Ausbildungsmarkt: Komfortable Situation mit Kehrseite

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Der Ausbildungsmarkt im Landkreis Fulda: 137 Stellen auf 100 Bewerber, 245 Stellen blieben bisher unbesetzt.

Osthessen. Eine immer komfortablere Situation bietet sich den Schulabgängerinnen und –abgängern in der Region Fulda bei der Suche nach Ausbildungsstellen: Während für den Ausbildungsbeginn im August/September dieses Jahres insgesamt 2.184 Stellen zur Verfügung standen – 110 mehr als im Vorjahr -, beschränkte sich die Zahl der jungen Menschen auf Lehrstellensuche auf 1.562. Auf einen Bewerber kamen somit 1,4 Ausbildungsstellen.

"Dass die zahlenmäßige Differenz nicht noch größer ausfällt, ist vor allem den Aktivitäten der Berufsberatung und den Bemühungen der Netzwerkpartner zu verdanken. Denn es ist gelungen, trotz rückläufiger Schulabgängerzahlen 50 junge Frauen und Männer mehr für eine Ausbildung zu gewinnen als im vergangenen Jahr", kommentierte Waldemar Dombrowski, Vorsitzender der Geschäftsführung der Arbeitsagentur Bad Hersfeld-Fulda, der bei der Zusammenkunft gemeinsam mit den regionalen Netzwerkpartnern das abgelaufene Ausbildungsjahr 2014/15 analysierte. Zweimal jährlich treffen sich Vertreter von Arbeitsagentur, Industrie- und Handelskammer, Kreishandwerkerschaft, Stadt und Landkreis, Arbeitgeberverband, Schulamt und Gewerkschaften, um Entwicklungen auf dem Ausbildungsmarkt zu erörtern.

In nahezu allen Bereichen überstieg die Zahl der Stellen die der Bewerber deutlich. So kamen beispielsweise in der Baubranche 209 Stellen auf 80 Bewerber, auch bei den kaufmännischen Dienstleistungen (483 Stellen auf 341 Bewerber) und im Bereich Metall (276 Stellen auf 175 Bewerber) war die Differenz auffällig. Bei den Ernährungsberufen, bei denen der Bewerbermangel bereits seit Jahren vorherrscht, waren rund viermal so viele Stellen wie Bewerber gemeldet.

Besonders groß war das Interesse an einer Ausbildung im kaufmännischen Bereich (Einzelhandel, Industrie, Büro). Bei Mädchen waren unter den Wunschberufen auch Medizinische Fachangestellte oder Kauffrau für Büromanagement bzw. im Einzelhandel, der auch bei Jungen seit Jahren neben dem Kfz-Mechatroniker hoch im Kurs steht.

Unter den Bewerberinnen und Bewerbern hatten 113 einen ausländischen Pass. Bemerkenswert ist, dass davon nahezu ein Drittel aus Asylzugangsländern stammt. "So günstig sich die Lage für die jungen Menschen in unserer Region darstellt, so gilt es auch zu konstatieren, dass zahlreiche Ausbildungsbetriebe keine Nachwuchskräfte finden", nennt Agenturchef die Kehrseite der Lage. Denn: 245 Ausbildungsstellen sind zum 30. September unbesetzt geblieben, und diese potenziellen Fachkräfte werden den Unternehmen in nicht allzu ferner Zukunft fehlen. Deshalb gilt es möglichst alle Personengruppen für eine Ausbildung oder Umschulung zu aktivieren.

Zum 30. September sind 28 Bewerberinnen und Bewerber ohne Lehrstelle oder eine schulische Alternative geblieben. "Die Betriebe machen Kompromisse bei der Wahl ihrer Auszubildenden und haben in den letzten Jahren ihre Anforderungen zurückgeschraubt", weiß Stefan Wess, stellvertretender Teamleiter der Berufsberatung. So falle die Entscheidung für einen Kandidaten oftmals weniger auf der Basis von Schulnoten und Zeugnissen, sondern eher auf dem Eindruck, den dieser im Bewerbungsgespräch hinterlasse.

Im Rahmen der Ausbildungsmarktkonferenz wurden drei heimische Betriebe für ihr besonderes Engagement im Rahmen der Ausbildung ausgezeichnet: die Stiftung Mutter Theresa (Neuhof), die Stefan Ebert GmbH (Burghaun) sowie die Jumo GmbH&Co.KG (Fulda).

Die Bilanz der Daten zur Ausbildungsvermittlung bedeutet nicht das Ende der Vermittlungsaktivitäten. Jugendliche, die bislang weder einen Ausbildungsplatz, noch eine tragfähige Alternative gefunden haben, können sich zur Nachvermittlung bei der Agentur für Arbeit melden. Eine Terminvereinbarung bei der Berufsberatung der Agentur für Arbeit Bad Hersfeld-Fulda ist möglich unter der Service-Rufnummer 0800 4 5555 00 (kostenfrei).

IHK-Hauptgeschäftsführer Stefan Schunck: "Die Ausbildungsbetriebe im Verantwortungsbereich der Industrie- und Handelskammer Fulda haben im Jahr 2015 mehr Ausbildungsverträge abgeschlossen als ein Jahr zuvor. Uns liegen derzeit 1151 Verträge vor. Mit einem Plus von 2,5 Prozent liegen wir damit leicht über dem Niveau des vergangenen Jahres. Gerade in den letzten Wochen vor Ausbildungsbeginn sind noch eine größere Zahl von Verträgen bei uns eingereicht worden. Das zeigt uns, dass die Unternehmen alles versucht haben, noch offene Ausbildungsplätze zu besetzen. Dennoch konnten auch 2015 nicht alle Ausbildungsplätze unserer Mitgliedsunternehmen besetzt werden, das gilt insbesondere für die Berufe im Hotel- und Gaststättensektor oder auch für die Berufskraftfahrer. Der Wettbewerb der Ausbildungsbetriebe um die Gunst der Schulabgängerinnen und Schulabgänger hat auch in diesem Jahr deutlich zugenommen, wobei die Qualität der Ausbildung bei den Betrieben an oberster Stelle steht. Die Chancen, einen Ausbildungsplatz zu bekommen, waren für junge Menschen selten so gut wie aktuell. Nach wie vor ist unser Ziel, die Berufswahlorientierung in den abgebenden Schulen deutlich zu verstärken, so auch in den Gymnasien. Gerade hier muss noch mehr über die großen Chancen informiert werden, die eine duale Berufsausbildung auch für Abiturienten mit sich bringt."

Kreishandwerksmeister Claus Gerhardt: "Auch wenn das Handwerk in diesem Jahr die Ausbildungszahlen gegenüber dem Vorjahr halten konnte, ist ein deutlich schärferer Wettbewerb in unserer Region um die Auszubildenden zu spüren. Auch jetzt nach mehr als zwei Monaten Ausbildungsbeginn werden uns in fast allen Ausbildungsberufen noch freie Ausbildungsstellen gemeldet. Vor allem zwei Dinge betrachten wir mit großer Sorge. Zum einen kann vor allem der kleine Betrieb mit der "Materialschlacht" der größeren Betriebe um die Auszubildenden nicht mithalten. Zum anderen haben es die Betriebe im ländlichen Raum aufgrund der demografischen Entwicklung und der mangelnden Mobilität junger Leute deutlich schwerer, Bewerber zu finden. Neue Chancen sehen wir als Handwerk in der Zuwanderung junger Flüchtlinge. Gefordert ist hier der Gesetzgeber, unnötige bürokratische Hemmnisse abzubauen und dafür zu sorgen, dass nach erfolgreicher Ausbildung junge Flüchtlinge bleiben dürfen. Unsere Berufsorientierungsangebote für die regionalen Schulen werden wir weiter ausbauen und optimieren. Junge Leute sind am ehesten für eine duale Ausbildung zu begeistern, wenn sie selber Hand anlegen und Berufe praktisch ausprobieren dürfen."

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