Was tun gegen zunehmenden Antisemitismus?

Mit diesem Plakat warb die Fuldaer Marienschule vor über zwei Jahren für ihr sehr erfolgreiches Projekt "Die Oper Brundibar - ein Kinderleben in Theresienstadt" 

"Fulda aktuell"-Gespräch mit der Vorsitzenden der "Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit" in Fulda

Fulda - Bundesinnenminister Thomas de Maizière hat sich dafür ausgesprochen, in der neuen Bundesregierung einen so genannten  „Beauftragten für Antisemitismus“  einzusetzen. Hintergrund sei die zunehmende Gewalt gegen Juden in Deutschland.  Grund genug für „Fulda aktuell“, sich mit Dr. Irena Ostmeyer darüber zu unterhalten, wie sie die Situation beurteilt. Die 51-jährige Diplom-Journalistin, Deutschlehrerin bei den Integrationskursen (DaZ),  steht seit Oktober 2011 der „Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit“ in Fulda vor.

„Was soll so ein  Antisemitismusbeauftragter machen, wozu soll er gut sein? Wenn eine solche Position geschaffen werden soll, dann muss diese auch mit Leben und Inhalten gefüllt werden“, ist ihr Einstieg in das Gespräch. Gesammelt und geforscht und niedergeschrieben sei genug, ebenso wie ausreichend Statistiken erstellt worden seien. Die in Moskau geborene Israelin, die über das Thema „Zwischen Schuld und Sühne. Evangelische Kirche und Juden in der SBZ und DDR 1945-1990“ promovierte, vertritt vehement den Standpunkt, dass die gut 100 Mitglieder der „Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit“ auf die Menschen zugehen müssen.

Dies gelte in erster Linie für Kinder, „denn die uninteressierten Älteren erreichen wir nicht mehr“. Sehr positiv seien beispielsweise Erfahrungen, die gemacht würden, wenn ein orthodoxer Rabbiner in die Schulen ginge und Kindern Judentum im besten Wortsinne „begreifbar“ mache.

 In sehr guter Erinnerung ist Ostmeyer auch ein Projekt der Fuldaer Marienschule aus 2015: Achtmal führten die knapp 100 Schülerinnen der sechsten Klassen ihr Stück „Die Oper Brundibar – ein Kinderleben in Theresienstadt“  auf, um der verstorbenen Kinder in dem Konzentrationslager zu gedenken. Information und Aufklärung wie Vorträge und Ausstellungen sind nach Ansicht der 51-Jährigen der beste Weg, um Antisemitismus entgegen zu wirken.

Und das müsse halt bei den Jüngsten beginnen, obgleich sie in einer Fuldaer Schule sehr schlechte Erfahrungen mit Dritt- und Viertklässlern gemacht habe: „Die Beleidigungen richteten sich nicht gegen mich, sondern gegen einen Jungen, der versehentlich als Jude bezeichnet wurde, und anschließend gegen die Juden allgemein. Das Erstaunlich daran aber war, dass die Äußerungen  allesamt von Jungen mit hundertprozentigem Migrationshintergrund kamen. Woher haben die solche Vorstellungen? Die können doch nur von den Eltern kommen“.

Gleichwohl hat sie in ihrer Tätigkeit als Deutschlehrerin bei Integrationskursen die Erfahrung gemacht, dass gerade Flüchtlinge sehr viel hinterfragen, was die Geschichte des Staates Israel, der Juden und deren Schicksal im Dritten Reich angehe. Die antisemitische Prägung von Nazi-Deutschland, die Judenverfolgung (von 1938 an) sowie Willy Brandts Kniefall im Warschauer Ghetto würden ausführlich im obligatorischen Orientierungskurs durchgenommen. In den Schulen dagegen würden gerade diese Themen oftmals kurz mit den Worten abgehandelt: „Das wissen doch schon alle“.

Für sehr wichtig hält Ostmeyer den Dialog zwischen Menschen unterschiedlichster Religion, denn bei Studienfahrten, durchgeführt auch von der „Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit“, sei nicht nur der jüdische Glaube Thema, „sondern die Reisenden fragen die anderen Passagiere auch danach, was Katholisch-Sein ausmacht beziehungsweise was Protestantismus bedeutet“.  Allerdings dürfe die ganze Diskussion nicht nur theoretisiert werden, „sondern gezeigt werden, dass  das Judentum lebt. Nämlich dass es  keine Wissenschaft (und Geschichte) ist, sondern äußerst lebendig!“

Ihr Rat: Unbefangen aufeinander zugehen und sich nicht von pauschalen Vorurteilen leiten lassen. „Ehe Sie etwas Negatives über Juden sagen, stellen Sie sich doch die Frage, ob Sie überhaupt einen Juden persönlich kennen...“

Zwischenruf von Bertram Lenz:

 

Es sind Vorfälle, die erschrecken und sprachlos machen: In der Kantine der Ernst-Reuter-Schule im Berliner Stadtteil Wedding diskutieren Schüler über den Nahostkonflikt, dann wird die Stimmung aggressiv. Ein paar Jugendliche umringen einen jüdischen Mitschüler. „Ihr seid Kindermörder“, „Euch sollte man die Köpfe abschneiden“ und „Hitler war gut!“, rufen sie. Oder die israelfeindlichen Proteste mit brennenden Flaggen und Davidsternen. Oder die wüsten Beschimpfungen gegen den Gastwirt eines israelischen Lokals. Beides ebenfalls in Berlin. Oder. Oder. Oder.

Diese wenigen (bekannt gewordenen) Beispiele aus jüngster Vergangenheit werfen ein bezeichnendes Licht auf die bundesrepublikanische Atmosphäre im zu Ende gehenden Jahr 2017. Verbunden mit der Frage: Wie antisemitisch ist Deutschland heute, über 70 Jahre nach dem Untergang des Dritten Reiches, das den Antisemitismus fest in der offiziellen Politik, in der Gesellschaft und somit in den Köpfen seiner Bürger verankert hatte? Mit dem Ziel, jüdisches Leben zu vernichten.

Tatsache ist, dass sich immer mehr jüdische Mitbürger in Deutschland bedroht fühlen. Zumal die Formen des Antisemitismus vielschichtig sind und von offenem Rassismus über eine Verharmlosung/Relativierung des Holocausts bis hin zur Kritik an der Politik des Staates Israel reichen. Neben der oftmals anonymisierten Welt des Internets, wo unverhohlen Juden diskriminiert und diffamiert werden, haben die Auswüchse inzwischen auch ganz reale Formen angenommen. Mittlerweile stehen viele jüdische Einrichtungen unter Polizeischutz.

Zugleich macht es sehr nachdenklich, dass unter den Migranten, die in Deutschland Zuflucht gesucht und gefunden haben, der Hass auf Juden anscheinend weit verbreitet ist. Vielleicht froh darüber, andere „Sündenböcke“ gefunden zu haben.

Ich vermisse in diesem Zusammenhang klare Aussagen unserer Politiker und erachte es zugleich als Armutszeugnis, dass die Vereinten Nationen eine Anerkennung von Jerusalem als Hauptstadt Israels abgeschmettert haben. Mit Zustimmung der Deutschen. Zu Recht spricht Mathias Döpfner, Geschäftsführer des Axel Springer-Konzerns, in diesem Zusammenhang von einem „Prinzipienbruch“: Deutschland erteile Lektionen – und zwar ausgerechnet dann, während auf den Straßen der Antisemitismus sein immer aggressiveres Gesicht zeige.

Der Vorsitzenden der „Gesellschaft für deutsch-jüdische Zusammenarbeit Fulda“, Dr. Irena Ostmeyer, ist unbedingt zuzustimmen, wenn sie gegenüber „Fulda aktuell“ davon spricht, dass nur Information, Aufklärung und der Dialog untereinander dazu beitragen könnten, die fortschreitenden Auswüchse des Antisemitismus einzudämmen. Zum einen sollte damit bereits bei Kindern begonnen werden, zum anderen ist jeder Einzelne gefordert, wachsam zu sein und sich solchen Tendenzen entgegenzustellen.

Denn Deutschland sollte sich nicht noch einmal dafür schämen müssen, dass es einmal zwölf Jahre lang weggeschaut hat.

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