkannte ihn der Sohn. Wenige Tage später wurde der Senior ermordet.

Noch heute erleben Sinti Ausgrenzung

Auch heute noch erlebt Familie Strauß vielfach Ausgrenzung bei Menschen, die nocht nicht mit der Familie bekannt seien. Eine Wohnung zu finden, sei dann unmöglich. „Wir sind ehrliche Bürger, und ich zahle immer meine Steuern“, versichert der gastfreundliche Gebäudereiniger. Stolz ist er auf die Verfilmung der Geschichte seines Vaters mit „Pappo, der Schausteller“ und der Auszeichnung der Universitätsstadt Marburg mit der Goldenen Ehrennadel, mit der das Engagement des Vaters gewürdigt wurde.

Heute ist die ganze Familie Strauß aktiv in der Aufklärungsarbeit und hält Vorträge in der gesamten Region. Waldemars Sohn Marko Strauß wünscht sich, dass Sinti weniger Vorurteile entgegengebracht würden und hofft auf ein gutes Miteinander in einem Land, das auch sein Land ist.

Hintergründe

Insgesamt seien 90 Prozent der Sinti und Roma in Deutschland deportiert worden, 70 Prozent seien ermordet worden, so Dr. Udo Engbring-Romang, Verband Deutscher Sinti und Roma, Hessen. Trotzdem wurde bis 1982 die Anerkennung als Verfolgte verwehrt. Heute lebten etwa 25.000 Sinti in Deutschland. Während des Nationalsozialismus seien im Vogelsbergkreis wenige „Zigeuner“ deportiert worden, denn diese seien schon 1929 gezielt ausgewiesen worden. Auch in der Nachkriegszeit seien Sinti und Roma weiterhin durch das „Zigeunergesetz“ diskriminiert worden, das erst 1957 aufgehoben wurde. Dadurch sei eine Ansiedlung im Vogelsbergkreis untersagt gewesen.

Zwischenruf von Daniela Eichelberger: Schubladendenken

„Wohnen in Ihrer Nähe Sinti-Familien?“ Eine nette junge Frau öffnet die Türe, schaut erwartungsvoll nach dem fremden Besuch. Die Frage jedoch lässt sie erschauern. Verschlossen wirkt sie nun. Zeigt vage in eine Richtung. Mit dieser Nachbarschaft scheint sie nichts zu tun haben zu wollen. Schnell schließt sie die Türe. Beim Klingeln am bezeichneten Haus öffnet ein freundlicher Familienvater. Er hat leider keine Zeit für ein Gespräch über den bevorstehenden Gedenktag zur Verfolgung der Sinti und Roma, verweist aber gerne auf einen Bekannten in der Nähe. Er selbst ist nun auf dem Weg zur Arbeit.

Zwei weitere Sinti weisen zuvorkommend den Weg. Das Haus zu finden, ist tückischer als gedacht. Der nun Besuchte erweist sich als äußerst gastfreundlich. Sofort stehen Getränke auf dem Tisch. Seine Erscheinung, das Haus und der Garten wirken sehr gepflegt. Alles ist ordentlich und einladend. Er nimmt sich viel Zeit für die ungebetenen Gäste. Schnell wird der Sohn herbeigerufen, um Bücher und einen Film mitzubringen. Gerne geben beide Auskunft über ihre ganz persönliche tragische Familiengeschichte. Wie schön, dass so manche Schublade einfach nicht passt.

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