Armutsbericht: Bittere Wahrheit vor dem Fest

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Ehrenamtliche Helfer der Fuldaer "Tafel" freuen sich über die neue Scherenhubbühne.
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Vorstand der "Tafel" und Vertreter derjenigen heimischen Unternehmen, die die Scherenhubbühne realisierten.

Die Armutsquote ist in Hessen stark gestiegen: Arbeit der „Tafeln“ auch in Osthessen wird immer wichtiger

Region - Der Zeitpunkt hätte passender nicht sein können: Während viele auf der Jagd nach weihnachtlichen Geschenken sind, verkündet der „Paritätische Wohlfahrtsverband“ die bittere Wahrheit: In Hessen ist die Armut in den vergangenen zehn Jahren so stark gestiegen wie in keinem anderen Bundesland. Die Quote liegt aktuell bei 15,8 Prozent und damit erstmals über dem Bundesdurchschnitt von 15,5 Prozent. Die Kluft zwischen Arm und Reich werde immer größer.

Besonders hoch ist die Armutsquote mit 19,5 Prozent (2017: 17,5) in Mittelhessen – einer Region, zu der auch der Vogelsbergkreis zählt. Zum Vergleich: Zwar ist in den Kreisen Fulda und Hersfeld-Rotenburg die Quote ebenfalls gestiegen, aber doch nicht in dem Maße: Jeweils von 15,4 in 2017 auf 16,9 in 2018. Wie es in der Studie weiter heißt, „haben wir es in Hessen mit zwei unterschiedlichen Problemlagen zu tun. Der Norden, Osten und die Mitte Hessens haben sich von insgesamt durchschnittlichen Werten vor zehn Jahren zu Regionen mit starkem armutspolitischen Handlungsdruck entwickelt“.

Vor diesem Hintergrund kommt natürlich denjenigen Organisationen zunehmend Bedeutung zu, die sich um die kümmern, die auf Hilfe angewiesen sind. Staatliche Unterstützung einmal außen vorgelassen. Hier wären in erster Linie die „Tafeln“ zu nennen: So wie die in Fulda, die ihren Sitz in der Weserstraße hat, wo sich vor etwas über 15 Jahren erstmals die Pforten öffneten, um Lebensmittel an bedürftige Menschen weiterzugeben. Unter den aktuell rund 2.000 Kunden sind 900 Kinder. Eine Einschränkung macht Erster Vorsitzender Professor Dr. Richard Hartmann: „Die Tendenz, die bundesweit bei den ,Tafeln“ zu erkennen ist, dass nämlich immer mehr Ältere kommen, haben wir noch nicht feststellen können. Das kann aber auch an der Schwellenangst der Menschen liegen“.

Im Bewusstsein verankert

Auf eines sind Hartmann, seine Vorstandskollegen und die vielen ehrenamtlichen Helfer stolz: Die „Tafel“ ist im Bewusstsein der Menschen dieser Region ganz tief verankert. Dies wurde auch am Mittwochvormittag bei Übergabe der neuen Scherenhubbühne deutlich: Mehrere Maschinenbau- und Handwerksbetriebe hatten in Teamarbeit die Konstruktion geschaffen, die nun den Transport der Lebensmittel vom Fahrzeug über die Laderampe zu den Sortiertischen erleichtert. Hartmann zeigte sich sehr erfreut über dieses gemeinschaftliche Projekt, das mit einer Investitionssumme von rund 30.000 Euro realisiert werden konnte. Ein Betrag, den die „Tafel“ nicht hätte tragen können. Bislang musste jede Transportkiste mit Lebensmitteln vom Fahrzeug per Hand auf die Laderampe und von dort zu den Sortiertischen transportiert werden, „auch wenn diese Kisten über 30 Kilo wiegen und nur von zwei Personen getragen werden können“.

Beteiligt waren: „Hubtex“, „Ulrich GmbH“, „eska Kossatz Maschinenbau GmbH“, „Elektro Kerbl GmbH & Co. KG“, „Stahl- und Metallbau Böschen GmbH & Co. KG“ und die Firma „Hermann Hohmann GmbH“.

Auch die Hünfelder „Tafel“ konnte sich am Dienstag über die Übergabe eines neuen Transportfahrzeuges freuen, ermöglicht durch öffentliche und private Sponsoren. Die Tafel existiert seit 2006 in der Haunestadt, versorgt rund 300 Kunden und verfügt über knapp 70 Helfer.

Thema Altersarmut

 Bei der „Tafel“ in Bad Hersfeld sind laut deren Leiterin Silvia Hemel 800 Menschen registriert. „Davon sind etwa 280 Kinder und Jugendliche“, sagt sie. „Die Altersarmut steigt auch im ländlichen Raum an“, sagt Hemel. Vor einigen Jahren sei die Hemmschwelle bei älteren Menschen noch größer gewesen. Laut dem Bad Hersfelder „Tafel“-Geschäftsführer Jens Haupt ist es dennoch so, dass ältere Menschen aus den Dörfern seltener zur „Tafel“ kämen. „Oft sollen Bekannte und Nachbarn nicht erfahren, dass man zur ,Tafel‘ geht“, so Haupt. „Aber es gibt immer mehr ältere Menschen, die unsere Dienste in Anspruch nehmen müssen“, sagt Hemel. Zu den 800 „Tafel“-Kunden in Bad Hersfeld zählen ausschließlich die Berechtigten, die Wohngeld oder Leistungen nach ALG II erhalten. „Wir haben auch eine Warteliste“, so Hemel.

„Die Zahl der Bedürftigen ist in den vergangenen Jahren auf jeden Fall gestiegen“, erklärt sie. Jeden Freitag bietet die „Tafel“ in Bad Hersfeld in der „Bahnhofsmission“ eine Notfallversorgung an. „Dorthin kommen zwischen 100 und 200 Menschen, die nicht registriert sind“, sagt Hemel. Die „Tafel“ in Bad Hersfeld ist für den Altkreis Hersfeld zuständig. Im Altkreis Rotenburg steht die „Tafel“ in Bebra mit einem 14-tägigen Ausgabetag in Rotenburg an der Fulda zur Verfügung. Bei der „Tafel“ in Bebra werden rund 500 Bedürftige versorgt, von denen etwa ein Drittel unter 18 Jahren alt ist.

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