Angst vor Peiniger: Tödliche Messerstiche auf einen Afghanen

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Der Angeklagte K. mit seinem Verteidiger Christian Celsen und seinem Dolmetscher.

Am 4. Juni starb in Hünfeld ein Afghane nach einer tödlichen Messerattacke. Der Prozess gegen den Täter wurde am Montag fortgesetzt.

Fulda/Hünfeld -  Hünfeld stand nach der Tat am 4. Juni unter Schock. Ein Afghane, der in einer Unterkunft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge lebte, stach mit einem Messer auf einen anderen Afghanen ein. Die erste Vermutung der Ermittler – es handele sich um einen eskalierten Streit. Das Opfer der Messerattacke flüchtete sich damals noch in eine Bar, um um Hilfe zu bitten. Er starb noch im Krankenwagen. Der Täter ließ sich später am Tatabend widerstandslos festnehmen. Lokalo24.de berichtete von dem Fall.

Nach vier Verhandlungstagen am Landgericht Fulda ohne die breite Öffentlichkeit – die Staatsanwaltschaft hatte es verpasst, die Presse über die Verhandlung zu informieren – kam am fünften Verhandlungstag der Gutachter Dr. Helge Laubinger zu Wort. Laubinger berichtete über die Biographie des 18-jährigen Angeklagten, seinen Lebensverlauf in Deutschland und schätz die Tatumstände aus psychologischer Sicht ein.

K. ist als achtes von zehn Kinder in Afghanistan geboren. Mit seiner Familie flüchtete er in der frühen Kindheit in den Iran. Mit 14 Jahren wurde er allein nach Afghanistan abgeschoben. Nach kurzer Zeit flüchtete er wieder aus dem Heimat in den Iran. Die Familie beschloss, dass K. nach Deutschland gehen sollte. „Wir alle arbeiteten im Iran. Ich und meine Brüder als Tischler, mein Vater als Lkw-Fahrer“, so K. Für die Flucht bezahlte die Familie 5.000 Dollar. 2015 kam K. in Deutschland an und wurde zunächst im „Michaelshof“ untergebracht. Danach zog er in das Heim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Hünfeld. K. habe sich gut in die Hausgemeinschaft eingelebt und an den Aktivitäten teilgenommen. „Er berichtete mir, dass er großen Gefallen am Boxen fand“, so der Gutachter. K. galt als großes Boxtalent und auch in der Schule sei es am Anfang gut gelaufen. Doch Anfang des Jahres signalisierte die Konrad-Zuse-Schule dem 18-Jährigen, dass er den Hauptschulabschluss nicht schaffe, Ein harter Rückschlag für ihn, da er von einer Ausbildung zu Kfz-Mechaniker träume.

Die Betreuer von K. erzählten von einer plötzlichen Verhaltensänderung des 18-Jährigen. Er sei immer freundlich und fröhlich gewesen, das änderte sich am Anfang des Jahres.

„Diese Verhaltensänderung kann mit einem ,Ereignis’ , das mit dem Opfer in Verbindung steht“, so Laubinger. Denn K. trank an einem Abend am Anfang des Jahres mit einem Freund in seinem Zimmer. Das spätere Opfer besuchte die beiden Jugendlichen kurz und verabschiedete sich danach wieder. In der Nacht sei K. kurz aufgewacht, weil er merkte, dass jemand an ihm „rum manipulierte“. Er drehte sich nach hinten und sah den Getöteten. An mehr könne er sich nicht erinnern. Am nächsten Morgen hatte K. Schmerzen am After.

Nach dem Vorfall soll K. mitbekommen haben, dass über die sexuellen Kontakte des Opfers in der Schule gesprochen wurde. „Er befürchtete, dass auch das ,Ereignis’ mit ihm zur Sprache kommen und er sein Gesicht verlieren würde“, erklärt Laubinger. An den Vorfall an sich könne sich K. nicht erinnern. Er vermute, dass er unter Drogen gestellt wurde und damit betäubt war. „Seine Angst, als homosexuell zu gelten, war sehr groß“, so der Gutachter.

Zu der Vergewaltigung sei noch ein Ablehnungsbescheid in das Haus geflattert. K. und seine Betreuer hielten ein Krisengespräch, in dem ihm klar gemacht worden sei, dass wenn er sich nicht verändere, er nicht mehr am Programm teilnehmen könne. „Du musst dein Verhalten ändern und etwas tun“, soll es geheißen haben.

„K. projizierte seine Situation auf das Opfer. Daher versuchte der 18-Jährige sein Problem mit einem Gespräch zu lösen“, erklärt der Gutachter. Auf dem Weg zum Opfer, sah K. ein Messer in der Küche liegen und nahm dieses mit. „Er war der Überzeugung, dass Opfer sei ihm körperlich überlegen. Er hatte Angst, einen Schaden davon zu tragen“, so der Psychiater.

Der Tatabend

Als K. bei seinem Peiniger ankam, griff dieser nach dem Messer. K. stach zweimal zu. Das Opfer rannte hinaus. Der Täter folgte ihm aus dem Haus, drehte um und klingelte bei einer Anwohnerin mit den Worten: „Messer, Blut, Hilfe“. Er habe einen Blackout gehabt. Auch die eintreffenden Polizeibeamten bestätigten, dass K. nicht glauben konnte, dass er jemanden getötet haben könnte. „Die Miene war wie versteinert.“ Auch Verteidiger Christian Celsen berichtete, dass sein Mandat Angst vor seinem Vergewaltiger hatte und eine Tötung nicht glauben konnte. „Seine größte Angst war es, dass diese Vergewaltigung ans Licht kommt, so wie es gerade geschieht“, so Celsen.

Am Donnerstag, 28. Dezember, wird die Verhandlung um 9 Uhr fortgesetzt. „Wir möchten die Verhandlung auch für den Angeklagten so schnell wie möglich beenden“, so Richter Joachim Becker. Ein Urteil ist daher zu erwarten.

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