Archäologie - das ist wie Stöbern in einer Schatztruhe

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Fulda. Mit seinen Grabungshelfern hat Fuldas Stadt- und Kreisarchäologe Dr. Frank Verse Baureste im Ehrenhof des Stadtschlosses freigelegt

Fulda. Archäologie – das ist wie Stöbern in einer Schatztruhe. Spektakuläre Gold- und Silberfunde, die manchen Ausgräber zum schweißtreibenden Buddeln beflügeln, kommen jedoch ganz, ganz selten vor. So wie bei den aktuellen Ausgrabungen im Ehrenhof des Fuldaer Stadtschlosses. Kostbare Artefakte hat Fuldas Stadt- und Kreisarchäologe Dr. Frank Verse mit seinem Team zwar nicht zutage fördern können. Doch den ein oder anderen Überraschungsfund konnte die Baggerschaufel in den zurückliegenden Wochen dennoch freilegen. Verse freut sich über diese ansehnliche "Ausbeute" - vor allem an Fundamentresten - denn sie sagt einiges aus über die Bebauung des heutigen Schlossareals zu Zeiten der Vorgängerbauten des heutigen Barockschlosses. Zweifelsfrei steht nun fest, wo sich beispielsweise früher ein Wirtschaftsbau der Residenz befunden hat.

Wirtschaftsgebäude

Für den Archäologen ein erfreulicher Befund. "Schließlich wussten wir anhand alter Quellen, dass es dieses in Fachwerkbauweise errichtete Gebäude gegeben haben muss. Nur wo genau, das wussten wir leider nicht." Noch während der Abräumarbeiten für die obersten Deckschichten des Ehrenhofs tauchten plötzlich breite Mauerreste aus hellem Material in rechtwinkliger Anordnung zum Nordflügel des heutigen Barockschlosses zutage. Dabei handelte es sich um das massive Fundament eben jenes Wirtschaftsgebäudes, von dem Verse vermutet, dass "es repräsentativ gewesen sein muss mit einem Steinsockel, auf dem das Fachwerk saß."

Weitere Funde scheinen diese These zu stützen. Bei Ausgrabungen im Vorhof des Ehrenhofs stieß das Ausgrabungsteam auf Keramikscherben, Tierknochen und Küchenabfälle. "Diese Funde können mit der Nutzung des Baus als Wirtschaftsgebäude zusammenhängen, was ich für das Wahrscheinlichste halte", urteilt Grabungsleiter Verse und fügt schmunzelnd hinzu, "sogar einen menschlichen Backenzahn haben wir gefunden." Ob da wohl einem der Schlossbewohner eines der Gerichte zu gut geschmeckt hat? Und noch ein Indiz dürfte die Vermutung des Experten zusätzlich untermauern. Bei den Keramikscherben handelt es sich um die Reste so genannter "Kugeltöpfe". Diese zum Kochen oder als Vorratsbehälter vom Mittelalter bis zur Neuzeit verwendeten Gefäße zählten früher zum üblichen Haushaltsgeschirr.Rätsel

Während die Zuordnung der Fundamentreste im Trennbereich zwischen Ehren- und Vorhof klar zu sein scheint, geben Steinsetzungen im Vorfeld des Nordflügels in Höhe des letzten der Treppenaufgänge den Wissenschaftlern noch immer einige Rätsel auf. Die Baustruktur wurde vor dem aus dem späten 17.Jahrhundert stammenden "Droste-Flügel" (heute Nordflügel) gefunden. Sie zeichnet sich an einer Ecke durch die Verwendung eines sorgfältig bearbeiteten roten Sandsteinquaders und ordentliche Fundamentbreite aus. Worum es sich dabei handelt, ist noch völlig offen. Vielleicht eine Art Bastion, die der im "Droste-Flügel" teilweise verbauten Stadtmauer vorgelagert war? Alles nur Spekulation. Zumindest momentan. Denn laut Frank Verse gibt es "keine hinreichenden Quellen, um die Mauer einwandfrei zuzuordnen. Schriftstellen geben einfach zu wenig Auskunft über unseren Fund." Es mangelt sowohl an Bauzeichnungen oder Akten als auch an gemalten Stadtansichten, die erste Indizien für eine Zuordnung liefern könnten. Außerdem liegen vermutlich größere Teile dieser Baustruktur unter dem Nordflügel und sind somit der wissenschaftlichen Auswertung entzogen. Fuldas Stadt- und Kreisarchäologe lässt sich dennoch nicht entmutigen: "Wir werden weiter forschen. Ich hoffe, dass wir dieses Rätsel über kurz oder lang lüften können."

Brandspuren

Offene Fragen wirft auch eine weitere Befundsituation zwischen den beiden Treppenabgängen des Nordflügels auf. Der schwärzlich verfärbte Boden in einer der unteren Erdschichten entpuppte sich als Spur eines Brandes, die möglicherweise auf handwerkliche Einflüsse zurückzuführen ist. Gefundene Metallreste könnten diese Schlussfolgerung zulassen. Aber auch hier bleibt vorerst ungeklärt, was durch die Neugestaltung des Ehrenhofs ans Tageslicht kam. Klarheit herrscht jedoch hinsichtlich eines aus der Barockzeit stammenden Abwasserkanals. Verse und sein Team legten ihn im Vorbereich zum Ehrenhof frei. Interessant hier: Reste von steinernen Fenster- und Türgewände haben die Handwerker zur Abdeckung und Einfassung wiederverendet. Neue Rohre liegen nun im historischen Kanalsystem, das als Ganzes jedoch für die Zukunft erhalten bleibt, nachdem es freigelegt und erfasst worden war.  Inzwischen sind die von Baggern und später mit der Umsicht des Archäologen freigelegten Bereiche wieder verfüllt. Damit beginnt für Fuldas Stadt- und Kreisarchäologen die eigentliche Arbeit der Erfassung und  Auswertung der Befunde beziehungsweise die finale Deutung der entdeckten Strukturen im Boden. Für Verse eine spannende Aufgabe, die vielleicht in nächster Zeit zu überraschenden Erklärungsansätzen führen dürfte.

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