Algermissen zum 25. Jahrestag des Mauerfalls

Vacha. Heute morgen hielt Bischof Algermissen eine Predigt anlässlich des Jahrestag des Mauerfalls.

Im heutigen ökumenischen Gottesdienst in der evangelischen Johanneskirche zu Vacha hielt Bischof Heinz Josef Algermissen eine Predigt anlässlich des 25. Jahrestages des Mauerfalls. Hier ist die Predigt im Wortlaut:

"25 Jahre ist es her, dass die innerdeutsche Mauer fiel und die Grenzen sich öffneten. Was waren das für Tage und Wochen im Herbst 1989! Ich empfand damals wie viele andere:- Hier ist weder Berechenbares noch rein Zufälliges geschehen.- Hier war nicht nur das Maß voll und die Zeit reif.- Hier sind auch nicht allein Menschen am Werk gewesen.Gott hat in unsere Zeitgeschichte eingegriffen, hat Menschen – mit den Worten des Psalms 66 – "in die Freiheit hinausgeführt". Alle menschlichen Initiativen, wie die Friedensgebete und Massendemonstrationen ergeben für dieses Ereignis keine ausreichende Erklärung.Es gilt, von Herzen dafür zu danken. Wir tun es heute hier in Vacha, in der Nähe der ehemaligen innerdeutschen Grenze, in einem gemeinsamen Gottesdienst.

Wir müssen dabei aber auch die Erinnerung an die vielen wach halten, die mit dazu beigetragen haben, dass ein Unrechtssystem gewaltlos zu Fall kam, dass die Einheit unseres Landes wieder hergestellt werden konnte und Europa heute tatsächlich befriedeter denn je in Erscheinung tritt.Ich denke da besonders an die mutigen Bürgerrechtler und die friedlichen Demonstranten, aber ebenso an etliche Männer der Kirche und an Politiker, die prophetisch und entschieden gehandelt haben.

Aufgerüttelt hat mich allerdings, was Freya Klier, Mitglied der damaligen kirchlichen Oppositionsbewegung, vor einiger Zeit in einem Artikel der "Zeitschrift für Kultur, Politik und Geschichte (MUT)" schrieb: "Von Jahr zu Jahr werden die Farben, mit denen die DDR gemalt wird, bunter, erscheint das Land, aus dem Millionen von Menschen in oft tiefer Verzweiflung flohen, wieder ein Stück wärmer, menschlicher."

25 Jahre nach der Wende gilt es, solche Verklärung zu entlarven und die Erinnerung an das Unrechtsregime in der DDR wach zu halten, das Menschen systematisch bespitzelt, eingemauert und Andersdenkende eingesperrt und gefoltert hat.

Schon das Volk Israel, das Gott in die Freiheit geführt hatte, murrte bei der langen Wüstenwanderung und sehnte sich absurderweise nach den "Fleischtöpfen Ägyptens" zurück, obwohl es dort geknechtet und geschlagen worden war.

Freiheit ist ein ebenso kostbares wie anspruchsvolles Gut. Als Christen müssen wir immer wieder darauf hinweisen, dass es keine Freiheit ohne Bindung und Begrenzung geben kann. Das bedeutete Willkür und die Macht des Stärkeren.Diese Wahrheit ans Licht zu bringen und umzusetzen, ist lebensnotwendig in den neuen wie den alten Bundesländern. Wir müssen Gesicht zeigen gegen alle Kräfte, die mit billigen Parolen und auf menschenverachtende Weise ihre extremen Vorstellungen durchsetzen wollen.

Weil wir da mitunter ein gerüttelt Maß an Gleichgültigkeit und Feigheit offenbaren, ist Erinnerung so wichtig. Sie ist, wie die jüdische Theologie uns sagt, das "Geheimnis der Erlösung".

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