"Annes Kampf"

Bewegende und beklemmende Begegnung

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Marianne Blum und Guido Rohm stellten in Heubach schauspielerisch Anne Frank und Hitler gegenüber.

Kalbach. Eine bewegende, mitunter auch beklemmende Begegnung erlebten die zahlreichen Menschen, die jetzt zur Lesung "Annes Kampf" in Heubachs einstige Synagoge gekommen waren – in eine Gebäude, das nicht nur jüdisches Gotteshaus, sondern die meisten Jahre der Nazi-Herrschaft das Rathaus des Dorfes gewesen ist. Die Schauspielerin Marianne Blum und der Schriftsteller Guido Rohm gestalteten das Aufeinandertreffen von Passagen aus dem "Tagebuch der Anne Frank" und Adolf Hitlers "Mein Kampf" an dem historisch doppelt geprägten Ort hochspannend, provokativ und zugleich einfühlsam.

"Erkenne, vor wem Du stehst", so steht es unter einem Davidstern auf einer Gedenktafel an der Stirnwand der Synagoge, vor der Blum die Worte Anne Franks liest. Das gibt den ohnehin eindringlichen, mal naiv-kindlich, mal in allzu früh erwachsen klingenden Texten der jüdischen Teenagerin noch mehr Präsenz und Gewicht. Blum versteht es, auch den Humor in Annes Tagebuchgedanken erlebbar zu machen, ohne den grausamen Ernst der Situation auszublenden. Die Gedenktafel und der siebenarmige Leuchter trennen an diesem Abend die Welt des Verstecks der Familie Frank im Amsterdamer Hinterhaus von Hitlers "Mein Kampf". Jeweils vom Licht in den Focus gerückt, tragen Blum und Rohm ihre Texte vor. Dabei kontrastiert der Hitlers schnarrende Sprechweise aufnehmende, aber auf eigentliche Nachahmung verzichtende Rohm das Erzählen und Erleben des Mädchens mit grellen Schlaglichtern. In Rückblenden auf biographische Episoden wie das Scheitern Hitlers als Kunstmaler folgen harte Texte zu Hitlers Sicht des Judentums, das jubelnde Loblied auf die Schläger der Nazi-Sturmtrupps, aber auch grundlegende Gedanken über die Mechanismen zur Manipulation der Massen.

Blum und Rohm haben für „Annes Kampf“ eine enorm dichte, im rückblickenden Wissen um den Gang der Geschichte immer wieder erschreckende Auswahl von Texten zusammengestellt. Die emotional packendsten Momente des Abends entstehen, wenn die ungleichen Autoren von ihren Texten aufsehen und einander direkt begegnen. Annes beharrend-trotziges „Ich habe Recht!“ klingt lange in der Erinnerung nach.

Um das schier Unerträgliche für das Publikum doch erträglich zu machen, unterbricht Blum das Gegeneinander der Worte immer wieder durch Lieder und Schlager jener Zeit. "Mir lejben ejbig!" widerspricht sie trotzig-kraftvoll mit einem jiddischen Lied den Verfolgungs-Androhungen aus "Mein Kampf", und auch ein Zarah-Leander-Auftritt mit "Davon geht die Welt nicht unter" fehlt nicht. Hitlers Lobpreis auf den "germanischen Siegfried" kontrastiert sie kraftvoll mit der Schwert-Arie aus Wagners "Siegfried".

Unaufhaltsam schreiten die chronologisch angeordneten Textpassagen dem absehbar grausamen Ende entgegen: der Verhaftung der Franks in ihrem Hinterhaus-Versteck und der Deportation nach Bergen-Belsen, wo Anne und die meisten aus ihrer Familie im Februar oder März 1945 sterben.

Mit Paul Celans Gedicht "Todesfuge" gibt Rohm diesem erschütternden Wissen eine Form – die Marianne Blum mit dem Friedrich-Holländer-Lied "Wenn ich mir was wünschen dürfte" ins Halb-Versöhnliche bricht.

Der Applaus, der erst nach einer Zeit des Innehaltens einsetzt, ist groß. Im Namen des gastgebenden Fördervereins der Synagoge würdigt Hartmut Zimmermann die Leistung der beiden Künstler und unterstreicht, dass das Programm viel mehr ist als eine kritische Rückblende: Es sei Mahnung zur Wachsamkeit in Gegenwart und Zukunft.

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