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Frauen und Kinder flüchten auf abenteuerlichen Wegen aus der Ukraine

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Artem und seine Mutter Olena mit Mira, Dana und deren Mutter Veronika.
Artem und seine Mutter Olena mit Mira, Dana und deren Mutter Veronika. © Krümler

Bei Pfarrer Johannes Klein in Rumänien finden sie Betreuung und vorübergehende Aufnahme.

Die Welt ist aus den Fugen. „Ich habe in den letzten Tagen so viele tränenreiche Gespräche geführt“, sagt Renate Klein im rumänischen Fagaras und muss erst einmal tief Luft holen. Als im Nachbarland der Krieg ausbrach hat die Kirchengemeinde von Pfarrer Johannes Klein sofort alle Hebel in Bewegung gesetzt, um den Flüchtenden zu helfen. Im Dorf Bekokten, wo im Sommer Ferienspiele für Kinder aus ganz Rumänien stattfinden, wurden die einzelnen Unterkünfte und das Haupthaus mit seinem großen Saal beheizt, die Küche mit Lebensmitteln ausgestattet. Keinen Tag zu spät, denn schon trafen die ersten Flüchtenden an der Grenze ein – fast alles Frauen, alleine aber zumeist mit ihren Kindern. Renate Klein: „Wir holen sie an der Grenze ab und bringen sie nach Bekokten. Hier werden sie erst einmal untergebracht und versorgt, bevor sie dann die Weiterreise zu Verwandten und Freunden in ganz Europa antreten.“

Das planen auch Mira, ihre Schwester Veronika und deren Tochter Dana. Am zweiten Tag ihres Aufenthaltes hat sich der Stress der Flucht etwas gelegt“, „sie wirken nicht mehr so verschreckt wie gestern“, freut sich die Pfarrersfrau. „Uns geht es tatsächlich etwas besser“, bestätigt Mira, die in der Ukraine als Lehrerin gearbeitet hat. Die drei Frauen stammen aus einem kleinen Ort südlich von Czernowitz, etwa 40 Kilometer von der rumänischen Grenze entfernt. Rund acht Stunden zu Fuß sind sie bis dorthin unterwegs gewesen, mitgenommen haben sie lediglich Kleidung, Geld und ein paar Wertsachen. Am bedrückendsten für die beiden Frauen ist die Tatsache, dass sie ihre Männer zurück gelassen haben, zurück lassen mussten. „Mein Mann ist beim Militär“, erzählt Veronika und unterdrückt nur mühsam die Tränen, „ich weiß noch nicht einmal, wo er gerade eingesetzt ist.“ Miras Gatte blieb ebenfalls zurück, alle Männer zwischen 18 und 60 Jahren dürfen nicht mehr aus der Ukraine ausreisen.

„Wenigstens darüber muss ich mir keine Gedanken mehr machen“, beteiligt sich Olena am Gespräch und erzählt, dass sie bereits Witwe sei. Umso mehr gilt ihre Sorge ihrem zwölfjährigen Sohn Artem, gemeinsam haben die beiden die Flucht angetreten. „Wir kommen aus Odessa und sind neun Stunden mit dem Bus hierher an die rumänische Grenze gefahren“, erzählt Olena. „Man hatte uns erzählt, das sei das sicherste und davon abgeraten, in die Republik Moldawien zu fliehen.“ Sie berichtet von anderen Grenzübergängen, wo auf 20 Kilometer Autos im Stau stünden, „viele verlassen dann ihre Wagen einfach, lassen sie zurück und laufen zu Fuß mit dem Koffer in der Hand bis zu den Grenzposten.

Olena ist froh, mit den drei Frauen aus Chernivzsi Schicksalsgenossinen getroffen zu haben, mit denen sie sich austauschen kann. Doch immer wieder fassen sich Mutter und Sohn an, kuscheln etwas miteinander. Es ist förmlich zu spüren, wie der zwölfjährige seine Mutter beschützen, ihr Kraft geben will. „Ich bürde ihm so eine Last auf“, sorgt sich Olena. Ihr tut es sichtlich gut, als Artem und ich über Fußball ins Gespräch kommen und der Junge plötzlich wieder Kind sein darf, und mit leuchtenden Augen von Chelsea, Lewandowski und der rumänischen Nationalmannschaft schwärmt.

Wie es mit den Beiden weiter geht, wissen sie noch nicht. Ein Bus – organisiert von rumänischen Unternehmen –wird sie zusammen mit weiteren Flüchtlingen am kommenden Tag kostenlos nach Deutschland in die Nähe von Mönchengladbach bringen. Dorthin pflegt die Kirchengemeinde von Pfarrer Klein bereits seit längerem Kontakte, dort wird ihnen weiter geholfen. Mit im Bus sitzen werden auch Mira, Veronika und Dana, sie werden dort dann bereits von Verwandten aus Dortmund erwartet.

Ein Dank an die nordhessischen Spender

Innerhalb von wenigen Tagen hat die Kirchengemeinde von Pfarrer Klein in Fagaras ein beeindruckendes Hilfsangebot ins Leben gerufen: Flüchtende werden mit dem Gemeindebus an der Grenze abgeholt und im Dorf Bekokten versorgt und untergebracht, von wo sie in der Regel nach zwei, drei Tagen weiter reisen. Dank der überwältigenden Spendensumme aus Nordhessen, die bei den beiden Landwirten Ottmar Rudert und Günter Rüddenklau innerhalb weniger Tage eingegangen ist, muss das Projekt nicht nach zwei Wochen eingestellt werden, sondern kann auch länger durchgeführt werden.

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